/

Noch einmal von vorn beginnen

Roman | Håkan Nesser: Die Lebenden und Toten von Winsford

Håkan Nesser ist ein Meister des stillen Thrills. Sowohl in seiner zehnbändigen Kommissar-van-Veeteren-Reihe als auch in den Büchern um seinen zweiten Serienhelden Gunnar Barbarotti hat er die krachende Action, die einige seiner nordeuropäischen Kollegen so lieben, immer vermieden. Stattdessen nahm er seine Leser mit auf eine Reise ins Innere seiner Figuren, erzeugte Spannung aus deren seelischen Bedrängnissen, unverarbeiteten Kindheitserlebnissen und nicht vergessenen Demütigungen heraus. Sein aktueller Roman Die Lebenden und Toten von Winsford begleitet eine Frau in die Einsamkeit eines kleinen südenglischen Dörfchens. Es geht um einen Neuanfang – doch die Vergangenheit holt Nessers Heldin ein. Von DIETMAR JACOBSEN

Winsford
Wer ist die geheimnisvolle Frau, die eines Tages in der südenglischen Gemeinde Winsford auftaucht, sich in ein abgelegenes Haus einmietet und außer ihrem Hund Castor offensichtlich kein lebendes Wesen hat, das sich um sie kümmert? Als Maria Anderson stellt sie sich vor. In Schweden, erfahren die, die fragen, sei sie eine bekannte Schriftstellerin und die Einsamkeit der Heidelandschaft wolle sie nutzen, um in äußerster Zurückgezogenheit ihr nächstes Buch zu schreiben.

Allein der Leser von Håkan Nessers neuem Roman Die Lebenden und Toten von Winsford weiß bald mehr. Denn der schwedische Bestsellerautor lässt seine 55-jährige Protagonistin nicht nur in langen Fußmärschen die neblige Umgebung von Darne Lodge, wie ihr neues Zuhause heißt, erforschen, sondern nimmt uns auch mit in die Vergangenheit der mysteriösen Fremden. Wir erfahren, dass sie verheiratet ist, zwei erwachsene Kinder hat, als Fernsehmoderatorin durchaus einen großen Bekanntheitsgrad in ihrer schwedischen Heimat besitzt und nicht sie, sondern eigentlich ihr Mann, Martin Holinek, der Schriftsteller in der Familie ist.

Geheimnisse einer schönen Unbekannten

Der musste allerdings gerade erleben, dass man ihn in Schweden der Vergewaltigung einer Hotelangestellten anklagte. Um die nötige Ruhe für die Fertigstellung eines Romans mit sehr privatem Hintergrund zu haben, hat er sich deshalb entschlossen, das Angebot eines Freundes anzunehmen und gemeinsam mit seiner Frau ein paar Monate auf dessen Anwesen in Nordafrika zu verbringen. Dort kommen die beiden allerdings nie an. Stattdessen taucht Maria allein in England auf. Davon, dass sie mit ihrem Partner unterwegs war, erfahren die Menschen, die sie in Winsford kennenlernt, allerdings nichts.

Ist sie also geflohen, um in der Ruhe und Abgeschiedenheit der Grafschaft Somerset über ihre Beziehung nachzudenken? Wird sie gar verfolgt und befindet sich in Gefahr? Håkan Nesser versteht es, ein dichtes Netz von Vermutungen, Anspielungen und merkwürdigen Begebenheiten um seine Protagonistin zu spannen, so dass der Leser bald selbst nicht mehr weiß, mit wem er es hier eigentlich zu tun hat – einer Heldin oder einer Märtyrerin, einer Täterin oder einem Opfer. Und sind die Zeichen, die nach einiger Zeit darauf hindeuten, dass jemand ihr folgt und jeden ihrer Schritte registriert, eingebildet oder real? Meint es der Programmierer Mark Britton, mit dem sich schon bald eine zarte Liebesgeschichte anzuspinnen scheint, ernst oder haben ihn die mysteriösen Mächte, von denen sich Maria verfolgt fühlt, auf sie angesetzt?

Zeichen des Unheils

Die Lebenden und Toten von Winsford ist ein Roman, der seine Spannung vor allem aus dem bezieht, was im Verborgenen bleibt. Denn obwohl relativ früh klar ist, warum Maria sich für Monate in die Einsamkeit Südenglands zurückgezogen hat, ihren Kindern, Freunden und Bekannten per Mail aber immer wieder einen gemeinsam mit ihrem Mann in der maghrebinischen Abgeschiedenheit verbrachten Arbeitsaufenthalt vorspielt, weiß man lange nicht, welche Pläne sie bezüglich ihrer Rückkehr nach Schweden verfolgt. Wird sie die Tür zu einem neuen Leben öffnen können, nachdem sie die zu ihrer vorherigen Existenz für immer geschlossen hat? Der Leser wünscht es ihr fast auf den letzten Seiten – doch Håkan Nesser wäre nicht er selbst, wenn er dem Wunsch nach einem schlichten Happy End tatsächlich nachkäme.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Håkan Nesser: Die Lebenden und Toten von Winsford
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
München: btb 2014
462 Seiten. 19,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe
| Dietmar Jacobsen über Håkan Nesser in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auszug aus der Einbahnstraße

Nächster Artikel

Fressführer 2015

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Finale furioso

Roman | Arne Dahl: Null gleich eins

Zum fünften Mal lässt der Schwede Arne Dahl Sam Berger und Molly Bloom ermitteln. Die beiden, die inzwischen eine kleine Tochter haben, werden von einer alten Bekannten, Kriminalhauptkommissarin Desiré Rosenkvist, genannt Deer, mit Ermittlungen zu einer geheimnisvollen Mordserie betraut. Jeweils am fünften eines Monats findet sich an einem jeweils anderen kleinen Sandstrand in den Stockholmer Schären eine sorgsam dort platzierte Leiche. Weil niemand bei der Nationalen Operativen Abteilung (NOA), für die Deer arbeitet, an eine Verbindung zwischen den bereits drei Morden glaubt, engagiert sie Sam und Molly, die mit ihrer kleinen Detektei, der »Bootshaus Security AG« nicht gerade die spannendsten Fälle zu bearbeiten haben und froh sind, endlich wieder einmal »richtige Ermittlungen« aufnehmen zu können. Von DIETMAR JACOBSEN

Der kosmopolitische Charme des Commissario Brunetti

Sachbuch | Elisabeth Hoffmann, Karl-L. Heinrich: Auf den Spuren von Commissario Brunetti / Katharina Holtmann: Auf den Spuren von Donna Leon in Venedig Erklären, aus welchen Gründen Commissario Brunetti bei den Deutschen so außerordentlich beliebt ist? Bei Lichte betrachtet ist er doch gar kein Italiener. Der Schein trügt, denn Brunetti hat unverkennbar preußische Züge. All die komplizierten Verbrechen aufzuklären, die ja oft weit über die Landesgrenzen hinausreichen, dazu gehört logisches Denken, ein hohes Maß an Disziplin, präzise Organisation. Von WOLF SENFF

New Orleans im Ausnahmezustand

Krimi | James Lee Burke: Sturm über New Orleans New Orleans im Ausnahmezustand. Nach Hurrikan »Katrina« herrscht das Chaos in der zu drei Vierteln überfluteten Stadt. Fast 2.000 Tote, unzählige Obdachlose und eine US-Regierung, die mit der Katastrophe nicht zurechtkommt, ganze Stadtteile tagelang sich selbst überlässt. In dieser Atmosphäre lässt James Lee Burke (*1936 in Houston/Texas) seinen 16. Dave-Robicheaux-Roman spielen. Es ist sein zornigster und einer, der sich ohne Wenn und Aber auf die Seite jener stellt, die, wie der Autor schreibt, sich mit Recht als die Opfer eines unerhörten Verrats der Regierenden an der eigenen Bevölkerung sehen dürfen. Mit

Feindliche Übernahme

Roman | Dominique Manotti: Kesseltreiben Dominique Manotti gilt als Expertin in Wirtschaftsfragen. Und, weil sich in ihren Romanen profundes ökonomisches Wissen, ein wiedererkennbarer Individualstil und das Gespür für spannende Plots verbinden, auch als eine der besten und aufregendsten Thrillerautorinnen, die Europa zurzeit hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Herz ist Trumpf

Roman | Wolf Haas: Müll

Wolf Haas lässt seine Leser schon mal zappeln. Doch nach langer Wartezeit kehrt nun endlich Simon Brenner zurück, jener verschrobene, verkrachte Ermittler, der in derart abstruse Mordfälle verwickelt wird, dass sie jedes Krimi-Genre sprengen. In Müll, dem nunmehr neunten Band der skurrilen Serie, treten alte und neue Kollegen auf den Plan, ein Fuhrunternehmer mit achtzigprozentiger Blindheit und ein vietnamesischer Paketzusteller mit verdächtigen Aufstiegsambitionen. Von INGEBORG JAISER