» … Tagarbeiter, kein Nachtarbeiter«

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Comic | Interview mit Flix

Der Berliner Comic-Künstler Flix konnte den frankobelgischen Serienklassiker ›Spirou‹ mit einem Spezialband bereichern. CHRISTIAN NEUBERT hat mit Flix über diese Sensation und seine Arbeit als Comic-Zeichner gesprochen. Der Band selbst, ›Spirou in Berlin‹, erscheint am 31.7. bei Carlsen.

Auf dem Comic Salon war Dir eine Ausstellung gewidmet. Ihr Titel: ›Comic-Zeichner als Beruf‹. Nachdem Comics also Dein Beruf sind: Wie sieht da ein typischer Arbeitstag aus? Gibt es so was?
Spirou in BerlinJa, das gibt es – und sieht von außen bestimmt sehr unspektakulär aus. In letzter Zeit hatte ich eine umfangreiche Arbeitsphase, was in diesem Fall natürlich am Spirou-Band gelegen hat, den ich machen darf. Je mehr ich mich in so einer Phase reinhänge, desto rhythmischer und durchgetakteter werden meine Tage. Ich halte da durchaus starre Arbeitszeiten ein, wie man sie in einem geregelten Angestelltenverhältnis hat. Dazu kommt: Ich bin Tagarbeiter, kein Nachtarbeiter. Dass ich mich nach dem Abendessen noch mal zum Zeichnen hinsetze, kommt ganz selten vor, da muss dann schon hoher Druck herrschen.

Aber generell bin ich gut organisiert, mache mir genaue Pläne – auch langfristige, Monatspläne, Halbjahrespläne. Die teilen mein tägliches Pensum ein. Mittlerweile kann ich ganz gut einschätzen, wie viel ich pro Tag schaffen kann. Zum Beispiel eineinhalb Seiten Spirou skizzieren. Eine Seite tuschen. Eineinhalb Tage brauche ich für eine ›Glückskind‹-Folge, drei für eine von ›Ferdinand‹, wenn ich es entspannt angehen will. So setzt sich das zusammen.

Nachdem Du verschiedene Medien regelmäßig mit Strips bedienst, musst Du Dich ja an viele unterschiedliche feste Termine orientieren. Hast Du da eigentlich Vorlaufzeit? Oder legst Du mit einer Serie mal nen Zwischenspurt ein, um eine Weile überbrücken zu können?
Im Grunde arbeite ich da Monat für Monat bzw. Woche für Woche. Dass ich schon mal nen Stapel auf Vorrat herunterarbeite, passiert selten. Der Rest organisiert sich dann so drum herum.

Comiczeichner Flix © Carlsen Verlag by Mari Boman
Comiczeichner Flix
© Carlsen Verlag / Mari Boman

Du teilst Dir ja mit Marvin Clifford ein Atelier, ebenfalls ein Comic-Künstler…
Ja, in Berlin. Es ist nicht sehr groß, hat so 35, 40 Quadratmeter. Zwei Räume, jeder hat seinen, dazwischen ne kleine Küche.

Würdest Du sagen, dass Ihr Euch durch diese Arbeitssituation gegenseitig bei Euren Comics befruchtet?
Ja, definitiv. Wir gehen uns immer wieder gegenseitig zur Hand, tauschen Ideen aus, erklären dem anderen, wie eine Geschichte funktionieren muss, wenn der gerade nen Hänger hat – zur Aufmunterung und aus kollegialer Überheblichkeit. Daraus entsteht oft irgendetwas, mit dem sich dann weiterarbeiten lässt. Das hilft.

In der Regel entwickelst Du Deine Storys ja alleine, Du schreibst und zeichnest sie, bist sozusagen Autorenzeichner. Bei ›Münchhausen‹ allerdings warst Du nur für das Szenario zuständig, nicht für die zeichnerische Umsetzung. Hat sich diese Art zu arbeiten stark von Deinem sonstigen Comic-Schaffen unterschieden? Geht man da anders an eine Geschichte ran?
Auf jeden Fall. Ich würde das auch gerne ausbauen und weitere Szenarien entwickeln, die dann Zeichner umsetzen sollen, die das je nach Thema stilistisch besser, passender hinkriegen als ich. Ich selbst empfinde mich als einen ausreichenden Zeichner. Es gibt viele Leute, die das viel virtuoser können. Ich kann erzählen, kann Erzählbögen organisieren. Gerne auch für andere. Vielen sehr guten Zeichnern ist es eine große Hilfe, wenn sie ein stehendes Skript vorgelegt bekommen.

Hast Du dann viele Vorgaben an den entsprechenden Zeichner? Seitenlange Ausführungen in Alan Moore-Manier?
Nein, ich mache eher Vorschläge. Man redet, bespricht Sachen, und schließlich gewinnt die bessere Idee. Wobei es aber schon einzelne Szenen oder Seiten gibt, die ich haargenau so umgesetzt haben möchte, wie ich es vorgesehen habe, damit das Ergebnis stimmig bleibt. Je mehr man im weiteren Verlauf der Handlung Verbindungen und Erzählebenen schafft, desto penibler muss man da vorgehen. So gesehen empfinde ich die Arbeit eines Autorenzeichners leichter als die des reinen Szenaristen. Weil man sich auf sein Gefühl verlassen kann – und es nicht auch noch anderen erklären muss.

Apropos »erklären muss« – kommen wir mal zu Spirou: Erklär mir doch mal, wie es zustande kam, dass Du einen Spirou-Band übernehmen kannst? Da ist ja immerhin eine mindestens mittlere Sensation …
Ich würde sagen, es ist das Ergebnis einer Reihe glücklicher Umstände. Noch vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen, dass ein deutscher Zeichner einen frankobelgischen Klassiker umsetzen darf. Aber in den letzten Jahren hat sich einiges geändert. Inzwischen fand innerhalb großer frankobelgischer Serien – z.B. Asterix, Lucky Luke und eben Spirou – eine Art Generationswechsel auf organisatorischer Ebene statt. Man hat erkannt, dass gängige, etablierte Muster überdacht werden müssen, um die jeweilige Serie in die Zukunft zu überführen. Das Leseverhalten der Leute, ihre ganze Wahrnehmung verändert sich. Damit muss man umgehen.

Bei Spirou gab es die Idee, die Serie offen zu halten. Es gab ja immer wieder Wechsel innerhalb der Zeichner- und Autorenriege, bei beständiger Weiterentwicklung, was zwangsläufig auf Kosten von Ideen geht, die aus inszenatorischen Gründen nicht eingebracht werden können. Also schafft man Spezial-Bände, zum Experimentieren, für andere Ansätze, um das Spektrum zu erweitern. Man generiert Interesse.

Und so kam es, dass sich Dupuis, der belgische Verlag, mit Carlsen, dem deutschen Lizenznehmer, zusammengesetzt hat. Weil Spirou innerhalb seiner Reisen noch nicht in Deutschland war. Schnell war dann Berlin im Gespräch, als geschichtsträchtige Stadt, anhand der man viele Aspekte europäischer Geschichte der letzten hundertfünfzig Jahre erzählen kann – was natürlich wie geschaffen ist für ein Spirou-Abenteuer. Klaus Schikowski von Carlsen regte schließlich an, dass da ja evtl. ein deutscher Künstler umsetzen könnte. Dupuis war anfangs zwar skeptisch, aber einen Pitch könne man ja vorlegen.

Nun kenne ich ja Klaus, Carlsen verlegt meine Bücher. Er sprach mich auf die Idee an – und ich war sofort begeistert. Einfach, weil ich mich in frankobelgischen Comics seit jeher zu Hause fühle. Außerdem konnte ich von Berlin erzählen, eine super Kombination. Ich habe also eine Story entwickelt, die wir dann gemeinsam im Team ausgebaut haben. Das Ergebnis wurde Dupuis vorgestellt – und Schritt für Schritt, nach inzwischen über zwei Jahren Arbeit, können wir nun ein Ergebnis präsentieren.

Du hattest bestimmt viele Vorgaben, an die Du Dich halten musstest …
Klar, wobei ich dachte, dass das viel mehr sind. Einige ergeben sich aus der rechtlichen Situation. Dass zum Beispiel diverse Figuren nicht vorkommen durften, aufgrund lizenzrechtlicher Vorgaben. Es gibt auch Vorgaben, wie man mit Figuren umzugehen hat. So ist Spirou nun mal der Held und muss es bleiben. Ich hätte unmöglich eine gebrochene Figur aus ihm machen können. So etwas weiß man im Grunde eh, dennoch wird es deutlich formuliert. In einer ersten Fassung von mir war zum Beispiel Fantasio viel deutlicher im Vordergrund, er war die tragende Figur, das ging nicht.

Dass man an einem Comic arbeitet, der sich explizit auch an Jugendliche richtet, weiß man auch – und vergisst daher nicht, dass es keinen expliziten Sex gibt, keine Toten. Es wird zwar geschossen, aber es fließt kein Blut. Klar schränkt das einen irgendwo ein, aber es geht eben um eine Tradition, innerhalb der man sich als Künstler bewegt.

Ist es Dir schwergefallen, Dir das Zeichnen von Spirou und Co. draufzuschaffen?
Jein. Ich habe natürlich viel anhand der Vorbilder geübt. Es geht aber durchaus auch darum, eine eigene Handschrift einzubringen. Innerhalb der Spezialbände hat man da schon seine Möglichkeiten.

spirou--fantasio-spezial-spirou-in-berlin Leseprobe

Gibt es eigentlich schon Gespräche über einen eventuellen weiteren Band?
Aktuell sind wir ja praktisch noch an unserem ersten Band dran. Erst letzte Woche habe ich die letzten Striche gemacht. Gerade wird von Dupuis alles final abgenommen. Letzte Details werden besprochen. So gesehen sind wir gedanklich noch bei Band 1. Einen zweiten zu machen, wäre natürlich geil. Eine Idee hätte ich auch schon …

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Flix: Spirou & Fantasio Spezial: Spirou in Berlin
Hamburg: Carlsen 2018
64 Seiten, 16 Euro
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Reinschauen
| ›Spirou in Berlin‹ bei Carlsen
| Homepage von Flix

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