Gestatten, Silas Corey

Comic | Fabien Nury, Pierre Alary: Silas Corey 1: Der Aquila-Ring

Der zur Zeit des Ersten Weltkriegs angesiedelte Spionagekrimi ›Silas Corey‹ des hochkarätigen Duos Fabien Nury und Pierre Alary verspricht originelle Genreunterhaltung. Der erste Band ›Der Aquila-Ring‹ bietet ein abgeschlossenes Abenteuer, das BORIS KUNZ dann auch als zufriedenen Leser zurückgelassen hat.

Fabien Nury - Pierre Alary - Silas Corey 500Frühjahr 1917: Auf französischem Boden tobt der Erste Weltkrieg, die Zahl der Toten geht in die Millionen, das Volk ist kriegsmüde. Der politische Hardliner und ehemalige Ministerpräsident Clemenceau ist jetzt in der Opposition, sucht aber nach einem Weg, noch einmal an die Macht zu kommen, damit Frankreich nicht als Verlierer aus dem Krieg hervorgeht. Die Gelegenheit bietet sich ihm, als ein schmieriger Journalist namens Casella eine geheime Botschaft auf einer Briefmarke abfängt, die genug Zündstoff hätte, um die Regierung Caillaux zu stürzen. Doch ehe er die Briefmarke übergeben kann, verschwindet Casella. Um den verschwundenen Journalisten zu finden, wird ein ehemaliger Soldat und Reporter beauftragt, der inzwischen als Privatdetektiv arbeitet: Silas Corey.

Corey, die charismatische Hauptfigur der Geschichte, verbirgt hinter seinem geschniegelten, dandyhaften Erscheinungsbild sämtliche Eigenschaften eines »Hard Boiled«-Ermittlers: Corey ist nicht nur geschickt darin, die Spur des Verschwundenen aufzunehmen, sondern spielt dabei auch noch sein ganz eigenes Spiel. Corey weiß, dass nicht nur Clemenceau, sondern auch der französische Geheimdienst und die steinreiche Waffenfabrikantin und Kriegsgewinnlerin Madame Zarkoff großes Interesse an Casella und seiner Briefmarke haben – und so lässt er sich gleich von mehreren verfeindeten Parteien für seine Arbeit bezahlen. Und das sogar, ohne vor seinen diversen Auftraggebern einen großen Hehl zu machen.
So geraten Corey und sein nicht minder cleverer vietnamesischer Sidekick Nam in ein spannendes Intrigenspiel, das immer weitere Kreise zieht und in dem schließlich auch noch eine ehemalige große Liebe von Corey eine entscheidende Rolle spielen wird.

Spaß und Spannung im Ersten Weltkrieg?

Der Erste Weltkrieg scheint in Frankreich – zumindest im Bereich der Comics – ein beliebtes Sujet zu sein, und zwar nicht nur für die knallharte Aufarbeitung im Stile eines Tardi. Der Abstand zu dieser Epoche ist längst groß genug, um sie als Hintergrund reiner Abenteuersujets tauglich zu machen. Vor diesem Hintergrund erzählt Autor Fabien Nury (›XIII Mystery‹) allerdings zunächst einen klassischen Noir-Krimi, der erst nach und nach an historischer Dimension dazugewinnt, diese aber immer geschickter in die Kriminalhandlung einbaut.

Zwar spielen historische Figuren wie Clemenceau darin mit, und es haben auch tatsächliche historische Ereignisse für die Handlung Pate gestanden. Letztlich ist sie aber doch frei erfunden und biegt sich die tatsächliche Historie so zurecht, wie sie es braucht. Der Plot spart auch Action-Sequenzen und Verfolgungsjagden nicht aus, besticht aber vor allem durch seine Vielschichtigkeit und Glaubwürdigkeit. Nury benutzt das Jahr 1917 nicht einfach als dekorativen Hintergrund, sondern entfaltet ein zwar fiktives aber doch spannendes Zeitporträt, aus dem er seine Krimihandlung generiert.

Freude macht dabei vor allem die angenehm altmodische Ermittlerfigur Silas Corey. Er ist menschlich, ohne gebrochen zu sein und hat im Intrigenspiel immer knapp die Nase vorn, ohne dabei zum Übermenschen á la Sherlock Holmes zu avancieren. Schnell wird dem Leser klar: Corey hat durchaus das Zeug, in Serie zu gehen.

Fabien Nury - Pierre Alary - Silas Corey Leseprobe
Silas Corey spielt vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs
Abb: Splitter Verlag
Zeichner Pierre Alary serviert diese Geschichte in einer modernen Variante des klassischen französischen Funny-Stils, einer gelungenen Symbiose aus karikaturhafter Überzeichnung wie bei Lucky Luke und aufwendigem Ausstattungs-Eyecandy im Stil von Enrico Marini. Dass dieser Stil sich für historische Genrestoffe ausgezeichnet eignet, hat Alary bereits in ›Belladonna‹ bewiesen, und diesem Stil bleibt er auch hier absolut treu. Die Figuren haben Ecken und Kanten, die Zeichnungen wirken flott und modern, tragen aber dennoch auch den ernsten und dramatischen Aspekten der Geschichte Rechnung.

Fazit: Das erste Abenteuer von Silas Corey, mit 128 Seiten ein besonders gewichtiges Splitter-Double, erfüllt als gelungener Genremix mit gewitztem Plot und gekonnten Zeichnungen alle Erwartungen, die der Fan haben kann. Man darf sich auf die Fortsetzung freuen!

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Fabien Nury (Text), Pierre Alary (Zeichnungen): Silas Corey 1: Der Aquila-Ring
(Silas Corey: Le Réseau Aquila) Aus dem Französischen von Harald Sachse
Bielefeld: Splitter Verlag 2016
128 Seiten, 24,80 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Blog des Zeichners
| Über Fabien Nury

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine ganz neue Welt

Nächster Artikel

Think less, be successful!

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Bannerträger des Donaldismus

Kulturbuch | Patrick Bahners: Entenhausen. Die ganze Wahrheit Begründet wurde der Donaldismus im Jahr 1977 durch Hans von Storch als »Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus« – D.O.N.A.L.D. Der verständnislose Außenstehende vermutet darin eine Verschwörungstheorie, die mit allen erdenklichen Mitteln bemüht ist, eine Comicwelt in der Realität zu verwurzeln. Von WOLF SENFF

Ein Leben im Rückspiegel

Comic | Marc-Antoine Mathieu: Otto Das Leben – ein Spiel, rückblickend im Spiegel betrachtet: Comic-Grenzgänger Mathieu reflektiert in seinem neuen Band ›Otto‹ mit philosophischen Denkexperimenten über die Erinnerungen seines titelgebenden Helden. Er ist jüngst bei Reprodukt erschienen. CHRISTIAN NEUBERT ist begeistert.

»Wir wollten uns einfach mal austoben«

Comic | ICSE 2016 Spezial: Interview mit Sascha Wüstefeld und Ulf Graupner Es war wohl voreilig, sich für ein Interview mit den Machern der Fortsetzungsstory ›Das UPgrade‹, Ulf Graupner und Sascha Wüstefeld, am Rande des Erlanger Comic Salons zu melden. Als er die beiden ersten Bände gelesen hatte, hatte ANDREAS ALT das Gefühl, er müsste sich mit der DDR-Gesellschaft und mit dem ostdeutschen Comicheft ›Mosaik‹ viel besser auskennen, um das zu verstehen. Ganz abgesehen davon, dass die Story munter durch die Zeiten springt und auch sonst ziemlich verrätselt ist. Besser, den beiden Künstlern gleich zu Beginn des Gesprächs zu gestehen,

Ach, Hase

Comic | Mawil: Strand Safari Noch vor ›Wir können ja Freunde bleiben‹ hat der Berliner Mawil eine lange Comicerzählung geschaffen: ›Strand Safari‹. Sie wird jetzt in seinem Hausverlag neu aufgelegt und ist in den Augen von ANDREAS ALT weit mehr als ein Frühwerk.

Ein starkes Zeichen gegen Mobbing

Jugendbuch | Magali Le Huche: Die kleinen Königinnen

Eigentlich mag man es kaum glauben: drei Mädchen gewinnen einen Wettbewerb in Bourg-en-Bresse. Es geht um Gold, Silber und Bronze im Hässlichkeitswettbewerb »Wurst des Jahres«. Was eigentlich zu Wut und Verzweiflung führt, wird hier zu Wut, Solidarität und einer coolen Aktion, freut sich ANDREA WANNER