Vom Kongo zur Elfenbeinküste

in Comic

Comic | C.Perrissin/T.Tirabosco: Kongo / M.Abouet, C.Oubriere: Aya

Die Comicalben ›Kongo‹ (avant) und ›Aya‹ (Reprodukt) laden ein zu einer Entdeckungsreise nach Afrika. Anlass für BORIS KUNZ, sich ein wenig Gedanken darüber zu machen, was für ein Bild des »schwarzen Kontinents« dem Comicleser so vermittelt wird.

KongoDer auf die amerikanische Comiczeichnerin Alison Bechdel zurückgehende ›Bechdel-Test‹ ist ein gerne herangezogenes Beispiel für die Dominanz von Männerfiguren in fiktiven Erzählungen, hauptsächlich in Filmen. Ein Film besteht den Bechdel-Test nur, wenn darin mindestens zwei Frauenfiguren vorkommen, die einen dem Zuschauer bekannten Namen haben, und sich mindestens eine Minute lang gemeinsam über etwas anderes als Männer unterhalten.
Eine spannende Erweiterung gerade im Bereich der Comics, wäre es wohl, diesen Test auf Comicalben anzuwenden, die in Afrika spielen, und die ein Comic nur dann bestehen kann, wenn darin zwei schwarze, gebürtige Afrikaner vorkommen, die keiner weißen Hauptfigur a) als Diener untergeordnet oder sie b) in den Kochtopf schmeißen möchten, und die c) über mindestens eine Comicseite ein Gespräch in korrekter Grammatik miteinander führen, in dem es nicht um den Ärger mit weißen Männern geht. Man möchte vermuten, dass große Klassiker wie ›Tim im Kongo‹, ›Aktion Nashorn‹ und vermutlich sogar das ›Phantom‹ dabei nicht sonderlich gut wegkommen würden – nicht anderes als moderne Kunstwerke wie ›Doppeltes Glück mit dem roten Affen‹.

Die beiden hier vorgestellten Comicalben würden bei diesem Test Resultate erzielen, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten – über die künstlerische Qualität der Alben sagt das aber tatsächlich noch nicht viel aus.
Kongo

Kongo spielt im Jahre 1890 und beschreibt laut Untertitel »Joseph Conrads Reise ins Herz der Finsternis«. Der Autor Christian Perrissin rekonstruiert die Erlebnisse des polnischen Adeligen, der damals seine Karriere als Schriftsteller erst noch vor sich hatte, und spürt den realen Personen und Vorkommnissen in den belgischen Kolonien nach, aus denen knapp zehn Jahre später eine der bekanntesten und einflussreichsten Novellen der Kulturgeschichte werden sollte. Die Parallelen sind tatsächlich ebenso erstaunlich wie erschreckend, und auch Conrad selbst gibt, obwohl eher eine passive Beobachterfigur, einen charismatischen Hauptdarsteller für diese grafische Novelle ab.

Wer ›Heart of Darkness‹ gelesen hat, der wird in Kongo viel entdecken, was ihm bekannt erscheinen mag. Konrad Korzeniowski, damals ein arbeitsloser Hochseekapitän und etwas unglücklich in seine eigene Tante verliebt, soll das Kommando über eines der zahlreichen kleinen Dampfboote übernehmen, die zwischen Kinshasa und den kolonialen Außenposten am Ufer des Kongo Elfenbein transportieren. Statt auf Abenteuer oder gar eine im Entstehen begriffene Zivilisation trifft Conrad auf desolate Zustände, erlebt die brutale Ausbeutung der Einheimischen durch skrupellose Geschäftemacher und windige Bürokraten, die andererseits weder mit dem Klima noch mit den Lebensumständen in Afrika wirklich zurechtkommen und entweder sterbenskrank den Heimweg antreten oder moralisch vollkommen verwahrlosen. Conrad hat dem Irrsinn, der sich in immer größerer Brutalität vor ihm entfaltet, je weiter er auf dem Fluss ins Landesinnere vordringt, kaum etwas entgegenzusetzen und muss am Ende selbst zusehen, wie er überhaupt mit dem Leben davon kommt.

Der Comic thematisiert das Phänomen des Kolonialismus aus der Perspektive eines weißen Beobachters, der weniger dem fremden Land näherkommt, sondern mehr unter dem Verhalten seiner (weißen) Mitmenschen zu leiden hat. Da diese »Pappmaché-Stanleys« und Vorbildfiguren für Kurtz im Fokus der Erzählung stehen, ist es auch verständlich, dass dieses Album den afrikanischen Bechdel-Test kaum bestehen würde. Die Kongolesen blieben in dieser Geschichte auf malerische Randfiguren reduziert. Das ist für dieses Album aber auch durchaus legitim, schließlich macht es sich ganz eindeutig den Blickwinkel seiner Hauptfigur zu eigen.

Was als reine Comicadaption von ›Heart of Darkness‹ vermutlich eher eine banale Angelegenheit geworden wäre, erfährt durch die historischen Bezüge tatsächlich eine neue Dimension. Die hervorragenden Zeichnungen von Tom Tirabosco haben auf der einen Seite die dokumentarischen Qualitäten eines Joe Sacco, erweisen sich aber auch den stimmungsvollen Beschreibungen Conrads als durchaus angemessen. Im Gegensatz zu seinen Arbeiten mit Wazem verzichtet Tirabosco diesmal vollkommen auf Farbe und lässt seine beeindruckenden Kohlezeichnungen in reinem schwarz-weiß wirken, wodurch sie noch einmal mehr an Dichte und Eindringlichkeit gewinnen. Christian Perrissin, der sich in einem Anhang auch noch einmal ausführlich zu den historischen Hintergründen seiner Erzählung äußert, lockt den Leser mit dem Flair einer Abenteuergeschichte in den Comic hinein wie der belgische König Leopold II die Kolonialisten in den Kongo, um sie dann auf einen Höllentrip zu schicken. Dabei findet er eine gute Balance zwischen psychologischer Charakterstudie und bissiger Zustandsbeschreibung eines großen Menschheitsverbrechens.

Aya

Aya CoverEin völlig anderes Bild von Afrika vermittelt der dicke Comicwälzer ›Aya‹, in dem die in Paris lebende Autorin Marguerite Abouet auf ihre eigene Jugend zurückblickt. Die Geschichten spielen Ende der 70er Jahre in einem Viertel von Abidjan, der damaligen Hauptstadt der Elfenbeinküste, und drehen sich um eine Clique von 19jährigen Freundinnen und deren Familien. ›Aya‹ ist eine klassische, breit angelegte Comin-of-Age Geschichte, die auf eine erfrischend selbstbewusste Art und Weise die kulturelle, wirtschaftliche und soziale Lage der Elfenbeinküste mit beleuchtet, ohne sie zum Thema zu machen.

Knapp 20 Jahre nach der politischen Unabhängigkeit vom vormaligen Kolonialherren Frankreich angesiedelt, spielt das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen überhaupt keine Rolle in den Geschichten. Weiße Figuren tauchen so gut wie überhaupt nicht auf. Dafür allerdings wird viel von Paris gesprochen – dem Mekka, in das alle ziehen wollen – sei es, um dort finanziell etwas aus sich zu machen oder um dort offen ihre Homosexualität leben zu können, was zu dieser Zeit an der Elfenbeinküste noch ein Ding der Unmöglichkeit war. Doch Ayas Viertel ist auch bevölkert von Rückkehrern aus Paris, die es dort eben nicht geschafft haben.

Die stärkste Parallele beider Alben liegt tatsächlich in der eher passiven Hauptfigur, die selbst nicht unbedingt Träger der Handlung ist, sondern eher das Chaos um sie herum beobachtet und kommentiert. So wird Aya Zeugin zahlreicher Liebesgeschichten und Beziehungsdramen: Es geht um Eifersüchteleien, ungewollte Schwangerschaften, arrangierte Hochzeiten, Familien die zu zerbrechen drohen, als der Vater sich eine Zweitfrau ins Haus holen will, und um eine Misswahl. Eigentlich sind die Stories aus purem Soap-Opera Material gestrickt, und ›Aya‹ könnte durchaus als ›Lindenstraße‹ der Elfenbeinküste durchgehen.

Doch entscheidend ist, wie dieser Inhalt transportiert wird. Die lebendigen Zeichnungen und Dialoge, der originelle Wortwitz und die in all ihren Fehlbarkeiten stets sympathischen Figuren, all das ist es, was ›Aya‹ über das Lokalkolorit hinaus zu einer lohnenswerten Lektüre macht. Die Dialoge sind nicht nur voller wunderbarer Sprichworte, sondern auch von unübersetzbaren Ausrufen und Lautworten durchzogen, an die man sich aber schon nach ein paar Seiten gewöhnt hat, und die viel zum originellen Flair des Comics beitragen. Die Zeichnungen von Clément Oubriere erinnern mit ihrer filigranen Linienführung stark an Joann Sfar. Auch Oubriere kommt mit wenigen Strichen aus, um seine Figuren zu portraitieren, legt aber großen Wert auf die Details und Hintergründe, auf Architektur, Kleidung, Autos etc. und lässt so ein sehr lebendiges, authentisches Gefühl für den Ort und die Zeit beim Leser entstehen. Die sorgsame Farbgebung hat einen großen Anteil an dem naturalistischen Flair der Zeichnungen, wenn Aya und ihre Freundinnen in ihren farbenfrohen Kleidern durch das monochrome Stadtbild ihres staubigen Viertels laufen. In Tiraboscos Schwarz-Weiß wäre dieser Comic undenkbar.

›Aya‹ ist der Beginn einer längeren, fortlaufenden Erzählung, die mit den in diesem dicken Band versammelten drei Alben noch nicht abgeschlossen ist. Eine Veröffentlichung weiterer ›Aya‹-Bände in Deutschland ist nur zu wünschen – denn hat man die zahlreichen Figuren erst einmal lieb gewonnen, könnte man ihnen noch lange Zeit folgen – und das ist ja auch das Ziel jeder Soap-Opera. Damit gewinnt ›Aya‹ nicht nur unseren Bechdel-Test, sondern vor allem die Herzen der Leser.
 
| BORIS KUNZ

Titelangaben
Christian Perrissin (Text), Tom Tirabosco (Zeichnungen): Kongo – Joseph Conrads Reise in Herz der Finsternis
(Kongo – Le ténébreux voyage de Józef Teodor Konrad Korzeniowski)
Aus dem Französischen von Annika Wisniewksi
Berlin: Avant Verlag 2013, 176 Seiten, 24,95 €

Marguerite Abouet (Text), Clément Oubriere (Zeichnungen): Aya
(Aya de Yopougon Volumes 1 – 3)
Aus dem Französischen von Kai Wilksen
Berlin: Reprodukt, 2014, 360 Seiten, 39 €

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