Die Magie des »Schema F«

Comic | Fletcher Hanks‘ Bizarre Comic Kunst

Fletcher Hanks war von 1939 bis 1941 Tagelöhner der US Comic-Industrie. Mit limitierten Mitteln schuf er bizarre Preziosen, die auf wenigen Seiten viel surreales Potenzial ausschöpfen. Dank eines Sammelbands des BSV-Verlags kann man Hanks nun neu entdecken. Was eine Zeitreise darstellt, die CHRISTIAN NEUBERT gerne unternommen hat.

fletcher hanks bizarre comic kunstAnalog zum Begriff des Autorenfilmers, zu dem man autonome Regie-Größen wie Kubrick und Kluge, Fassbinder und Fellini, Herzog und Hitchcock zählt, wird im Comic Bereich immer wieder von Autorenzeichnern gesprochen – von Comic-Schaffenden, die ihre Werke als Ein-Personen-Unternehmen erzeugen. Da fallen einem zunächst Künstler wie Art Spiegelman oder Chris Ware ein, Daniel Clowes oder Robert Crumb. Leute von Rang und Namen, die für komplexe Werke stehen, für verlegerische Wagnisse und für Formate, die den heute gängigen Graphic Novel-Begriff beförderten. Man hat direkt dicke Wälzer vor Augen, die sich weit ausholend den schweren Themen menschlicher Lebenswirklichkeit annehmen. Anstatt in erster Linie leicht unterhalten zu wollen.

Dabei geht das auch ganz anders. Egal ob Film oder Comic: Siehe Ed Wood. Oder, im Comic-Bereich, Fletcher Hanks, den man nun Dank des Hannoveraner BSV-Verlags neu entdecken kann.

Zeitreise ins Krude

Im Gegensatz zur heutigen Trashfilm-Ikone Wood war Hanks keineswegs ein ambitionierter Stümper. Denn während Wood mit vollem Ernst seinem erklärten Vorbild Orson Welles nacheifern wollte – und nach künstlerischen Gesichtspunkten stets meilenweit zurücklag – wusste Hanks wohl sehr genau, welchen Stand er innerhalb des Comicbetriebs hatte: Den des Tagelöhners. Die Goldene Ära des US-amerikanischen Comics verlangte ständig nach neuen Geschichten. Die vielen Hefte, in denen sie erschienen, mussten »just in time« bedient werden – und Hanks lieferte konsequent ab.

Unter verschiedenen Pseudonymen schuf er in den Jahren 1939 bis 1941 für diverse Comic-Heftreihen Genre-Stoffe, deren archetypische Inhalte kaum Einführung benötigten und schnell auf den Punkt kamen. Er zeichnete den prügelwütigen Waldarbeiter und Hillbilly-Helden Big Red McLane. Die Weltraumheroen Space Smith und Stardust. Den Dschungelmagier Tabu und Fantomah, dessen weibliches Pendant, die ihr gewinnendes (Bleich-)Gesicht inklusive ihrer betörend blonden Haarpracht immer wieder aus dramaturgischen Gründen zur Totenschädelfratze erstarren lässt – und die eventuell gar die allererste Superheldin der Comic-Geschichte ist.

Hanks erdachte kleine Geschichten, die sich auf ein paar Seiten realisieren ließen, zeichnete, kolorierte und letterte sie. Sein Handwerkszeug hat er sich via Workshop angeeignet, den er mit Anfang 20 von Muttern geschenkt bekam. Seine Storys kommen schnell auf den Punkt, was natürlich von den Formatvorgaben gefordert wurde. Dabei fällt vor allem eines auf: Mit Ausnahme seiner Big Red McLane-Stories, bei denen irgendwelche hanebüchenen Ereignisse, wie sie eben nur Mischwald-Settings hervorbringen können, faustdicke Anlässe zum Prügeln bieten, kulminiert bei Hanks alles in merkwürdig ritualisierten Bestrafungsfantasien – ohne dass es zuvor, ganz superheldenuntypisch, zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt.

Die Magie des »Schema F«

Das inszeniert sich dann ungefähr so: Sinistere Superverbrecher mit eigenwilliger Physiognomie, die in ihrem übersteigerten Größenwahn selbst Bond-Bösewichten spotten, versuchen auf irgendeine obskure Weise, je nachdem, den Dschungel, die Welt oder das Weltall zu unterjochen bzw. zur zerstören. Warum? Aus Wahn oder Wut oder weil sie’s können. Von den superheldenhaften Hanks-Heroen werden sie zunächst argwöhnisch beäugt, verwarnt oder mit Sorge betrachtet. Bevor sie ihre Pläne jedoch verwirklichen können, zaubern seine Recken irgendeine mysteriöse Kraft oder ähnlich zweckmäßige Apparatur hervor – und zack, nix war´s mit dem monströsen Megaplan. Stattdessen werden die Bösewichte fantasievoll abgestraft, was dann schon mal ein Viertel der Story ausmachen kann.

fletcher hanks bizarre comic kunstNatürlich ist das spätestens ab der dritten oder vierten Story höchst einseitig und redundant – ein Vorwurf, der sich wohl überhaupt auf große Teile der US-Superhelden-Comics übertragen lässt. Hanks Preziosen retten sich jedoch dadurch aus der Beliebigkeit, indem ihr Schöpfer aus der Not eine Tugend gemacht hat. Teils aus Zeitdruck, teils aus Unvermögen, gehorchen seine repetitiven Bilderfolgen einer kruden Ökonomie. Die aber verzaubert, weil ihre Formelhaftigkeit das inhärente Märchenpotenzial ausschöpft. Was bizarre Blüten treibt, stellt man den statischen Zeichnungen, bei denen lediglich die Figuren abgehoben sind – ständig lässt Hanks die Helden und Gegner fliegen oder schweben – die sich hopplahopp-inszenierten Bedrohungsszenarien entgegen.

Auf obskure Weise wird bei Hanks aus Monotonie Magie, aus platten Szenerien wächst psychedelischer Surrealismus. Sich das heute vorzunehmen, wo sich groß angelegte Comic-Erzählungen mit narrativem Tiefgang längst etabliert haben, macht weit über seinen nostalgischen Moment hinaus Spaß. Auch, weil der Abstand, mit der man Hanks nun neu entdecken kann, viel parodistisches Potenzial zulässt – unabhängig davon, ob das jemals so gedacht war.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Perlen der Comicgeschichte 3: Fletcher Hanks‘ Bizarre Comic Kunst
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Gleue
Hannover: BSV-Verlag 2017
104 Seiten, 24,80 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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