Alan Moore im Ausverkauf

in Comic

Comics | Before Watchmen / Fashion Beast

Die Before Watchmen Reihe, die viel diskutierten Prequels des Comic-Meilensteins von Alan Moore und Dave Gibbons, haben mit mittlerweile vier von acht Bänden in Deutschland Halbzeit erreicht. Anlass genug für BORIS KUNZ, unter die Lupe zu nehmen, ob die neuen Abenteuer der Watchmen die ganze Aufregung wert sind – und eine Alternative für diejenigen vorzuschlagen, die gerne noch mehr von dem guten, alten Alan-Moore-Zeug lesen würden.

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Sie würden keine neuen Geschichten mit den Watchmen auf den Markt bringen, wären sie nicht selbst von dem Material überzeugt, das ihre Kreativen geschaffen hätten, tönten die Redakteure von DC Comics auf einer Pressekonferenz. Sie klangen dabei so, als müssten sie dieses aufwendige Comicprojekt, an dem eine ganze Riege hochrangiger Autoren und Zeichner beteiligt war, nicht bewerben, sondern verteidigen. Schließlich hatte es schon im Vorfeld viel Häme gegeben. Und es hat in der Branche sicher niemanden verwundert, dass vor allem Alan Moore selbst gegen eine Neuauflage der Watchmen wettert und diese als einen rein aus kommerziellen Erwägungen geführten Angriff gegen die künstlerische Integrität seines Werks versteht. Auf der anderen Seite hat das auch eine eigenartige Anmutung, schließlich gründet sich Moores Ruhm in den letzten Jahren vor allem darauf, dass er berühmte Romanfiguren zu neuen Cocktails zusammenmischt. Warum ist es denn nicht legitim, dass die Creme de la Creme moderner Comicautoren mit Moores Superhelden dasselbe anstellt, wie Moore mit den Erfindungen von H.G. Wells, Lovecraft und George Orwell? Offenbar sind doch auch Rohrschach, Doc Manhattan und Nite Owl tief im kulturellen Kanon klassischer Comicfiguren verankert – und damit vielleicht reif für eine Neuinterpretation? Wo ist der Unterschied zwischen Before Watchmen und der League of Extraordinary Gentleman? Ein Blick in die bisherigen Veröffentlichungen beantwortet die Frage recht schnell.

Rorschach

Brian Azzarello, Autor der komplexen und genial geschriebenen Thrillerserie 100 Bullets, hat die undankbare Aufgabe übernommen, sich ein neues Abenteuer von Rohrschach, dem faszinierenden, psychopathischen Gerechtigkeitsfanatiker auszudenken, jener Figur, die man sicherlich als einprägsamste Ikone bezeichnen darf, die aus den Watchmen hervorgegangen ist. Wie nicht anders zu erwarten, lässt er Rorschach auf die Unterwelt von New York City des Jahres 1977 los, die er als genauso verkommen, dreckig und gewalttätig zeigt, wie sie durch die Augen von Rorschach aussehen mag. Dieser gerät nun einerseits an den vernarbten Gangsterboss Bird, andererseits entspinnt sich zwischen seinem Alter Ego Walter Kovacs und einer Kellnerin in seinem bevorzugten Diner einer zarte Liebesgeschichte – oder etwas, was in einem anderen Universum eine Liebesgeschichte hätte werden können, denn es treibt auch noch ein Frauenmörder sein Unwesen in NY…
ror2Azzarello betont immer wieder die Tatsache, dass Rorschach eben kein Batman ist, dass er über keine Superkräfte verfügt, und er lässt den großen Verbrecherjäger mehrmals in Fallen laufen und in die Fänge von Gangstern geraten, die ihn grün, blau und blutig schlagen. Der Mann mit der Maske hält sich hier wesentlich schlechter als in seinen späteren Abenteuern. Das ist nicht der Typ, der den Insassen im Gefängnis seelenruhig erklärt: »Nicht ich bin hier mit euch eingesperrt, sondern ihr mit mir« – sondern einer, der sich von einem Gangster ins Gesicht sagen lassen muss: »Mann, du wirst deinem Mythos nicht gerecht.« Ein wahres Wort, gelassen ausgesprochen.

Richtige Mythendekonstruktion ist es aber nicht, was Azzarello hier betreibt – er fügt den tiefen, seelischen Narben der Figur, die wir bereits kennen, eher noch ein paar äußerliche blutige Nasen hinzu und verweigert dem Leser die erwarteten Passagen, in denen Rorschach überlegen und kaltblütig einen Haufen Gangster zerlegt. Zeichner Lee Bermejo setzt dafür mit einer Menge Eye Candy dagegen und versieht die New Yorker Gossen mit einer großen Detailfülle, viel Patina und einer beeindruckenden Kolorierung, die vielen Szenen einen fotorealistischen Anstrich gibt. Die Zeitreise in die 70er gelingt ihm damit so überzeugend, dass man vergisst, dass wir uns ja eigentlich in Alan Moores Paralleluniversum befinden.

Comedian

Der zweite von Azzarello getextete Band widmet sich der zweiten düsteren Figur der Heldenriege und umspannt einen längeren Zeitraum aus dem Leben des Edward Blake alias Comedian. Er zeigt Blake zunächst als persönlichen Leibwächter und Duzfreund der Kennedys, dann als Vorzeigesoldat im Vietnamkrieg, wo er in seiner Überheblichkeit immer wieder auszublenden versucht, dass auch er nur eine politische Schachfigur ist, und das Beenden des Krieges immer mehr zu seiner persönlichen Aufgabe macht. Dabei überschreitet er immer mehr Grenzen und richtet schließlich unter den Bewohnern eines kleinen Dorfes ein wahres Massaker an, weil er sich einbildet, diesen Krieg nur noch mit harten Bandagen gewinnen zu können.
02 comedianAzzarello erzählt den moralischen Abstieg des Comedian einerseits als verschachtelten, zwischen Zeitebenen springenden Politthriller, andererseits als Comicvariante von Apocalypse Now und versucht dabei neben dem Psychogramm des Comedian noch eine Menge politisches Zeitgeschehen mit einzubringen. Die komplizierte Erzählweise (und leider auch die teilweise etwas seltsame Übersetzung) machen es einem allerdings nicht einfach, der Figur des zerrissenen Blake wirklich näherzukommen. Hinzu kommt, dass eine weitere, für die upgegradete Charakterzeichnung des Comedian sehr bedeutsame Kriegsepisode nicht in diesem Band, sondern in dem Album Minutemen erzählt wird.

J.G. Jones liefert als Zeichner keinen extravaganten, sondern sehr soliden Job und kann ähnlich wie Bermejo vor allem dank einer aufwendigen Kolorierung den viel beschworenen Geist der Sechzigerjahre wieder lebendig werden lassen.

Nite Owl

Nite Owl, der mit seinem aufwendigen Kostüm, seinem eigenen Fahrzeug und seinem geheimen Unterschlupf wohl die klassischste Superheldenfigur unter den Watchmen ist, bekommt vom Spider-Man Autor J.Michael Straczynski dann auch eine klassische Superhelden-Origin-Story angedichtet. Wir bekommen den jugendlichen Daniel Dreiberg zu sehen, der davon träumt, genau wie sein großes Vorbild Nite Owl ein maskierter Verbrecherjäger zu werden, und der schließlich vom ersten Nite Owl Hollis Mason unter die Fittiche genommen wird. Dass ein wesentlicher Teil seiner Motivation darin begründet liegt, dass der kleine Daniel immer wieder zusehen muss, wie sein Vater seine Mutter verprügelt, ist zwar stimmig, aber nicht wirklich überraschend. Es gibt in dieser Story ohnehin wenig, was nicht genau die Erwartungen bedienen würde, die man an Nite Owls Backstory haben könnte.
03 nite owlSo ist es dann auch wieder Rorschach, der einen großen Teil der Geschichte für sich einnimmt. Straczynski erzählt nicht nur die beginnende Partnerschaft zwischen ihm und Nite Owl und ihre gemeinsame Jagd auf einen  (weiteren) Frauenmörder, sondern beleuchtet auch die Herkunft von Rorschachs berühmten »The End is Nigh«-Transparent und lässt Walter Kovacs dazu zum Anhänger eines Predigers und zu einem braven Kirchengänger werden, der in seiner Freizeit (woher immer er die nimmt) auch noch freiwillig ein Gotteshaus putzt. Ähnlich, wie Azzarello dem Comedian jedes Kriegsverbrechen zutraut, scheint es keine Seltsamkeit, keinen Charakterbruch zu geben, den die Autoren nicht noch gerne auf Rorschachs Schultern ablegen würden, so lange es etwas mit Fanatismus zu tun hat.

Gleichzeitig versäumt Straczynski dabei eine Chance, zumindest Nite Owl eine Art von Tiefe zu geben, die noch nicht von Alan Moore ausgelotet gewesen wäre. Auf der Jagd nach dem Killer trifft Nite Owl auf die kostümierte Twilight Lady, die allerdings keine Vigilantin, sondern eine professionelle Domina ist. Der junge Daniel ist ganz fasziniert und beginnt mit ihr nicht nur eine Spurensuche nach dem Frauenmörder, sondern auch seine erste Liebesbeziehung. Diese besteht dann aber, dem Beruf der Dame zum Trotz, aus ziemlich genau demselben, von ein paar engen Kostümen angeheizten Blümchensex, der sich später mit Silk Spectre wiederholen wird. Statt sexueller Abgründe bekommt Daniel Dreiberg lediglich ein Kindheitstrauma verpasst.

In Szene gesetzt ist der Band angenehm altmodisch von Joe und Andy Kubert. Dass Joe Kubert kurz vor Vollendung des Bandes gestorben ist, dies also die letzte Zusammenarbeit eines legendären Zeichners mit seinem Sohn bleiben wird, mag dem Comic für manche Superheldenfans eine weitere, sentimentale Note geben.

Minutemen

Der bislang wohl lesenswerteste Band der Reihe stammt komplett aus der Feder von Darwyn Cooke und erzählt die Geschichte der Minutemen, der ersten Generation Superhelden aus den 30er Jahren, die in Watchmen ja nur in Rückblenden Erwähnung finden und denen außer dem Comedian keine der Hauptfiguren angehört hat. Aufhänger der Geschichte ist das Buch »Unter der Maske« – die Memoiren, die Hollis Mason verfasst hat. Masons Plan, diese zu veröffentlichen und damit dem Image der alten Helden erheblichen Schaden zuzufügen, bietet Anlass für ausschweifende Blicke in die Vergangenheit.
04 minutemenIn diesem Band sind die Restriktionen, die das Original den Autoren dieser Reihe auferlegt, am wenigsten zu spüren. Cooke hat die Gelegenheit, Figuren wie Hooded Justice, Silhouette oder Mothman , die in Watchmen nur angerissen wurden, eine Identität, eine Geschichte und einen Charakter zu geben, und er spielt diese Freiheit voll aus und erschafft eine Reihe spannender Figuren, um die er eine clevere und unterhaltsame, gleichzeitig auch düstere und traurige Handlung spinnt. Dass es auch hier natürlich wieder um nichts anderes geht, als möglichst tiefe Abgründe hinter den Masken der Superhelden aufzutun, funktioniert in diesem Falle deshalb, weil es zumindest teilweise Abgründe sind, in die Moore nicht schon unsere Nasen gehalten hat. Wer es nicht grundsätzlich nervig findet, dass jede Fußnote aus Watchmen in Before Watchmen in ein eigenes Kapitel übersetzt werden muss, der wird hier zumindest eine gut erzählte Geschichte finden, die man sogar beinahe ohne Kenntnis des Originals lesen kann.

Cooke zeichnet das Ganze in einem sehr reduzierten, cartoonhaften Stil, der natürlich auch wieder Zeitkolorit vermitteln soll. Angenehm an seinen einfachen, klaren Zeichnungen ist vor allem, dass Cooke ausnahmsweise nicht auf aufwendige, plastische Kolorierung setzt, aber dafür hin und wieder den Mut hat, sich an den cleveren Bildkompositionen und Matchcuts von Dave Gibbons zu orientieren.

Und unter der Maske?

Führt man sich nun noch einmal vor Augen, was Alan Moore in seinen Extraordinary Gentleman mit Quatermain oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde anstellt, wird einem das Dilemma schnell deutlich, in dem die Autoren der Before Watchmen Reihe stecken, und aus dem ihnen ihre Brillanz auch nur schwer heraushilft: Before Watchmen ist kein neuer Ansatz mit alten Figuren, sondern soll als Ergänzung zum Original funktionieren. Das Problem liegt also ironischerweise nicht im mangelnden Respekt der neuen Autoren vor der Vorlage, sondern im Gegenteil: Azzarello, Straczynski und Cooke sind Fans, die es gar nicht wagen, den Comics von Alan Moore einen radikalen eigenen Entwurf entgegenzustellen.

Brav versuchen sie, den Geist der Vorlage zu treffen und Geschichten zu erzählen, die sich nahtlos in das bereits etablierte Universum von Watchmen einfügen. Gleichzeitig besteht der Geist von Watchmen aber ja genau darin, die klassischen Superheldenfiguren Schicht für Schicht auseinanderzunehmen und die Abgründe freizulegen, die in Figuren wie Superman und Batman lauern müssten, wenn es sie wirklich gäbe. Der Versuch, dieses Spiel mitzuspielen, mündet natürlich in Geschichten um düstere Geheimnisse und fiese Storytwists, die vermutlich auch heute noch in einer regulären Superheldenreihe verhältnismäßig gewagt wären: Gerechtigkeitsfanatiker wie die Minutemen, die am Ende feststellen müssen, dass ihr Racheakt statt einem Serienmörder einen Unschuldigen getroffen hat, maskierte Rächer wie Rorschach, die während der ganzen Story eigentlich nur vermöbelt werden, während glückliche Umstände dafür sorgen, dass sie am Ende mit heiler Haut davonkommen, während die Schurken sich selbst zur Strecke bringen.

Watchmen war eine Superheldengeschichte, die auf zwei essentielle Elemente des Genres (fast) komplett verzichtet hat, nämlich auf Superkräfte und Superschurken. Sieht man von Dr. Manhattan ab, dann ist Watchmen beinahe so etwas wie ein Universum voller Batman-Epigonien, von kostümierten Einzelgängern, die zwar gut trainiert sind, mangels spezieller Kräfte aber durchaus auch Prügel einstecken müssen. Bei Minutemen wird diese Prämisse dann auch durchaus interessant durchexerziert, bei Comedian funktioniert das schon weniger: ein Superheld, der eigentlich auch nur ein Soldat/Killer mit einer Maske ist, taugt dann eben auch nur für Kriegs- und Spionagegeschichten, und das ist nun nicht gerade ein unbeackertes Feld. Da mag man sich noch so viele Vietnam-Episoden für den Comedian ausdenken: Den Mythos erweitert man damit nur schwer.

Doch auch wenn der arme Rorschach sich nun über die Gebühr zum Clown machen muss, versetzt das neue Material dem Original keinen Makel, im Gegenteil: Das Bemühen der neuen Autoren um radikale Ideen, bringt jedem Leser, der mit dem Original vertraut ist, nur noch einmal deutlich zu Bewusstsein, wie wenig Spielraum Alan Moore dafür übrig gelassen hat. Watchmen hat in seinen 12 Bänden alle seine Figuren komplett auserzählt. Die Graphic Novel enthält ihre Vergangenheit, ihre Backstories, ihre Geheimnisse und in vielen Fällen auch ihren Tod. Wer davon nichts infrage stellen kann oder will, dem bleibt nur wenig Neues über die Figuren zu erzählen. Dadurch entsteht auch ein Problem für den Leser: Man kann Before Watchmen eigentlich nur dann wirklich verstehen, wenn man die Vorlage kennt, sonst bleiben Figuren wie Rorschach zu rätselhaft, und wichtige Schlüsselereignisse fehlen – etwa die versuchte Vergewaltigung an Sally Jupiter bei den Minutemen. Doch kennt man die Vorlage, wird man bei der Lektüre der neuen Comics permanent an ein Original erinnert, das zurecht als Meilenstein der Comicgeschichte gilt und auf so vielen Ebenen ungeschlagen besser ist als die Neuinterpretation. Before Watchmen ist so etwas wie Bonusmaterial auf einer DVD: Kann nur in Relation zum Original verstanden werden, ist als Ergänzung zwar für Hardcorefans ganz nett – aber niemand würde es vermissen.

Man spürt, dass die hier erzählten Geschichten keinerlei Notwendigkeit in sich tragen, erzählt werden zu wollen. Man hat bei keinem der Bände das Gefühl, dass hier ein Autor eine Geschichte losgeworden wäre, die ihm nach der Lektüre von Watchmen unter den Nägeln gebrannt hätte. Die Autoren (vielleicht mit Ausnahme von Darwyn Cooke) sind so sehr damit beschäftigt, das Original nicht zu verraten, dass ihnen nichts Außergewöhnliches zu den Figuren mehr einfällt. Damit beweisen sie vor allem, dass die Tauglichkeit für Fortsetzungen nicht im Genre eines Kunstwerks zu suchen ist, sondern in seiner Geschlossenheit. Nur weil Watchmen ein Superheldencomic ist, kann man es genauso wenig endlos weiter spinnen, wie es sinnvoll wäre, sich neue Geschichten mit Charles Foster Kane oder dem großen Gatsby auszudenken, oder der Mona Lisa weitere lächelnde Damen an die Seite zu stellen.

Fashion Beast

Wer sich noch einmal an das erinnern möchte, was Alan Moore zurzeit von Watchmen zu einem großartigen Erzähler der 9. Kunst gemacht hat, der ist vermutlich besser bedient, wenn er sich Fashion Beast zuwendet, einem Comic, der auf einem alten, unverfilmten Drehbuch von Moore basiert. Die Story, 1985 auf Anregung des Sex-Pistols-Managers Malcom McLaren entstanden, klingt zunächst einmal nicht nach Alan Moore, aber auf jeden Fall nach schräger Unterhaltung: In einer dystopischen Zukunft (oder Parallelwelt) träumt Doll Seguin davon, ein berühmtes Model zu werden und die Kleider des geheimnisumwitterten Modeschöpfers Celestine zu tragen. Doll lebt in einem schäbigen Mietshaus, arbeitet an der Garderobe des angesagten Clubs Catwalk und wird von manchen für eine Frau gehalten, von anderen als Transvestit durchschaut – während man als Leser über das wahre körperliche Geschlecht von Doll weitgehend im Unklaren gelassen wird.
05 Fashion BeastNachdem sie ihren Job an der Garderobe verloren hat, gelingt es ihr in einem Akt der Verzweiflung endlich, die begehrte Stelle zu ergattern und sie steigt schnell zum neuen Lieblingsmodell von Celestine auf – der sich niemals in der Öffentlichkeit zeigt, dessen Gesicht keiner sehen darf, und der von einem finsteren, vermüllten Büro aus sein Modeimperium kontrolliert. In Celestines Diensten steht auch ein namenloser Junge, der gerne T-Shirts mit der Aufschrift »Tomboy« trägt, und bei dem es sich, wie wir vermuten dürfen, in Wahrheit um ein Mädchen handelt. Zwischen Tomboy und Doll entwickelt sich eine merkwürdige, von vielen Sticheleien geprägte Freundschaft, die auf eine Probe gestellt wird, als Tomboy erfährt, dass Doll Celestine gegenüber Tomboys mutige Verbesserungsvorschläge an dessen Entwürfen als ihre eigenen ausgegeben hat. Der erste von zwei Bänden endet mit der spannenden Ankündigung Celestines, Doll in sein Geheimnis einzuweihen…

Moore hat für diese Geschichte ein ebenso merkwürdiges wie faszinierendes Setting entworfen und erzählt die Modewelt, die Laufstege und Textilfabriken von Celestine als eigentümliches Märchenschloss in einer zeitlosen Großstadtwelt, in der immer wieder von einem drohenden, nuklearen Winter die Rede ist. Rund um die schillernden Hauptfiguren mit ihren unbestimmbaren Geschlechterrollen, die eine moderne Version von Fabeln wie Die Schöne und das Biest durchexerzieren, platziert er Nebenfiguren, die direkt aus Alice im Wunderland entsprungen sein könnten. Obwohl Moore nicht mehr für alle Details der Erzählung verantwortlich ist, und die Überarbeitung seines Drehbuchs in ein Comicskript dem Autor Antony Johnston überlassen hat, findet man hier in vielen Passagen jene detailverliebten Motivkompositionen und sorgfältig ausgearbeiteten Montagesequenzen wieder, die auch für Watchmen charakteristisch waren. Man hat das Gefühl, dass hinter jedem Namen, jeder Nebenfigur und natürlich hinter den immer wieder auftauchenden Tarotkarten ein ganzes Netzwerk an Anspielungen und Bedeutungsebenen verborgen liegt, und dass hier keine Kleinigkeit dem Zufall überlassen wurde. Dennoch kann man sich diesem rätselhaften Zauber einfach hingeben und sich voll und ganz in diese merkwürdige Geschichte hineinziehen lassen.

Mit Facundo Percio hat sich ein Zeichner gefunden, der genauso kongenial zu dieser Geschichte passt, wie Dave Gibbons zu Watchmen und Kevin O´Neill zu den Gentlemen. Bewundernswert ist vor allem, wie es Percio gelingt, Dolls Wesen und Körper zwischen ausgestellter Weiblichkeit und versteckter Männlichkeit immer in der richtigen Schwebe zu halten. Gleichzeitig verleiht er der düsteren Kunstwelt der Geschichte durch zahlreiche Details und atmosphärische Kolorierung eine faszinierende Glaubwürdigkeit.

Natürlich ist Fashion Beast eine andere Liga als Watchmen und gehört ohne Zweifel zu den abseitigeren Arbeiten des umtriebigen Briten – doch es ist schon erstaunlich, dass etwas, was 30 Jahre lang in Alan Moores Schublade gelegen hat, noch immer mehr Frische, Originalität und erzählerische Kraft aufweist, als die aufwendige Zusammenarbeit mehrerer angesagter Comicautoren zusammen.

Titelangaben
Brian Azzarello (Text), Lee Bermejo (Zeichnungen): Before Watchmen: Rorschach
Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 104 Seiten, 12,95 €

Brian Azzarello (Text), J.G. Jones (Zeichnungen): Before Watchmen: Comedian
Aus dem Amerikanischen von Christian Heiss
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 148 Seiten, 16,99 €

J.Michael Straczynski (Text), Andy Kubert (Zeichnungen): Before Watchmen: Nite Owl
Aus dem Amerikanischen von Christian Heiss
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 100 Seiten, 14,99 €

Darwyn Cooke (Text und Zeichnungen): Before Watchmen: Minutemen
Aus dem Amerikanischen von Peter Thannisch
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 167 Seiten, 16,95 €

Alan Moore, Antony Johnston (Text), Facundo Percio (Zeichnungen): Fashion Beast 1: Gefeuert (Fashion Beast 1-5)
Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Althoff
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 132 Seiten, 16,95 €

Reinschauen
Die Before Watchmen Reihe bei Panini
Fashion Beast bei Panini
Mehr über Facundo Percio
Interview mit Alan Moore über Before Watchmen

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