/

Vier Folgen à neunzig Minuten

Film | Serie | Im TV: Das Verschwinden am 22., 29., 30., 31. (ARD)

Der Schluss kommt hammerhart. War das ein Krimi? Schon, gewiss, ja, doch das interessiert weniger. Und nein, eine Schusswaffe taucht nirgendwo auf. Eine vierteilige Serie, jeder Teil hype-mäßig als Doppelfolge angekündigt, also voll das Gewese. Und? Lohnt sich’s? Ja, das würde WOLF SENFF so sagen, doch, unbedingt.

Das Casting muss auf adäquates Personal Wert gelegt haben, jede Figur wirkt von vornherein grenzwertig, oder sagt man besser: vom Leben gezeichnet? Michelle, die die kompletten Folgen hindurch ihre Tochter sucht, setzt ihr soziales Beziehungsgeflecht mitsamt Beruf und die Beziehung zur kleineren Tochter aufs Spiel. Diese Beharrlichkeit verändert die Welt drumherum und demaskiert die anderen. Michelle tut sich damit keinen Gefallen, aber sie will halt wissen, was geschehen ist. Logisch.

Eltern und ihr Nachwuchs

»Stellen Sie eine Kerze ins Fenster. Vielleicht sieht sie das Licht. Dann kommt sie.« Sehr einfühlsam hört sich dieser Rat nicht eben an, nein. Man möchte das schwarzmalende Filmepos zurecht in die Tradition des Film Noir stecken, auch wenn uns das kaum klüger macht. Der Schluss kommt hammerhart.

© ARD Degeto/23/5 Filmproduktion
„Das Verschwinden“ Drehbuch von Bernd Lange und Hans-Christian Schmid; /obs/ARD Das Erste/© ARD Degeto/23/5 Filmproduktion

Eine so aparte Figur wie Nina Kunzendorf spielt die überspannte, ausgezehrt wirkende Gattin, ein bejammernswertes Schrapnell aus der morbiden Welt unserer Besserverdiener. Crystal Meth macht an sozialen Grenzen nicht halt. Der Film blättert diverse Problemzonen auf: Integration in einer spießigen Wohngegend, prekäre Lebenswelten, sexuelle Übergriffe, Abgründe zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs. Das wären übrigens, blicken wir kurz zurück, treffende Themen für unsere im TV debattierenden Kanzlerkandidaten gewesen, aber kamen sie nicht drauf, nun ist’s vorbei.

Hohe Professionalität

Das Thema ›Ich suche mein vermisstes Kind‹ ist ja, nach Unterhaltungswert beurteilt, ein spitzenmäßiger Langweiler. Und in der dritten Folge – nach zweihundertfünfzehn Filmminuten – endlich der entsprechende Klopfer. »Na?«, wird gefragt, »Zufrieden? Passiert mal was?« Langeweile? Echt jetzt? Das täuscht aber gewaltig, da hat jemand komplett nicht aufgepasst, denn der Film steckt voll unterschwelliger, subtiler Dramatik. Der Schluss kommt hammerhart.

Sind gleich drei Freundinnen im Spiel, die teils ähnlich, teils grundverschieden mit voller Kraft gegen Wände anrennen, und Eltern, die auf der anderen Seite derselben Wand stehen und nichts kapiert haben. Der Film überzeugt nicht durch atemlose Krimi-Handlung, triefendes Blut, Messerstiche, Ballerei etc., sondern es gelingt ihm, fesselnde Spannung aus dem brüchigen Netz der Beziehungen zu ziehen. Das wird uns nicht oft angeboten.

Selten genug

Man könnte versucht sein zu behaupten, dieser Film verführe Leute zum Nachdenken, aber besser sagt man’s nicht, weil das unsere Couch Potatoes und unsere Ikke-Hüftgold-Fans in gleicher Weise abschrecken würde, Mitdenken und Mitempfinden sind in diesen Parallel-Universen total uncool, dabei wäre ausgerechnet ihnen dieser faszinierende Film recht liebevoll nahezulegen.

Alle anderen werden ihn sich eh nicht entgehen lassen, kommt ja selten genug vor, dass uns das angeboten wird. Vier Folgen à neunzig Minuten. Der Schluss? Der Schluss kommt hammerhart, nun wissen Sie’s.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Das Verschwinden
am 22., 29., 30., 31. Oktober
jeweils 21:45 Uhr, ARD

Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid
Hauptdarsteller:
Julia Jentsch (Michelle Grabowski)
Johanna Ingelfinger (Manu Essmann)
Saskia Rosendahl (Laura Wagner)
Musik: The Notwist

1 Comment

  1. Ich habe den ersten Teil schon vorab in der mediathek gesehen und kann die Sichte des Kommentators nur bestätigen. Der Film, bzw. die Serie geht unter die Haut, wenn man ihn lässt.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Für«-Bilder statt »Gegen«-Bilder

Nächster Artikel

Echtes und Falsches in der Kunst

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Die verunglückte Hochzeit oder Hohe Zeit für Liebe

Film | Im Kino: Edward Yang: ›Yi Yi‹

Der englische Titel ›A One and a Two‹ klingt ein wenig nach den Zahlenspielereien Peter Greenaways und der chinesische nach einem »Ja Ja«. Nichts davon stimmt. Der jüngste Film des 1947 in Shanghai zwar geborenen, aber in Taiwan aufgewachsenen Edward Yang ist ein aufgeblättertes Familien-Album vielfacher Gleichzeitigkeiten im heutigen Taipeh. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Aus dem Rahmen gefallen

Film | TV: Polizeiruf ›Morgengrauen‹ (BR), 24. August Liefert uns ›Morgengrauen‹ diesmal den ambitionierten Versuch, aus eingefahrenen ›Polizeiruf 110‹-Spuren auszubüxen? Oder mehr noch, man will diesen Kommissar neu erfinden? Kann ja sein. Er nennt sich diesmal nicht mehr »von«. Jedenfalls nicht durchgängig. Und es ist angekündigt, dass er sich verliebt. Meuffels? Verliebt? Von WOLF SENFF

Wer austeilt, muss einstecken

Film | Im TV: ›TATORT‹ Niedere Instinkte (MDR), 26. April Nach zehn Minuten hab‘ ich spontan ausgeschaltet. Ich hatte glaub‘ ich nichts verstanden, kein Stück. Kindesentführung und kein Sexualdelikt. Wasserrohrbruch. Tibetanische Zen-Gesänge. Das ist zu viel, das überfordert jeden. Sicherheitshalber hab‘ ich mich aber doch noch informiert: ein bewährter, erfahrener Regisseur, ein vielversprechendes Ensemble, und zögernd hab‘ ich mich dann eingeklinkt. Von WOLF SENFF

Kung Fu und der innere Frieden

Film | Im Kino: The Lego®Ninjago®Movie™ Was haben wir denn hier? Kurz nach dem Lego®Batman®Movie™, der Anfang des Jahres erst in den Kinos kam, startet nun der Lego®Ninjago®Movie™ durch. Das selbst ernannte beste Spielzeug der Welt findet Geschmack an der Kinoleinwand! Könnte es sein, dass hinter dem Plastik-Spektakel trotz Grenze zur Albernheit mehr steckt, als man sieht? ANNA NOAH geht dem Lego®-Film-Phänomen auf den Grund.

Filmemacher Peter Weiß

Film | Auf DVD: Peter Weiß – Filme Auf der Hülle der DVD steht: »Peter Weiss: Filme«. Auf dem Rücken aber steht: »Peter Weiss: Die Filme«. Das ist irreführend. Von THOMAS ROTHSCHILD