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Aus dem Rahmen gefallen

Film | TV: Polizeiruf ›Morgengrauen‹ (BR), 24. August

Liefert uns ›Morgengrauen‹ diesmal den ambitionierten Versuch, aus eingefahrenen ›Polizeiruf 110‹-Spuren auszubüxen? Oder mehr noch, man will diesen Kommissar neu erfinden? Kann ja sein. Er nennt sich diesmal nicht mehr »von«. Jedenfalls nicht durchgängig. Und es ist angekündigt, dass er sich verliebt. Meuffels? Verliebt? Von WOLF SENFF

Polizeiruf 110 Morgengrauen Foto:BR Erika Hauri
Polizeiruf 110 Morgengrauen
Foto: BR/Erika Hauri
Hanns von Meuffels soll im Gefängnis einen Mordverdächtigen vernehmen, der bislang die Aussage verweigerte. Er begegnet der Leiterin des Gefängnisses, ein Funke springt über, und die Affaire zieht sich erst einmal hin, der Mensch ist schüchtern, schließlich besuchen sie ein Konzert, Lieder klassische Moderne. Wir folgen ihren stockenden, oft unterbrochenen, zögerlichen Dialogen, und man überlegt, ob es sich um vornehme Umgangsformen handelt. Oder ist es doch bloß Schüchternheit, oder liest man das gar boshaft als Spott, der sich übers Vornehmtun lustigmacht? Nein, klar wird das nicht.

Man tut sich schwer

»Ich wach‘ immer morgens um drei auf« – »Das ist die Dämonenstunde«. ›Morgengrauen‹ liefert unfreiwillige Komik, und als Hanns von Meuffels und Karen Wagner auf ihrem Spaziergang nach nirgendwo einmal sekundenlang die Worte ausgehen, erlöst ein Feuerwerk die Szene: »München kann so schön sein«. Wollten wir das wirklich wissen? Was tut die Münchnerin, während sie nachdenkt? Sie bürstet ihr blondes Haar – so armselig, so verschüchtert, so von aller Welt verlassen ist Karen Wagner eine überzeugende Figur. Doch die Affaire, sie ist kitschig, ohne Bodenhaftung, wer glaubt denn so was.

Auch der Film tut sich schwer und verrät uns lange Zeit nicht, was denn nun aufzuklären sei. Ein junger Häftling steht unter Mordverdacht – lange weigerte er sich zu sprechen, erst als Meuffels die Brotzeit mit ihm teilt, da macht er den Mund auf und antwortet.

Besonders humorlos

Schließlich wird der junge Delinquent erhängt in seiner Zelle aufgefunden, doch Meuffels glaubt nicht an Selbstmord, die Mithäftlinge werden zum Verhör geladen, einem von ihnen gilt der Vorwurf, er lasse sich nicht aus der Ruhe bringen. Ah ja. Und als Meuffels der Geduldsfaden reißt, schiebt er leicht cholerisch einen Tisch beiseite, doch er hat sich im Griff, seine Mimik bleibt kühl, bleibt reduziert.

Das fügt sich nur mit großer Mühe in ein- und dieselbe Figur. Er sei, sagt er zum Vollzugsbeamten, »besonders humorlos, was Gewalt betrifft«. Doch er ist allgemein »besonders humorlos«, und wenn an ihm was auffällt, ist’s seine Humorlosigkeit.

Beim Zweiten tippt er richtig

Auch weshalb Meuffels den Vollzugsbeamten Oberpriller, der ihn für einen arroganten Kasper hält, plötzlich doch in seine Ermittlungen einschaltet, ist kaum nachvollziehbar. »Vielleicht wären Sie ein bisschen entspannter, wenn Sie auch mehr bumsen würden, Herr Oberpriller« – Lebenshilfe in prolliger Diktion.

Es fällt schwer, dem Zusammenhang dieses ›Polizeiruf 110‹ zu folgen, weder die Figur des Ermittlers überzeugt noch der Handlungsverlauf – u.a. bleibt unklar, mit welchem Auftrag Meuffels ermittelt. Ungewöhnlich auch, wie Meuffels arbeitet. Er ist in kein Team gebunden, er verlässt sich voll und ganz auf seine Intuition, beim ersten Verdacht geht er einen Schritt zu weit, beim zweiten tippt er richtig. ›Morgengrauen‹ fällt aus dem Rahmen.

Distanzierter, misstrauischer, gehässiger Blick

Dem Vollzugsbeamten wird Pornoaffinität angehängt, ach so einer ist das, wir sehen ihm beim Onanieren zu. Er ist ungehobelt, und Meuffels ist sich zu lange zu fein, ihm das offen zu sagen. Der ins Studium der Akten vertiefte Psychiater: ein Freund aus alten Tagen, das Haar fast schlohweiß, die Züge leicht greisenhaft – ein ungewöhnlicher Auftritt von Axel Milberg.

Zwar fällt positiv auf, wie verschieden die Charaktere sind. Wir erleben Bösewichter, üble Schurken, und »von außen bist du der Max, aber innerlich bist du eine selbstgerechte Sau.« Es gibt Falschheit, abgrundtief, gibt Straftäter, gibt Menschen, in denen man sich täuscht, gibt harmlose Typen, aufdringliche, also die komplette Bandbreite, Jahrmarkt der Eitelkeiten. Der Blick auf die Menschen ist jedoch distanziert, misstrauisch, gehässig.

Kurt Wallander

Vor kurzem, zwei Wochen wird das her sein, noch Sommerpause, da geriet ich in einen der Wallander-Filme, eine Wiederholung aus 2009, wer wollte sah von viertel vor zehn bis vier Uhr morgens Henning Mankells Wallander, aber man kann ja einen Film auch speichern und anderentags abrufen.

In diesem Wallander ging’s um eine Cello-Spielerin, ein fehlgeleiteter junger Mann steckte im Gefängnis. War durchweg spannend, war hoch gehängt mit Mafia, mit Autobombe, Verfolgung per Peilsender, mit Geiselnahme, Giftanschlag, mit Folter, vielen Blessuren, viel Blut, dauernd Krankenhausbett – dieser Film ließ kaum etwas aus, er war schmalspurig zügig auf Spannung gebürstet, halt Krimi pur, und Henning Mankell integriert gern auch die internationale kriminelle Szene.

Mehr zu Kurt Wallander

Hinzu kommt, dass Krister Henriksson als Kurt Wallander eine überzeugende Figur ist, vom Typ her ähnelt er dem charmanten Harald Krassnitzer/Moritz Eisner. Wallander pflegt eine nüchterne Distanz zu den Ereignissen, agiert absolut professionell, er überstürzt nichts, privat drängt ihn ebenfalls nichts und genau daraus zieht sein Verhältnis zur Staatsanwältin die erfrischende Würze, er macht sich nicht zum Affen, sondern setzt ein wohltuend ausgeglichenes Mannsbild in Szene.

Diese schwedisch-deutsche Koproduktion produzierte 2005-14 drei Staffeln mit insgesamt zweiunddreißig Folgen, alles zusammen hält vor, bis der Winter anbricht. Leider kaum vorstellbar, dass der blassgesichtige und dröge wirkende Kenneth Brannagh (BBC, 2008-12) die Rolle annähernd gleichwertig ausfüllt. Sie werden uns die schwedischen Staffeln zeigen, dicht gestreut auch mal bis fünf in der Frühe.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Polizeiruf 110 ›Morgengrauen‹ (Bayrischer Rundfunk)
Ermittler: Matthias Brandt
Buch und Regie: Alexander Adolph
So., 24. August, 20:15 Uhr, ARD

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