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Kulturbuch | Duncan / Ingram: François Truffaut. Sämtliche Filme + François Truffaut Edition (DVD)

Mit seinen schlichten, gehaltvollen Filmen hat der französische Regisseur François Truffaut Filmgeschichte geschrieben. Robert Ingram und Paul Duncan begeben sich mit einem Bildband auf seine Spuren. Von BETTINA GUTIÉRREZ

Duncan / Ingram: François Truffaut. Sämtliche Filme + François Truffaut Edition (DVD)
»Ich mache normale Filme für normale Menschen«, lautet ein Zitat des französischen Regisseurs François Truffaut, das einem Bildband über ihn als Motto vorangestellt ist. Mit diesem Band, der mit opulenten Fotos und Standbildern ausgestattet ist, versuchen sich die Herausgeber Robert Ingram und Paul Duncan nun der Normalität Truffauts anzunähern. Man erfährt also einiges über sein Leben und Schaffen, taucht in seine Welt ein und lässt seine Filme an einem vorüberziehen.

Man erfährt, dass der Mitbegründer der Nouvelle Vague gerne und viel las, sich nicht sonderlich für Politik interessierte, von Paris fasziniert war und dass sein Werk autobiografische Bezüge enthält. Als immer wiederkehrende und bevorzugte filmische Themen und Motive werden das Schreiben, die Kindheit, die menschlichen Gefühle und die vermeintlichen Wechselfälle des Lebens angeführt, die in seiner Darstellung mitunter humoristische Anklänge aufweisen. Die Tatsache, dass ein Großteil seiner Filme auf literarischen Vorlagen beruht, erklärt, warum sich Truffaut sowohl als Autor als auch als Regisseur verstanden wissen wollte, der, folgt man den Erläuterungen Ingrams und Duncans, mithilfe dieses Mediums vor allem Geschichten erzählt.

Werke von Honoré de Balzac, Emile Zola, Marcel Proust, Jean Genet und amerikanischen Schriftstellern wie David Goodis, William Irish und Henry James dienten ihm dabei als Quellen der Inspiration oder Grundlage für ein Drehbuch. Aber auch der Schriftsteller und die Literatur selbst treten an manchen Stellen als Protagonisten auf. In Sie küßten und sie schlugen ihn (1959) ist es die Lektüre Balzacs, die dem jungen Antoine zu Hause und in der Schule zum Verhängnis wird. In Die letzte Metro (1980) denkt Lucas Steiner, der Direktor des Théâtre Montmartre, wiederum über Thomas Manns Zauberberg nach.

Erkennbarer Stil, persönliche Vision

Obwohl Truffaut ein bekennender Anhänger Alfred Hitchcocks war und seine cineastischen Anleihen aus Hollywood nie verleugnete, hatte er ein gespaltenes Verhältnis zum angelsächsischen und amerikanischen Kino. Die Herausgeber schildern ihn daher als einen Regisseur, der ähnlich wie seine Kollegen von der Nouvelle Vague, in erster Linie Filme machen wollte, die französische Werte reflektieren. Das beste Beispiel hierfür ist Geraubte Küsse (1968). Heiter und leicht führt er einem das französische Lebensgefühl vor Augen, das zuweilen mit slapstickartigen Episoden angereichert ist, so etwa, wenn sich der wohlhabende Geschäftsmann Monsieur Tabard an eine Detektei wendet, um herauszufinden, warum er von niemandem gemocht wird.

Dennoch ist sein Gesamtwerk vielfältig und universell, da es sich nicht ausschließlich einem bestimmten Themen- oder Personenkreis widmet. Diese Vielfalt zeigt sich nicht zuletzt in seinen Einflüssen und Vorbildern, die zum Teil deutliche Spuren bei ihm hinterlassen haben und die er in seinem Buch Die Filme meines Lebens (1997) dokumentiert hat. Es sind Filmkritiken aus den 50er, 60er und 70er Jahren, auf die in diesem Band ebenfalls Bezug genommen wird und die über seine künstlerischen Vorlieben Auskunft geben. Dort kann man lesen, dass Jean Renoir stets den Menschen in den Mittelpunkt stellte, Roberto Rosselini sich am liebsten nach seiner eigenen Logik richtete, Luis Buñuel »genau, überlegt und kritisch« arbeitete und Ingmar Bergmans vorrangiges Anliegen die Wahrheitssuche war. An Bergman schätze er besonders seinen Sinn für das Wesentliche und das Schlichte, Eigenschaften, die er sich in gewisser Weise wohl auch zu eigen gemacht hat. Doch mögen es ganz unterschiedliche Einflüsse gewesen sein, die ihn geprägt haben, so vertrat er letztendlich die Ansicht dass, so die Herausgeber, ein guter Regisseur der Autor eines Werkes sei, in dem jeder Film einen erkennbaren Stil darstelle, der einen einheitliche persönliche Vision ausdrücke. Eine Aussage, der, betrachtet man Truffauts Filmkunst, nichts hinzuzufügen ist.

| BETTINA GUTIÉRREZ

Titelangaben:
Paul Duncan, Robert Ingram (Hg.): François Truffaut. Sämtliche Filme
Köln: Taschen 2013. 192 Seiten. 9,99 Euro

François Truffaut Edition
Zweitausendeins Edition. 5 DVDs. 35,95 Euro

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