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Neunköpfige Schlange

Film | Im TV: ›TATORT‹ Hydra (WDR), 11. Januar

»Woll’n Sie mit der Türkin wieder vor den Neonazis rumwedeln, ja?« Der Umgang unter den Ermittlern ist direkt, auch Peter Faber nimmt kein Blatt vor den Mund, und man sollte außerdem wissen, dass Nora Dalay und Daniel Kossik seit der Abtreibung eh auseinander sind. Schwierig. Die Stimmung ist im Keller. Nun kommt mit dem Mord an Kai Fischer noch das brisante Neonazi-Thema ins Spiel. Von WOLF SENFF

Foto: WDR / T. Kost
Foto: WDR / T. Kost
Kai Fischer, erster Mann der städtischen Neonazi-Szene, traf sich nach einer Veranstaltung mit Stefan Fremmel, Chef der örtlichen Skins, um sich von Gruppe zu Gruppe miteinander zu arrangieren, möglicherweise war bereits das vom Verfassungsschutz arrangiert; am folgenden Morgen findet man Fischers Leiche an einer stillgelegten Kohlegrube. Außerdem gibt’s bei der Polizei nen Grabowski, der den Neonazis hilfreiche Tipps gibt, wie sie sich den Ermittlungen entziehen können.

Dortmunder Alleinstellungsmerkmal

Bürgerliche Umgangsformen, so Höflichkeit, so Etikette, sind eine andere Welt. Man muss diese Schiene von ›Hydra‹, grob, verletzend, deshalb schätzen, weil sie Realität ans Licht zerrt, die weit verbreitet ist und all dem konträr entgegensteht, was uns seitens Politik und medialen Mainstreams dahergesäuselt kommt – »ohne sorge sei ohne sorge/ heiter und mit musik« (Ingeborg Bachmann).

Dieser ungewöhnliche Ton ist vielleicht nicht neu, doch hebt er den ›TATORT‹ von anderen Fernsehproduktionen ab. Nora Dalay ist aggressiv, sie verurteilt und zieht Grenzen, aber sie bekommt auch mächtig Ärger ab, der Film gibt uns eine sperrige und absolut überzeugende Figur, der die Abtreibung (›Auf ewig Dein‹, 2. Februar 14) mächtig zu schaffen macht.

Lass die Leute reden

Vielleicht ist es das, was den Dortmunder ›TATORT‹ auszeichnet, ein Alleinstellungsmerkmal, eben dass auch die Kommissare nicht glatt sind, nicht geschmeidig, und dennoch sind sie ›rund‹, sie überzeugen als Persönlichkeiten, sie sind nicht so aus Jux und Tollerei, sondern uns sind ihre Probleme präsent.

Faber ist da am weitesten, er ist voll krasser Selbstironie, dem jungen Clint Eastwood vergleichbar. Man hat den Eindruck, dass Fabers Ansprache Brücken schlägt, soziale Barrieren und sperrige Gitter dogmatischer Überzeugungen brechen ein (Eastwood, schon älter, in ›Gran Torino‹, 2008). Faber überzeugt als Typ, und wenngleich nicht jeder Kollege, so muss ihn doch der Zuschauer schätzen. Suchen Sie mal so eine Figur in anderen Krimis und Sie werden feststellen, wie außerordentlich schwierig es ist, eine so stachelige Figur überzeugend zu entwickeln und darzustellen, fünf Sterne.

Hass und rücksichtslose Gewalttätigkeit

Faber bringt dem Obdachlosen Frühstück, »es gab heißen Kaffee und Mettbrötchen, da redet jeder«. Und stellt er wirklich Martina Bönisch bis an die Hotelbar nach? Die Kommissare können sich in ›Hydra‹ prächtig zoffen, alle vier und auf Augenhöhe. Im Abspann ist diesmal jeder von ihnen einsamer Wolf, aber bekanntlich geht das Leben weiter. Da ist noch massiv sauerstoffhaltige Luft im Kommissariat, wir sind neugierig auf die nächste Folge und fragen uns wieder einmal, weshalb manche Ermittler nur einmal jährlich stattfinden.

Die Hydra, neunköpfige Schlange, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei nachwuchsen, bildet die Nazi-Szene ab, deren rücksichtslose, hasserfüllte Gewalttätigkeit, den Rassismus, die heimlichen Informationskanäle, auch die Tatsache, dass alte Seilschaften locker reaktiviert werden, sowie eben die Tatsache, dass sie offensichtlich regional einflussreich ist. Der Versuch seitens des Verfassungsschutzes, einen Agenten anzuwerben, erweist sich als nicht förderlich.

Und noch, Januar

Man ist ja auf der Suche nach einem guten Krimi neben ›TATORT‹. Aber siehst du dir ZDF an, was findest du. ›Kommissarin Heller‹, Samstag, 10. Januar, ermittelte um einen siebzehnjährigen Problemschüler, der einen Schulverweis erhalten hatte. ›Ein starkes Team‹ am 17. Januar verdächtigt eine Frau, die ein Doppelleben als Prostituierte führt, und am Samstag, 24. Januar, muss ›Helen Dorn‹ eine entführte Tochter finden, die als Druckmittel dient, und den Vater aufspüren, ebenfalls entführt, der alles tun würde, um seine Tochter zu retten. Demnächst, wetten, wird Helen Dorn entführt. Nein, meins wär‘ das nicht.

Mottenkiste. Wer sich diese Filme ansieht, dem wird außerdem auffallen, dass sie uns mit massiver Humorlosigkeit heimsuchen. So jemand wie Helen Dorn weiß gar nicht, was das ist, Humor. Verbiesterte Ermittler sortieren unsere »Hochleistungsgesellschaft« fein brav in Artige und in gesetzlose Schufte. Traumfabrik Fernsehen.

Ein Krimi darf aber gern einen distanzierten, ironischen Blick auf die brüchige Wirklichkeit werfen, in der ›notleidenden Banken‹ die Millionen hinterhergeworfen werden. Schon vergessen? Und die anderen Millionen, von denen dieser Tage so viel die Rede ist, die kommen nicht etwa bei den griechischen Bürgern an, nein die werden von Bank zu Bank verschoben und geht nicht um Millionen, sondern geht um Milliarden.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Hydra (Westdeutscher Rundfunk)
Ermittler: Jörg Hartmann, Anna Schudt, Aylin Tezel, Stefan Konarske
Regie: Nicole Weegmann
So., 11.01., 20.15 Uhr, ARD

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