//

Gegen den Mainstream

Zum 80. Geburtstag von Vanessa Redgrave

Schon Vanessa Redgraves Geburt war ein Großereignis in der Londoner Kunstszene. Ihr Vater Michael und der grandiose Laurence Olivier standen als Laertes und Hamlet am 31. Januar 1937 auf der Bühne des Londoner Old Vic, als Olivier nach der Vorstellung vor das Publikum trat und verkündete: »Meine Damen und Herren, eine große Schauspielerin hat das Licht der Welt erblickt. Laertes hat eine Tochter.« Von PETER MOHR

Blow upDie künstlerischen Wurzeln ihrer Familie (auch Mutter Rachel Kempson und später ihre Geschwister Lynn und Corin standen auf der Bühne und vor der Kamera) waren für Vanessa Redgrave nie eine Bürde, sondern eher ein Ansporn, den früh eingeschlagenen Weg geradlinig zu Ende zu gehen.

Nach Schauspielschule und Ballettunterricht wurde sie bereits mit 24 Jahren Mitglied der Royal Shakespeare Company und von den Theaterkritikern mit Lob überschüttet. 1966 schaffte sie den internationalen Durchbruch beim Film in Michelangelo Antonionis ›Blow Up‹ – ein Film, der das Londoner Lebensgefühl der 60er Jahre präzise einfing. Für dieses Zeitgeistpanorama, das nach einer Erzählung von Julio Cortázar entstand, wurde Vanessa Redgrave mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet – der Beginn einer großen internationalen Karriere.

Doch Vanessa Redgrave verkörperte nie den Star für die Regenbogenpresse; sie wollte nie »everybody’s darling« sein, sondern schwamm mit großer Energie gegen den politischen Mainstream und machte sich so auch viele Feinde. 1974 kandidierte sie im Londoner Eastend für die marxistische ›Workers Revolutionary Party‹ bei den Parlamentswahlen; und sie sympathisierte offen mit Yassir Arafat und Fidel Castro. Sie protestierte lautstark gegen die Kriege in Vietnam und am Golf, und nach der Tschernobyl-Katastrophe schwang sie sich zu einer der populärsten Kritikerinnen der Atomenergie auf. Wegen ihres leidenschaftlichen politischen Engagements wurde sie in Kollegenkreisen lange Zeit »Mutter Courage« genannt.

Als ihr 1978 für ›Julia‹ (an der Seite von Jane Fonda) der Oscar verliehen wurde, nutzte sie das internationale Forum für eine kämpferische politische Rede. Die kämpferischen, meist leicht introvertierten Rollen sind dementsprechend auch Redgraves große Stärke: Die Jüdin Julia, die – im gleichnamigen Film von Fred Zinnemann – entschieden gegen die Nazis kämpft; die Tänzerin Isadora Duncan, die Chansonsängerin Fania Fenelon oder die skrupellose Agentin, die sie in ›Mission impossible‹ an der Seite von Tom Cruise verkörpert.

Ob John Schlesinger, Fred Zinnemann, Michelangelo Antonioni, Sean Penn, James Ivory, Bille August, Tony Richardson (mit dem sie zwei ebenfalls als Schauspielerinnen tätige Töchter hat, die 2009 verstorbene Natasha und Joely) oder Brian da Palma: Vanessa Redgrave hat mit den Stars der Regiezunft zusammengearbeitet und sich stets mit großer Sorgfalt ihre Rollen ausgesucht. Und an ihrer Seite versammelt sie stets die Prominenz: Winona Ryder in ›Durchgeknallt‹, Jack Nicholson in ›Das Versprechen‹, Tom Cruise in ›Mission impossible‹, Harvey Keitel in ›Lulu on the bridge‹, Jeanne Moreau in ›Nur eine Frau an Bord‹, Jane Fonda in ›Julia‹ oder Maximilian Schell in ›Little Odessa‹.

Dem kantigen Frauentyp mit dem bisweilen rauen Charme verlieh sie auch durch ihre leicht rauchige Stimme noch in eher unbedeutenden Nebenrollen funkelnden Glanz – so in den beiden Bille-August-Romanverfilmungen ›Das Geisterhaus‹ und ›Fräulein Smillas Gespür für Schnee.‹

2007 war Vanessa Redgrave, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, auf den deutschen TV-Bildschirmen sogar in der Rosamunde-Pilcher-Verfilmung ›Die Muschelsucher‹ zu sehen. In einer Rolle, die ihrem eigenen Charakter durchaus entspricht: beharrlich, ein wenig stur, unkorrumpierbar und leicht egozentrisch.

An ihrer Seite stand die damals noch junge, aufstrebende deutsche Schauspielerin Stephanie Stumph – bekannt aus den Stubbe-Krimis im ZDF –, die sich stark beeindruckt zeigte: »Für mich war es grandios, Vanessa bei der Arbeit zu beobachten. Ich habe eine sehr warme, hilfsbereite und interessierte Frau kennengelernt.« Danach glänzte Redgrave noch in der Ian McEwan-Verfilmung ›Abbitte‹, in Roland Emmerichs ›Anonymous‹ (2010) in der Rolle der alten Queen Elisabeth I., im Bürgerrechtsfilm ›Der Butler‹ (2013) und zuletzt im 2016 in Toronto uraufgeführten John Sheridan-Drama ›The secret scripture‹.

Vanessa_RedgraveAuch privat hat Vanessa Redgrave noch ein spätes Glück gefunden. Seit Silvester 2006 ist sie mit ihrem italienischen Schauspielerkollegen Franco Nero verheiratet. 37 Jahre nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Carlo trat das Paar vor den Traualtar. Und im letzten Herbst gab sie sogar ihr Debüt als Model für das Modelabel Gucci. Vanessa Redgrave ist in jeder Hinsicht eine unkonventionelle Frau.

| PETER MOHR

Titelbild
| Vanessa_Redgrave_(2011).jpg: Siebbi derivative work: César (talk), Vanessa Redgrave (2011) cropped, CC BY 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Turbulence As A State Of Mind

Nächster Artikel

Perfekter Sommertraum

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Hoffnungslos

Film | Im Kino: A Beautiful Day Sieben Minuten applaudierte das Publikum in Cannes. ›A Beautiful Day‹ hatte zuvor in einer unfertigen Fassung seine Premiere gefeiert. Regisseurin Lynne Ramsay hat die Erzählung des Autors Jonathan Ames mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle verfilmt. FELIX TSCHON möchte wissen, ob die Zuschauerinnen und Zuschauer zurecht applaudierten.

»Was mache ich hier?«

Film | Im Kino: Fluch der Karibik 5 – Salazars Rache »Kann mir jemand erklären, was ich hier genau mache?« Das ist die erste und durchaus berechtigte Frage des Pechvogels Captain Jack Sparrow, als man ihn mit der Frau des Bankiers im angeblich supersicheren Safe erwischt. Die Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film, in dem Jack auch im fünften Teil der Fluch der Karibik – Saga lebensbedrohliche Abenteuer besteht, aus denen er teils zufällig, teils durch die Hilfe seiner Crew stets heraus gerettet wird. ANNA NOAH fragt sich »Was mache ich hier?«

»Suchen Sie was, oder erinnern Sie sich gerade?«

Film | Im TV: ›TATORT‹ – 905 Der Fall Reinhardt (WDR), 23. März und Die Fahnderin (WDR/NDR), 26. März Ungewöhnlich. Aber so kann man fragen, ja, und in diesem Fall passt es sogar. Es geht um eine retrograde Amnesie, die sich nach und nach aufhellt, die Erinnerung kehrt zurück und eine zutiefst verzweifelte Situation stellt sich ein, drei Schritt schon überm Abgrund, wie weit kann man ins Verderben laufen, aber schlussendlich gibt’s Pillen und wirst sediert. Das wär’s fast schon. Von WOLF SENFF

Femme fatale, männerverschlingend

Film | Im TV: Tatort – Am Ende des Flurs (BR), 4. Mai Schön, man kann sagen, da zieht ein Täter von Anfang bis Ende sein Ding durch, konsequent, in aller Unschuld, einverstanden, kein Einwand. Wie so oft beginnt das Geschehen vergleichsweise unauffällig. Lisa Brenner, die bis vor anderthalb Jahren ein Verhältnis mit Franz Leitmayr hatte – man weiß davon noch nicht, der Herr Kommissar mag nicht mit der Sprache herausrücken, das wird ihm noch leidtun –, nun stürzt sie aus dem zwölften Stock. Wie sich bald herausstellt, trank sie den Champagner nicht alleine. Von WOLF SENFF

Dünnes Eis – ein Ocean’s Film ohne »Danny Ocean«

Film | Im Kino: Ocean’s 8 Wenn keine geringere als die Schwester von Danny Ocean fünf Jahre im Knast verbringt – und das auch noch unschuldig – kann das nur eins bedeuten: Debbie Ocean nutzte die gesamte Zeit, um sich einen Racheplan auszudenken. Denn, was ihr Bruder kann, das sollte für sie doch ein Klacks sein! Der Schuldige, ein fieser Galeriebesitzer, wird büßen, soviel ist klar. Sie weiß auch genau, wie. Doch sie muss es allein schaffen, ohne ihren Bruder. Gelingt es, die beliebte Ocean’s-Reihe mit einer rein weiblichen Besetzung wiederzubeleben? ANNA NOAH sitzt mit gemischten Gefühlen in einem ungewohnten