/

Ewig jung

Film | Auf DVD: Leos Janácek – Vec Makropulos

Es gibt Leute, die bemängeln, dass der Regisseur Christoph Marthaler immer dasselbe mache. Das mag seine Berechtigung haben. Aber was er da immer wieder macht, ist so faszinierend, so anregend, dass sich seine Fans daran nicht sattsehen können. Marthaler ist ohne Zweifel ein Regisseur mit einer unverwechselbaren Handschrift, imitiert zwar, aber so intelligent und künstlerisch sensibel, dass auch die schwächeren Arbeiten für das Sprech- oder das Musiktheater, was bei Marthaler nicht immer unterscheidbar ist, zum Interessantesten gehören, was die Bühne der Gegenwart zu bieten hat. Von THOMAS ROTHSCHILD

Vec MakropulosAuch bei den Salzburger Festspielen des vergangenen Jahres war es Marthaler, der mit Leoš Janáceks ›Sache Makropulos‹ für den Höhepunkt der Saison sorgte. Die Inszenierung ist nun nach nur acht Monaten auf DVD auch für jene zugänglich, die es nicht nach Salzburg schafften. Spannend und fantastisch ist Karl Capeks zu Unrecht vergessenes Theaterstück von 1922, auf dem Janáceks viel zu selten gespielte Oper von 1926 basiert. Es handelt von der schönen Sängerin Emilia Marty alias Elina Makropulos, die dank einem Elixier mehr als 300 Jahre alt geworden ist, ihre ewige Jugend aber mit Gefühlskälte bezahlt.

Christoph Marthaler zeigt im Einheitsbühnenbild von Anna Viebrock, einem die Bühne des Großen Festspielhauses füllenden Gerichtssaal, großen Respekt vor Stoff und Musik. Seine Duftmarke hinterlässt er in einem witzigen Vorspiel, das die Aktualität der Problematik verdeutlicht – zwei Frauen führen einen von Capek geschriebenen, in der Oper aber nicht verwerteten Dialog in einer Glaskabine, einer Art Raucherenklave, wie auf Flughäfen, wobei man sie nicht hört, sondern nur Übertitel, auf der DVD: Untertitel lesen kann –, und in repetitiven stummen Szenen am Rande.

Die Figuren bewegen sich langsam über die Bühne, erstarren zu Bildern wie von Edward Hopper oder Magritte, die die unheimliche Handlung visualisieren. Und einmal mehr erweist sich die wechselnde Position der Kameras als problematisch. Sie zeigen Ausschnitte, wo man auf der Bühne verschiedene Vorgänge gleichzeitig sieht. Marthalers Arrangements verlangen eine Gesamtschau. Die wird dem DVD-Nutzer meist vorenthalten. Dafür darf er die Gesichter studieren, und zumindest bei Angela Denoke ist das tatsächlich lohnend. Sie gehört zu jenen Opernsängerinnen, die zugleich begnadete Schauspielerinnen sind.

Mit Angela Denoke, die in Salzburg mit dem gleichen Team schon als Katja Kabanowa begeistern konnte, verfügt Marthaler über die ideale Besetzung für die Hauptrolle. Aber auch Esa-Pekka Salonen, der die Wiener Philharmoniker dirigiert, hat an Reichtum und Radikalität der Klangnuancen von Janáceks Musik unüberhörbar Geschmack gefunden. Mit Raymond Very, Johan Reuter, Jochen Schmeckenbecher und Aleš Briscein stehen der Denoke Männer zur Seite, die sängerisch wie schauspielerisch ihre Aufgabe glänzend erfüllen. Wenn sie bei Emilia Marty alias Elina Makropulos‘ Geständnis am Ende vor Schrecken, aber vor allem wegen der Kälte, die von ihr ausgeht, zitternd in einer Reihe auf der Bühne sitzen, ergreift der Wärmestrom, der von der Musik ausgeht, das Publikum im Zuschauerraum und wohl auch vor dem Fernseher.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Leos Janácek: Vec Makropulos. Unitel Classica/cmajor 709508

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Living la vida loca: Sonys neuer Handheldwurf

Nächster Artikel

Ein Dokument des Exils

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Überladen heiter

Bühne | ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ im Karlsruher Sandkorntheater »Spektakulär, unerwartet, komisch und vielfältig – mit einem Ende, das nicht nur die im Stück inbegriffene Staatsanwältin Amanda, die das Ergebnis kurz und prägnant anhand einer Pressekonferenz vor den Journalisten präsentieren möchte, verwirrt!« So ließe sich die momentan aktuelle, entsprechende Inszenierung des Millionensellers ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ nach dem Roman von Jonas Jonasson im Karlsruher Sandkorntheater kurz zusammenfassen. Von JENNIFER WARZECHA

Fantasy-Metal-Abenteuer der Extraklasse

Bühne | Symphonic Metal: Avantasia Avantasias neues Album ›Moonglow‹ kam Mitte Februar raus und stieg in den deutschen Albumcharts sofort auf Platz 1 ein. Damit machen sie den seit 1989 existierenden ›Oomph!‹ und den 2004 gegründeten ›Powerwolf‹ gewaltige Konkurrenz. Das Metal-Oper-Projekt von Gründer Tobias Sammet dürfte eines der größten Unterfangen sein, das in der Metalmusikwelt verwirklicht wurde. ANNA NOAH will wissen, ob der Liveauftritt von Avantasia so erstklassig ist, wie im Promotrailer behauptet wird.

»Today We Feel Like Rockstars«

Bühne | Oper: Nabucco

Giuseppe Verdis Oper ›Nabucco‹ wurde 1842 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Auch wenn die gesehene Inszenierung 184 Jahre später möglicherweise nicht darauf abzielte, ein politisches Statement abzugeben, waren etwaige Parallelen durchaus erkennbar. Kein Wunder, denn die Oper ist als Kunstform nicht nur politisch relevant, sondern wird auch im Kontext unserer Realität interpretiert. Verdis frühes Meisterwerk wurde am 23.05.26 im Opernsaal der Staatsoper Berlin sowie als Liveübertragung auf dem angrenzenden Bebelplatz für ungefähr 15.000 Menschen mit Fantasie und Intensität auf die Bühne gebracht und hinterließ nicht nur bei Anna Noah einen bleibenden Eindruck.

Wahrer Mut braucht kein Geschlecht

Bühne | Ben Hur im Theater das Zimmer Hamburg Die Drei Weisen kommen mit Gaben, um das Christkind zu beschenken. Sie bringen Gold und Weihrauch. Doch was ist mit dem vierten Darsteller, der auch gerne einer von ihnen wäre? Er nimmt es nicht ganz so ernst mit der Legende und treibt die Regie in den Wahnsinn. Und das ist nicht das einzige Detail, das das Heldenepos auf den Kopf stellt. Von MONA KAMPE

Not the great Hippie-Swindle

Musik | Woodstock-Shortlist 1967 – Summer of Love. 1968 – Flower People. 1969 – Woodstock. Das Folk-, Rock-, Psychedelic-, Blues- und Countryfestival Woodstock, 3 Days of Peace & Music, fand vor 50 Jahren vom 15. bis 17. August 1969 statt – in White Lake in der Nähe der Kleinstadt Bethel des Bundesstaats New York. Auf dem Set waren mindestens 32 Bands und circa 400.000 Zuschauer und dies völlig friedlich im teilweisen Festivalchaos und in einer Zeit gesellschaftlicher Konflikte. Von TINA KAROLINA STAUNER