»Für«-Bilder statt »Gegen«-Bilder

in Kunst/Menschen/Porträt & Interview

Menschen | Kunst: Interview mit Timo Dillner (Teil III)

Im dritten und letzten Teil unseres Interviews unterhält sich Künstler TIMO DILLNER mit FLORIAN STURM über den Kunstmarkt, das politische Potenzial von Kunst und Karrierewege für Künstler.

Wird Kunst in der heutigen Gesellschaft ausreichend gewürdigt?
Auch diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn sie führt wieder zu unserem Grundproblem der Frage, was Kunst denn eigentlich ist. Die Werke der gehypten und hoch gehandelten Künstler werden zweifellos ausreichend gewürdigt. Kunst, die sich massenmedial ausschlachten und verwerten lässt, findet ebenfalls genügend Beachtung und Förderung. Kunst, die den Besucher und Betrachter in Form von Erlebnisparks oder Ähnlichem mit einbezieht, ist, wie jeder größere Zirkus oder Rummelplatz, gut beworben und besucht. Zeitungen haben ihre Spalten und Sender ihre Sendeminuten für diese Art von Kunst, und dafür stehen auch genug private und öffentliche Mittel zur Verfügung. Kein Problem – könnte man sagen.

Allerdings bezieht sich das nur auf die sozusagen etablierte Kunst, auf Kunst, mit der sich Geld verdienen lässt. Mit gemischten Gefühlen betrachte ich eigentlich positive Dinge wie die Vergabe von Stipendien durch Institutionen und Vereine. Ich habe manchmal den Verdacht, dass sie den Institutionen mehr nützen als den Künstlern.
Wirkliche Würdigung der Kunst im Allgemeinen möchte ich an schlichteren Zeichen festmachen: Ausstellungsmöglichkeiten für junge und unbekannte Künstler, bezahlbare (und damit natürlich gestützte) Atelier- und Studiomieten, Einbeziehung von lokalen Künstlern in lokale und regionale Kulturprogramme, öffentliche Plattformen für Laienkunstgruppen, offene Ausschreibungen für die künstlerische Gestaltung kommunaler Gebäude und Einrichtungen … Auch eine größere Vielfalt an ausgestellter oder aufgeführter Kunst in Museen, Galerien oder Theatern würde ich als gutes Zeichen deuten. Nicht jedes Ereignis muss viel Geld kosten, und nicht jedes Ereignis sollte an seinen erzielten Einnahmen gemessen werden.

Die Kunst ist weltweit ein Milliardenbetrieb. Doch davon kommt bei 99 Prozent der Künstler kaum etwas an. Was läuft schief?
Ganz einfach: Die wirklich großen Summen generieren sich nicht durch die Kunst. Die Kunst als Milliardenbetrieb bedeutet vor allem eben Betrieb. Kunst und Künstler sind für so einen Betrieb nur Mittel und Rohstoff, und der Gewinn wird auch hier von Leuten kassiert, die mit der Produktion und dem Produkt wenig bis gar nichts zu tun haben.



neulich im fernsehen:

kunstverständnis, kunstverständnis, spektakulär relevant werdende probleme, qualitäts-sachwalter, sammlerinteressen, kunsthistorisch relevante neue positionen, (relevante relevanz!) kunstkompetenz von konsumkompetenz abgelöst, abgelöst (muss man nicht?) kunsthistorie ernst nehmen, (fehlt da nicht?) der diskurs über qualität, über evidenz eines kunstwerkes (sieh mal, liebes, ich sehe) kunst als ausweis für authentizität (und) sammler als beispielhaft für ausgeprägten individualismus, (ein gespenst geht um, in europa. … wir kennen die) macht der auktionshäuser, privatsammler als instanzen von hohem sachverstand, liebe zur kunst gepaart mit kompetenz (und deshalb wollen wir) per geldschein entscheiden aber das inhaltliche suchen!

FERNSEHEN KANN TÖDLICH SEIN! steht
nirgends geschrieben. und von einem besuch
auf dem kunstmarkt bekommt man weder
syphilis noch aids …-


 

Die Praxis, Kunst als Wertanlage zu benutzen, treibt die Preise für einzelne Kunstwerke und ihre Schöpfer in schwindelerregende Höhe – doch davon hat die Kunst nichts und die Mehrzahl der Künstler erst recht nicht. Die Käufer dieser Wertanlagen haben von Kunst nicht mehr Ahnung als jeder andere. Solange die Kunst als völlig undefinierbar deklariert wird, benötigen sie hoch bezahlte Berater für ihren Kunstgeschmack und lassen sich den gröbsten Unfug als kulturelles Highlight aufschwatzen. Natürlich behaupten sie dann, es gefiele ihnen und sie wüssten es zu schätzen. Wer so eine Menge Geld bezahlt, darf sich dafür auch den Ruf erkaufen, ein Kunstkenner zu sein.

Wie viel Ahnung diese Leute von Kunst wirklich haben, zeigt sich beispielsweise in Ereignissen wie dem Prozess gegen den Kunstberater Helge Achenbach. Er wusste, dass er den Käufern, was Wert und Preis von Kunst anging, jede beliebige Summe nennen konnte. Wer da jammert, er sei betrogen worden, müsste nicht entschädigt, sondern öffentlich ausgelacht werden.

Das riesige Potenzial, mit der Kunst Missbrauch zu treiben, liegt eben darin begründet, dass Kunst nicht definiert werden darf. Dürfte sie es, und wäre die Definition anerkannt und verbindlich, würden sich auch die Milliarden, die mit Kunst verdient werden, gleichmäßiger und zum Nutzen von Kunst und Künstlern verteilen. Mit der Kunst wird so viel Geld verdient, dass kein Künstler, der seine Arbeit ernsthaft betreibt, am unteren Ende des Existenzminimums leben müsste.

Unterscheiden sich Portugal und Deutschland diesbezüglich?
Ich denke, es gibt den Unterschied, dass sich in Deutschland ein größerer Reichtum konzentriert als in Portugal. Staat und Kommunen sind finanziell in der Lage, größere Summen für prestigeträchtige Events auszugeben. Somit meint man auch beweisen zu können, dass man der Kunst größere Wertschätzung entgegenbringt. In Portugal, wo mit Geld strenger gehaushaltet werden muss, werden eher kleinere Summen für eine Vielzahl von unterschiedlichen Events spendiert. Dies kommt natürlich der Kunst und den Künstlern weit eher zugute als im umgekehrten Fall.

Hatten Sie jemals den Gedanken, nach Deutschland zurückzukehren?
Ziemlich oft. Aber man möge »Gedanke« nicht mit »Wunsch« verwechseln. Portugal, also die Algarve, ist mir zur Heimat geworden.

Neben der Kunst sind Sie auch als Autor tätig und nehmen Hörbücher auf. Als was für eine Art Künstler sehen Sie sich selbst?
Wie schon gesagt: Ich bin Contineralist. Das hat den Vorteil, dass ich etwas bin, das man mit einem einzigen Begriff beschreiben kann. Der Nachteil ist, dass ich den Begriff beschreiben muss, da er – als meine eigene Schöpfung – den Allermeisten noch unbekannt ist. Ich male und dichte, forme Figuren; ich zeichne und schreibe Bücher, fertige Gebrauchsgegenstände und verwirkliche multimediale Projekte. Ich mache Trickfilme, nehme Hörbücher auf, halte Vorträge und Lesungen, ich layoute und ich gestalte Ausstellungen. Das alles unter dem Dach des Contineralismus. Das heißt, ich präsentiere meine Botschaften, so deutlich es geht auf möglichst originelle, wirksame und handwerklich hochwertige Weise.

Ist Kunst per se politisch?
Sie kann ganz verschiedene Aufgaben haben und wahrnehmen, und es wäre wahrlich eine unzulässige Beschränkung ihrer »Freiheit«, würde man sie ausschließlich der Politik verpflichten. Andererseits entsteht sie natürlich nicht im luftleeren Raum. Jeder Künstler lebt in seiner Zeit, ist von ihr geprägt und reagiert in seiner Arbeit auf sie.
In einer Zeit, die in ihrer Schnelllebigkeit so verwirrend ist wie die unsere, ziehen sich viele Künstler auf ein dekoratives aber ansonsten sinnfreies Spiel mit Materialien und Formen zurück. Ihr Bedarf an Botschaft und Inhalt ist durch den täglichen Chat via WhatsApp und in der unaufhörlichen Berieselung durch die Medien mehr als gesättigt. Also ist die Tendenz, keine Information preiszugeben, keine Meinung zu haben, keine Botschaft zu formulieren, keine Stellung zu nehmen eine indirekte Reaktion auf einen bestimmten politischen und gesellschaftlichen Zustand. Die Alternativlosigkeit, die uns in der Politik vorgegaukelt wird, lähmt und betäubt, und das spiegelt sich nur allzu oft in lahmen und tauben – manchmal auch betäubenden – Kunstwerken.

Timo Dillner: Kunstmarkt Öl/Hf - 2015 - 100 x 100 cm
Timo Dillner: Kunstmarkt
Öl/Hf – 2015 – 100 x 100 cm

Inwieweit beeinflussen die aktuellen politischen Geschehnisse Ihre Werke?
Ich beschäftige mich sehr mit der Gesellschaft und den Problemen der Zeit, in der wir leben, und versuche, Dingen auf den Grund zu gehen. Dabei stelle ich meist fest, dass es für viele – selbst für sehr verschieden geltende – Erscheinungen kleinste gemeinsame Nenner gibt. So wie man bei Kriminalität, Politik und Religion vielem fruchtlosen Spekulieren aus dem Weg gehen und die meisten Diskussionen schnell beenden kann, indem man die berühmten Fragen stellt »Cui bono?« und »Wo steckt das Geld?«, so lassen sich viele Probleme unseres (un)politischen Miteinanders auf Angst, Neid, Gier, Dummheit und Egoismus zurückführen.
Ich bin gegen die Politik, wie sie aktuell praktiziert wird, gegen Krieg, Fremdenfeindlichkeit, Umweltzerstörung und Ausbeutung. Aber ich will keine »Gegen«-Bilder malen. Ich male »Für«-Bilder: Ich bin für das Reden miteinander und vor allem für das Einander-Zuhören.
Man kann sich jedem Argument mit verschränkten Armen und den Worten »Dunkel, Herr, ist deiner Rede Sinn« entgegenstellen. Man kann aber auch versuchen, den Sinn der Rede zu verstehen, indem man aufmerksam zuhört und sich in den Redner hineinversetzt. Ich nenne das: Kommunikation. Und ich male Bilder, die zu Kommunikation anregen und ermutigen sollen.

Würden Sie heute noch mal den gleichen Karriereweg als Künstler einschlagen?
Nein. Künstler würde ich wohl werden müssen. Aber ich würde einen anderen Weg wählen, würde auf Abitur und Studium verzichten, um in dieser Zeit den Bau von Streich- und Zupfinstrumenten zu erlernen. Dann wäre ich jetzt ein malender und dichtender Instrumentenbauer. Wäre schön, wenn ich mich im nächsten Leben an diese Idee erinnern könnte.

| FLORIAN STURM 

TIMO DILLNER wurde 1966 in Wismar geboren. Auf sein erstes aus dem Kopf gezeichnetes Porträt war er ziemlich stolz, bis seine Mutter ihn darauf aufmerksam machte, dass die Ohren fehlen. Niemand in der Familie hielt viel von künstlerischer Freiheit. Vor allem nicht, wenn es um Ohren ging. Beide Großväter waren sehr musikalisch. Der eine arbeitete als Erster Geiger im Stralsunder Theater, der andere war als Poeler Fischer ein begeisterter Akkordeonist. Dillner wurde trotz aller Liebe für die See bereits als Kleinkind von seinen Eltern in die Lausitz entführt und wuchs in Cottbus auf. Nach dem Abitur ging es allerdings direkt zurück in den Norden – Studium der Pädagogik, Kunst und Germanistik in Greifswald –, um anschließend von 1989 bis 1998, abermals in Cottbus, als Assistent in den Brandenburgischen Kunstsammlungen zu arbeiten. Seitdem lebt er als Bildender Künstler und Autor wieder an der See, in Portugal.

Weiterlesen
| Teil I des Interviews in TITEL kulturmagazin
| Teil II des Interviews in TITEL kulturmagazin

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