Glitzer ist kontrovers. Affen lieben Glitzerkram und legten schon vor Hunderttausenden von Jahren nutzlose Kristallsammlungen an. Was wohl einen Sinn für Schönheit offenbart. Geschätzt wird Glitzer besonders von Kindern, dem Showbizz und der LGBTQ-community. Gehasst von Eltern und Umweltschützern. Verachtet von den Puristen der Kunstgeschichte. Von SABINE MATTHES

Die Facetten von »Glitzer« sind so vielfältig schillernd, wie das Material selbst. So widmet das Gewerbemuseum Winterthur / Schweiz dem Phänomen eine eigene Ausstellung. Zentrales Thema dabei ist Glitzer als ein Symbol für Empowerment, Selbstbestimmung und Zugehörigkeit. Ursprünglich hatten Nina Lucia Groß und Julia Meer die ›Glitzer‹-Ausstellung für das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg kuratiert; das weltweit erste Haus, das dem Material letztes Jahr eine Ausstellung widmete. Die jetzt in Winterthur um die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie ergänzt wurde. In sechs Kapiteln, mit rund 40 internationalen Positionen aus Kunst und Gestaltung, feiert die Ausstellung Glitzer als Lebensgefühl, Ausdruck der Freude und gesellschaftlicher Vielfalt. Als Mittel für Protest und Widerstand, als Symbol der Sichtbarmachung marginalisierter Gruppen. Die »Hall of Glitter« empfängt einen mit rund 100 privaten Leihgaben funkelnder Lieblingsobjekte und ihrer Geschichten. Darunter ein Glitzerraketen-Schlüsselanhänger der Abfallforscherin Christina Gehrlein. Sie verweist auf das Büchlein ›Glitter‹ (2022) von Nicole Seymour – eine Kulturgeschichte des Glitzer, erschienen in der Buchreihe ›Object Lessons‹ über das verborgene Leben alltäglicher Dinge.
Die Ausstellung und Seymours Büchlein wollen Glitzer als politisches, aktivistisches Material rehabilitieren. Widerständig, provokant, humorvoll, jubelnd und anklagend geht es im Ausstellungs-Kapitel ›Glitter up!‹ zur Sache. Die Burlesque-Performerin Pansy St. Battie aus San Franzisko benutzt seit ihrem 16. Lebensjahr wegen ihrer Behinderung einen beglitzerten Rollstuhl: im Alltag, auf der Bühne und vor der Kamera. Ihre selbstbestimmte Inszenierung verbindet Vintage-Glamour mit ihrer Behinderung, um soziale Stigmata zu brechen. Sie sieht sich als »Showbabe und aufstrebende Schutzheilige des Glitzers«. Gisela Vola zeigt in ihrer Fotoserie ›Marea Verde‹ (2018-2023) die feministischen Proteste der »Grünen Welle«, die in Argentinien begann und über ganz Lateinamerika schwappte. Mit grünem Halstuch und Glitzer im Gesicht demonstrierten sie gegen Abtreibungsverbote, für mehr Sicherheit und Freiheit, und bewirkten einige Gesetzesänderungen.
Tief im Amazonas Regenwald lauert das Monster Mapinguari. Laut brasilianischer Folklore war die mysteriöse Kreatur, ein ehemaliger Schamane, den die Götter zur Strafe verwandelten, weil er den Schlüssel zur Unsterblichkeit entdeckt hatte. Ihm widmet die brasilianische Künstlerin Rafa BQueer ein Glitzerkostüm aus alten Paillettenstoffen (2023). Das menschenähnliche Riesenfaultier hat ein gierig-klaffendes Maul im Unterleib und rückwärts gewandte Füße, um die Spur für seine Verfolger zu verwirren. Die mythologische Bestie steht für die Verbindung von Mensch und Wald und wurde zum Beschützer der Wälder. Der Kurzfilm ›Epilogue: Ash Wednesday‹ (2006) der brasilianischen Künstler Cao Guimaraes und Rivane Neuenschwander zeigt eine karnevaleske Ameisenprozession. Emsige Ameisen beseitigen am Aschermittwoch nach dem brasilianischen Karneval die glitzernden Konfettiabfälle. Zum Rhythmus von mit Streichhölzern gespieltem Samba und Naturgeräuschen. Kleinste Abfälle eines menschlichen Festes werden wie gewaltige Baustoffe transportiert. Es zeigt die zwei Seiten von Glitzer.

Glitzer ist paradox. Existiert nur im Plural. Eher ein Effekt, ein Gefühl. Wie eine Unterbrechung der Realität. Ein Mittel zur Transformation. In Walt Disneys Film ›Cinderella‹ (1950) taucht Glitzer in Momenten der Verwandlung auf, gehört zu Feen und Prinzessinnen. Er macht marginalisierte Gruppen sichtbar. Steht für den aufregenden, verwirrenden Zwischenraum der Selbstfindung, in dem Teenager sich befinden – wie Britney Spears ihn besingt: ›I`m Not a Girl, Not Yet a Woman‹. Die Ausstellung widmet diesem Phänomen das Kapitel ›Teenage Glitter‹. Kleine Kinder sind von bunt glitzernden Dingen wie Murmeln, Seifenblasen, Kaleidoskopen besonders angezogen. Wahrscheinlich wegen unseres überlebenswichtigen instinktiven Verlangens nach Wasser – das der ästhetischen Attraktion von Glitzer zugrunde liege, wie man aus Nicole Seymours »Glitter« erfährt.
In einer Timeline aus Texten, Fotos und Videos – ›Glittermania‹ – erzählt die Ausstellung von der geschichtlichen Omnipräsenz des Glitzers. Von der Schminke der Neandertaler, zu den 10.000 v. Chr. aus Nautilus-Muscheln hergestellten Pailletten der Indonesier. Bis zur Popularität von Glitzer-Schminke in der Renaissance, wodurch viele Käferarten mit glänzenden Flügeln stark dezimiert wurden. 1922 beförderte die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun die Popularität von Pailletten, sie werden Teil der Mode. In New Jersey erfindet Henry Frank Ruschmann 1934 aus den glänzenden Abfallschnipseln zerschnittener Fotoabzüge das moderne Polyester-Glitter. Mica wird als reflektierendes Material Straßenmarkierungen beigemischt. Bob Blackledge beschreibt »Glitter as Forensic Evidence«. Und die Glitzer-Outfits spanischer Toreros, Showstars und Künstler wie Josephine Baker, David Bowie, Grace Jones und Pierre et Gilles verzücken ihre Fans.
Ein Highlight ist das australische Duo The Huxleys. Sie performen mit ihrer großformatigen Videoarbeit ›Style Over Substance‹ (2021) im Kapitel ›Sparkle and Shine‹.
Aufgewachsen in australischen Vororten, fühlten sie sich als queere Außenseiter isoliert »wie Aliens« und träumten davon, auf den glitzernden Schwingen ihrer Discostars davonzufliegen. Bis sie einander als Soulmates fanden und durch die Kunst gerettet wurden. Inspiriert von Cindy Sherman und Leigh Bowery, von Surrealismus und Dada – der Idee, dass es kein richtig und falsch gibt, kein Anfang und Ende von dem, was man sein kann. Fasziniert von Verkleidung, die zugleich Schutzschild ist und mystische Kraft gibt – durch das fast anonyme »we could be anyone or anything underneath that mask«. Dermaßen befreit, jenseits von Gender, Klasse und Rasse, werden sie zu Kunstwerken ihrer eigenen Huxleys Traumwelt. Der Humor, der früher beim Aufwachsen in einer homophoben Umgebung in der Schule überlebensnotwendig war, steckt jetzt in den Arbeiten. Ihre Kunst sei »fast wie ein Exorzismus der ganzen Zeit, die wir nicht queer sein durften. Freud, der von der Idee der Rückkehr des Unterdrückten sprach, dass es in einer monströsen Form zurückkommt, so etwa ist unsere Arbeit: diese monströse Explosion anders zu sein.«
Glitzer ist gefürchtet: der Herpes unter den Bastelmaterialien. Hat man ihn erst einmal, explodiert er und man bekommt ihn nie mehr los. Perfekte Eigenschaften für Glitterbombing! Der erste bekannte Fall ereignete sich 2011, als der US-Aktivist Nick Espinosa in Minneapolis den homophoben Politiker Newt Gingrich während dessen Präsidentschaftskampagne mit Glitter überschüttete. »Ich … wusste, es würde an ihm kleben bleiben« und dass er »sich tagelang daran erinnern würde, was ich sagte, wenn er sich die Glitzerpartikel aus den Haaren zog.« Espinosa hatte ihm zugerufen: »Feel the rainbow, Newt! Stop the hate! Stop anti-gay politics!« Die taktische Frivolität verwirrt das Glitzeropfer: es wird durch den Glitzer kurzfristig in die queere community eingemeindet und bekommt den Regenbogen, wie die Erniedrigung zu spüren.
Glitterbombing wurde zum Trend. 2012 traf es Mitt Romney, 2016 Jair Bolsonaro und 2023 Keir Starmer. Wer sich an persönlichen Feinden rächen will, kann aber auch einen glitter bomb letter verschicken lassen. Einfach bestellen unter RuinDays.com oder der originalen Glitter Bomb Website »Ship Your Enemy Glitter«. Mit Garantie: »Once you get it, it explodes, and you will never get rid of it.«
Ausstellungsangaben
Ausstellung »Glitzer«
Schweiz, Gewerbemuseum Winterthur
28. November 2025 – 17. Mai 2026

