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So oder so

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: So oder so

Nein, so wie es angelegt sei, überlegte Farb, halte er das Leben für eine Fehlkonstruktion.

Wette lächelte. Man dürfe, sagte er, dem nicht zu viel Gewicht beimessen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel mit Schlagsahne.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen. Nein, dachte sie, keinesfalls, man dürfe sich das Geschehen nicht zu Herzen nehmen.

Farb strich die Schlagsahne auf seinem Kuchen langsam und sorgfältig glatt.

Wette schwieg.

Und zwar deshalb, ergänzte Farb, weil es so untrennbar mit dem Tod verflochten sei, in jeder Sekunde sei der Tod gegenwärtig, das sei wirklich kein Zustand, das Leben könne, indes man dessen reinste Gegenwart zu spüren meine, von einem Wimpernschlag auf den nächsten mir nichts, dir nichts ausgelöscht werden, aus, vorbei, und wozu solle das gut sein.

Wette schien amüsiert. Eine Fehlkonstruktion, spottete er.

Und nichts bleibe haften, sagte Farb, da kämpfe sich einer durch eine anspruchsvolle Wegstrecke, gegen Feuer und Flamme, greife hier schützend ein, räume dort sperrige Widerstände beiseite, trage Narben davon, daß man aber trotz allem sagen könne, er habe daraus gelernt, man spreche von Lebenserfahrung, ja und wozu all die Mühsal, denn sobald der Tod eintrete, sei alles vergessen, null, gelöscht, was soeben noch pralles Leben gewesen sei, bunt, gut gelaunt, sei verschwunden, auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Vorbei, spottete Wette und lachte, nicht mehr da, sagte er, der Tod habe kaum seine unerfreuliche Fratze gezeigt, schon habe sich das Leben aus dem Staub gemacht, aber weshalb, sei es satt gewesen, hatte es einfach genug, er könne das verstehen, sagte er, lasse es die zehntausend Dinge im Stich, wolle es etwas vergelten, sei es rachsüchtig, nein, man wisse das nicht, sagte er, man wisse überhaupt nichts, er lachte befreit.

Vorbei, sagte Farb, alles abgeräumt, er könne sich das gar nicht vorstellen, er werde morgens nicht mehr wach, eine Sonne existiere nicht mehr, wie solle das enden, kein Mond, weder Tag noch Nacht, kein Gedanke tauche auf, nein, nichts, alles abgeräumt, alles leer, alles für die Katz, und nicht einmal davon, daß eine Leere existiere, könne die Rede sein, man wisse das nicht.

Farb aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Darüber denke man besser gar nicht nach, sagte Wette, man werde noch irre, und wozu all das Gewese, sagte er.

Ob man sich nicht, wandte Tilman ein, zwangsläufig im Leben einrichten müsse, solange man daran teilnehme, nein, er habe keine Eintrittskarte gelöst.
Ob das so einfach sei, fragte Wette, er sei skeptisch.

Eine Situation, an der man verzweifeln möchte, sagte Farb, was habe man nicht alles investiert, man habe Vokabeln gebüffelt, Fremdsprachen gelernt, eine oder zwei, sich mit höherer Mathematik beschäftigt, habe sich Prüfungen ausgesetzt, habe einen Beruf ergriffen, Freundschaften geschlossen, habe Krisen durchgestanden, teils erfolgreich, habe gelernt, sich zurechtzufinden, sei geschätzt worden, habe seinen Ruf gepflegt, sei ein kompliziertes Wesen, fragil, und schließlich, ob man dessen Präsenz gefühlt habe oder nicht, wische der Tod mit einem Handstreich all das vom Tisch, tabula rasa, die Welt ausradiert, nichts bleibe zurück, null, sei das nicht bedauerlich, also doch eine Fehlkonstruktion.

Wette schien das erneut nicht besonders ernst zu nehmen. Die Welt verschwinde plötzlich, sagte er, sie sei einfach nicht mehr da, Schluß, aus, hinweggerafft, ein Universum ausgelöscht, basta, gleichsam in Schlaf versetzt, in ein Koma, auch die Paralleluniversen, ausnahmslos, stattdessen vielleicht ein schwarzes Loch, unersättlich, aber wo denn nun der Tod sei, der Sensenmann, fragte sich Wette, was wisse man denn, er tauche unversehens auf, omnipräsent, doch habe ihn niemand je gesehen, aber nein, man werde ihn nicht los, er sitze uns ein Leben lang im Nacken.
Aber eine Fehlkonstruktion, frage er sich, sagte Wette, nein, er wisse das nicht, immerhin scheine die Statik doch verläßlich zu sein, stabil, man zähle die Jahre, Aufgaben seien verteilt, die lebendigen Abläufe träten in wohltuenden Rhythmen auf, daß sogar ein Anschein von Ordnung entstehe, nur wohin sich die zehntausend Dinge so mir nichts, dir nichts zurückzögen, das hätte man denn doch gern gewußt, aber verrät einem niemand.

| WOLF SENFF

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