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Vernunft

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vernunft

Zustände, sagte Crockeye, unbeschreiblich.

Die Moderne, fragte London.

Die sogenannte Moderne breche an, sagte Crockeye: der Windjammer werde vom Dampfschiff abgelöst, das Dampfroß verbinde die Ost- mit der Westküste, auch der Walfang werde schrittweise industrialisiert, der Goldrausch locke den Mammon nach Frisco, das Maschinenwesen trete unverhüllt auf.

Umwerfende Zeitläufte, spottete Thimbleman.

Der Mensch nenne sich Homo sapiens. LaBelle lachte.

Währenddessen liegen wir mit der Boston in der Ojo de Liebre fest, sagte London, und warten, daß die Verletzungen ausheilen, die wir uns auf unserer ersten Fangfahrt zugezogen haben.

Wir versäumen nichts, sagte der Ausguck.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ausguck erhob sich, tat einige Schritte und löste sich in die Dunkelheit auf.
Die Moderne, wiederholte Crockeye: das sei jene Epoche, in deren Verlauf der Mensch sich rückentwickeln, sein Maß an Humanität Schritt für Schritt reduzieren werde.

Was sei mit ihm, fragte Pirelli und blickte auf Crockeye.

Vielleicht daß ihn der Fuß schmerze, sagte Thimbleman.

Crockeye habe recht, sagte Mahorner, die Moderne sei eine Epoche, in der vernichtende Kriege geführt würden mit Waffen, die die Menschheit ausrotten könnten – was lasse sich darüber Gutes sagen, fragte er und antwortete selbst: kein Wort.

Crockeye nahm einen Schluck aus der Flasche.

Eldin faßte sich an die schmerzende Schulter. Es würde einige Tage dauern, bis er sich erholt hätte, doch in dieser Lagune ließ es sich aushalten.

Die Moderne sei eine Epoche, sagte Mahorner, in der der Blick auf die Wirklichkeit durch eine blendend bunte, schrille Fassade versperrt werde, unter deren Getöse kaum jemand einen klaren Gedanken fasse und deren Betriebsamkeit sich jeder zielgerichteten Tätigkeit verweigere, hinter ihren Parolen von Wachstum und Fortschritt verberge sich Stillstand.

Starker Tobak, sagte London.

Es werde Widerstand geben, sagte Rostock.

Thimbleman lachte. Sicher gebe es Widerstand, nur daß er schwach sei, er werde sich auf Vernunft stützen und auf die Kraft seiner Argumente, und damit habe er in jener bröckelnden Epoche schon verloren.

Das war’s gewesen, sagte Crockeye.

LaBelle blickte in die lodernden Flammen.

Touste schlug Akkorde auf seiner Gitarre an.

Sanctus, der die Stille genoß, empfand das als störend.

Eldin legte erneut einen Scheit Holz ins Feuer.

Rostock hatte noch Hunger.

Ob ihnen denn gar nicht aufgefallen sei, daß ihre Welt an der Moderne zugrunde ging, fragte Harmat.

Bildoon lachte. Sie lebten nicht hinter dem Mond, sagte er, weiß Gott nicht, sie hatten ihre digitale Kommunikation, hatten Satelliten am Himmel, der Verständigung waren keine Grenzen gesetzt, Hagel und Granaten, sie waren technisch hochgerüstet, der Alltag erstickte unter den zahllosen Informationen, die Nachrichten von vernichtenden Feuern und Überflutungen, von schweren Orkanen gingen binnen Sekundenbruchteilen um die Welt, die Bilder der Verwüstungen waren vor aller Augen, jeder wußte Bescheid, und ebenso war bekannt, daß die rücksichtslose Bewirtschaftung des Planeten ursächlich für den klimatischen Wandel verantwortlich war.

Sie hätten rechtzeitig eingreifen können, sagte LaBelle, die Gesundheit aller Lebewesen litt unter diesen Umständen.

Ihnen fiel nichts besseres ein, sagte Rostock, als blutrünstige Kriege auszurufen – was für ein Jammer, nein, sagte er, es ist gut, daß wir diese Zeiten nicht erleben müssen.

Man sollte annehmen, sagte Bildoon, sie hätten überlegt, ihre Lebensweise zu verändern, sich den Gegebenheiten der Natur anzupassen, sich einzufügen, aber nichts da, keineswegs, sie hielten sich für die Krone der Schöpfung.

Mit dem Kopf durch die Wand, spottete der Rotschopf, das hat noch niemandem gutgetan.

Unverbesserlich, sagte Bildoon.

| WOLF SENFF

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