/

Zugluft

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zugluft

September war Saison, im September standen die Liegen so dicht, daß es nicht möglich war, sie komplikationslos weiterzurücken. Weil es an Sonnendächern fehlte, ließen sich viele Männer von vornherein in der Sonne nieder. Die Rundkursstrecke war für Liegen tabu.

Die Männer waren im übrigen, dem Augenschein zum Trotz, keineswegs zufällig über das Lager verteilt. Der Neuling, der spontan und wahllos die erste beste Liege besetzt hätte oder sich eine Liege vom Stapel geholt und sie gedankenlos aufgestellt, etwa irrtümlich bei den Dänen oder den Russen, würde am nächsten Tag den Platz wechseln. Auch die Österreicher hatten ihr Territorium, ebenso die Süddeutschen, das Lager hatte seine Ordnung. Norddeutsche waren eher die Ausnahme, als Norddeutscher war Lassberg ein Grenzgänger, der sich keiner Nationalität zugesellte.

Gegen Zug war er über die Maßen empfindlich. Wenn es bei ihm zu Hause zog, schloß er für gewöhnlich die Terrassentür, und der Zug fand dennoch zwischen den Terrassenelementen ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa liegend, fürchtete ihn Lassberg als eine krokodilkalte Gefahr.

Wie üblich hatte sich sein Organismus nach einigen Tagen an die Temperaturen gewöhnt, und Lassberg machte sich unmittelbar nach dem Frühstück auf den Weg zum Lager, ohne daß er getrödelt hätte, er blieb vier bis sechs Stunden, man durfte sich nicht gehen lassen, auf keinen Fall, ohne eiserne Disziplin bliebe der Aufenthalt am Toten Meer folgenlos.

So früh am Tag konnte er davon ausgehen, daß seine Liege vom Vortag nicht fremd belegt war.

Er hatte sich einen Platz exakt zwischen den Strömen zweier Ventilatoren gesichert. Die richtige Position zu finden, hatte Geduld verlangt, eine Engelsgeduld, immer wieder hatte er seine Liege in diese oder jene Richtung verrücken müssen.

Sobald es aber über Mittag hinausging – die Hitze nahm noch zu, die Schatten der Sonnnendächer wurden kürzer – rückten die Männer ihre Liegen, wo es möglich war, dem Schatten hinterher, und Lassbergs pedantisch ausgewogene Balance zwischen den Ventilatoren war hinfällig.

Einige Meter weiter lag Vladimir, er war kein Österreicher, wie Lassberg tagelang angenommen hatte, sondern stammte aus Mostar und arbeitete in Augsburg. Seine Liege hatte er unmittelbar vor einem Ventilator aufgestellt, da lag er abgeschieden, das genügte ihm, er hatte keinerlei Bedarf, zu reden.

Sobald er aus dem Meer kam, stellte er den Ventilator, den Lassberg ausgeschaltet hatte, wieder auf die höchste Stufe und lag zwanzig Minuten lang reglos in dem dröhnenden Luftzug, wie hielt einer das aus. Lassberg unterdrückte seinen Ärger, er wollte Streit vermeiden. An einer Situation wie dieser, verstehen Sie das bitte richtig, kann ein Mensch verzweifeln, die Männer im Lager sind empfindlich, und Lassberg brauchte Zeit, bis er sich beruhigt hatte.

Ab und zu stand er auf und zog ein paar Runden durchs Lager. In dieser spätsommerlichen Hitze – die Quecksilbersäule stieg auf über fünfundvierzig Grad – war Bewegung unerläßlich.

Er war auf der Hut, er nutzte, sobald Vladimir wieder zum Meer aufbrach, die Gelegenheit und schaltete den Ventilator erneut ab. Vladimir konnte nicht entgangen sein, daß Lassberg das laufende Gerät lästig war, ja der bloße Gedanke, sich einem Zug auszusetzen, war Lassberg zuwider, er schlief um der frischen Luft willen auch im Winter bei geöffnetem Fenster, weshalb Anna mehrfach damit gedroht hatte auszuziehen, und setzte stets eine Mütze auf, ohne Mütze wachte er morgens auf und hätte Kopfschmerzen.

Seine Abneigung gegen die Ventilatoren hatte weitergehende Ursachen als die  rein körperlichen: Ihr aufdringlicher Luftzug war irritierend und provozierte Konflikte, erregte Wortwechsel, Scheingefechte, die Männer im Lager waren dünnhäutig, man unterschätzte das leicht, die Belastung war immens.

Außerdem täuschte der Luftzug darüber hinweg, aus welcher Richtung der Wind wehte und hob gewissermaßen die Wirklichkeit auf, verstehen Sie, man darf sich nicht in artifizielle Zusammenhänge verstricken lassen, keinesfalls, und Lassberg nutzte jede Gelegenheit, sich den Reichweiten der Ventilatoren zu entziehen.

Sie waren Schnickschnack, waren infantil, sie waren laut und lästig, letzten Endes ein Spielzeug, eine tückische Technologie, die sich für menschenfreundlich ausgab, jedoch die Aufmerksamkeit ablenkte und auf Irrwege führte.

Die Lüfte wurden von weit mächtigeren Kräften bewegt, da gab es keinen Anlaß, sich einzumischen, im Gegenteil, vor den Stürmen suchte der Mensch sich zu schützen, er flüchtete, wurde evakuiert – Lassberg hatte selbst einen Sandsturm am Salzmeer erlebt, einen milden Reflex der Verhältnisse oben im Land, doch weder der Aufenthalt im Lager noch das Baden im Salzmeer waren möglich gewesen, nichts ging mehr, der Alltag war stillgelegt.

| WOLF SENFF

Weiterlesen: Lassberg Im Lager

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aus der Bahn getragen

Nächster Artikel

Heimat, Zuhause und all das dazwischen

Neu in »Kurzprosa«

Endlich

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Endlich
Ein Planet könne nicht wachsen, sagte Farb, Wachstum, was für ein absurder Gedanke, die Fläche sei begrenzt.

Wo liege das Problem, sagte Belten.

Der Mensch sei das Problem, sagte Farb.

Der Schachspieler nickte.

Sergej und Maurice spielten Backgammon, sie tauschten Scheine, offenbar waren hohe Summen im Spiel, früher Nachmittag, die Hitze hatte leicht nachgelassen.

Mißverstanden

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Mißverstanden

Nein, sagte Ramses IX., Tourismus habe es zu seiner Zeit nicht gegeben, oder sei etwa das Leben geschaffen, damit der Mensch sich vergnügen könne.

Er verstummte und blickte hinaus auf das Wasser.

Was das sei, Tourismus, fragte Harmat.

Einen Geist sehen wollen

Kurzprosa | Marie Pohl: Geisterreise Marie Pohls Roman Geisterreise – eine Weltreise ins Ungewisse. Von PETER MOHR PDF erstellen

Übrig

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Übrig

Was ihnen denn zu tun bleibe.

Gut gefragt, Ausguck.

Sie leben in einer Zeit, deren Gefüge krachend einstürzt, ein gigantisches Feuerwerk.

Danach wird es keine Zeit geben?

Danach wird es keine Zeit geben, weder wird der Planet die eigenen Umdrehungen zählen noch wird er seine Entfernung zum Zentralgestirn messen, Lichtjahre oder nicht Lichtjahre, welche Rolle sollte das für ihn spielen, er ist auf ewig verwoben in die zeitlosen Kreisläufe, doch der Mensch, Thimbleman, was bleibt dem armseligen Menschen zu tun.

Übergänge

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Krähe

Wir dürfen die Übergänge nicht geringschätzen, Krähe, keineswegs. Ich weiß nicht, wie es dir geht mit Übergängen, zum Beispiel wenn du aufwachst, reibst du dir die Augen und streckst die Beine, bevor du aufstehst? Es ist wichtig, den Übergang in den Tag nicht zu verpassen, du mußt den treffenden Zeitpunkt erwischen, sonst wird das wird nicht dein Tag werden.