Abenteuer, Aufbruch und ein nicht ganz zuverlässiger Chronist

Jugendbuch | Kaja Grimme: Fräulein Renée und das kartografische Komplott

Fräulein Renée ist siebzehn, Erbin eines beträchtlichen Vermögens und getrieben von einem fast rücksichtslosen Tatendrang. Dass sie unsterblich in ein Mädchen verliebt ist, passt ebenso wenig in das starre Korsett ihrer Zeit wie ihr Wunsch nach einem persönlichen Chronisten, der ihr Leben für die Nachwelt konserviert. Eine Ausgangslage mit Zündstoff, findet ANDREA WANNER.

Ein Mann und eine Frau stehen Rücken an Rücken. der Man hält ein Buch in der Hand. Die Frau hat einen künstlichen Arm aus MetallAuf die Anzeige meldet sich jedoch nur ein einziger Bewerber: Caspar Schütze, kaum älter als seine Dienstherrin und frisch von der Schule. In der Hoffnung, seinem Traum vom Dichterdasein endlich Substanz zu verleihen, lässt er sich auf das Wagnis ein. Doch statt der erwarteten »alten Jungfer« begegnet ihm eine ungestüme junge Frau, die sich durch nichts bremsen lässt – erst recht nicht, als die beiden über eine Leiche stolpern und in einen handfesten Kriminalfall hineingezogen werden.

Kaja Grimme skizziert das Stuttgart des Jahres 1908 als eine Stadt im Umbruch, in der die Wilhelma noch kein zoologischer Garten ist und das Opernhaus erst in den Bauplänen existiert. Renée agiert hier als radikaler Gegenentwurf zum weiblichen Ideal der Kaiserzeit: Mit ihrer mechanischen Armprothese und ihrem Hunger nach Autonomie hebelt sie jede gesellschaftliche Erwartung aus – abgesehen von denen ihres alten Kindermädchens. Die Dynamik zwischen der draufgängerischen Renée und dem zaudernden Caspar bildet das erzählerische Zentrum. Während sie sich durch ein Dickicht aus kolonialen Bestrebungen und kartografischen Intrigen graben, stoßen sie auf Abgründe, die weit über das akademische Interesse der Geographischen Gesellschaft hinausgehen. Grimme nutzt diese historische Kulisse nicht als bloßes Panorama, sondern als Reibungsfläche für den Kampf um weibliche Selbstbestimmung und die ethischen Grauzonen der Forschung.

Sprachlich gelingt der Autorin ein geschickter Spagat: Eine klare, moderne Erzählweise treibt den Plot voran, während zeittypische Nuancen das Flair der Jahrhundertwende authentisch einfangen. Besonders die Dialoge spiegeln das Gefälle zwischen der forschen Erbin und ihrem bedächtigen Chronisten wider. Diese Kontraste verleihen dem Roman eine feine Ironie und eine fast filmische Lebendigkeit. Dass Caspar selbst ein Geheimnis hütet und sich als weit weniger zuverlässiger Chronist erweist, als Renée ahnt, gibt der Geschichte am Ende eine zusätzliche, raffinierte Ebene.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Kaja Grimme: Fräulein Renée und das kartografische Komplott
Grevenbroich: Südpol 2026
420 Seiten, 20 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

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