Sternegucken

Kinderbuch | Marlene Droop: Nächste Woche, gleiche Zeit?

Eine Fahrt durch die nächtliche Stadt. Vier Freunde sind unterwegs, raus aus dem Lichtermeer der Metropole, dorthin, wo man die Sterne wirklich sehen kann. Ein guter Plan, meint auch ANDREA WANNER – zumindest in der Theorie.

Mehrere Tiere fahren nachts in einem Kleinbus, dessen Scheinwerfer leuchten.Sie sind im Bulli von Schildkröte unterwegs. Warum die Giraffe normalerweise Cabrio fährt, sieht man schon auf dem Cover: Kurzerhand streckt sie ihren langen Hals einfach aus dem Fenster. Nachdem Krokodil und Schaf zugestiegen sind, gibt es kein Halten mehr. Sie lassen die hell erleuchtete Stadt hinter sich und tauchen ein in die Dunkelheit. Dabei thematisiert Marlene Droop fast nebenbei das Problem der Lichtverschmutzung: Erst als das gleißende Gelb der Straßenlaternen und Leuchtreklamen verblasst, öffnet sich der Raum für die eigentliche Magie der Nacht.

Doch die Fahrt verläuft nicht ganz reibungslos. Für die Giraffe wird es ungemütlich, als es zu regnen beginnt; die Müdigkeit wächst und die Laune sinkt. Und doch liegt ein ganz eigener Zauber in dieser Nacht. Auch wenn der Plan am Ende nicht perfekt aufgeht, bleibt die Gewissheit: Es gibt ja immer noch eine nächste Woche.

Marlene Droop hat dieses Abenteuer ganz zauberhaft umgesetzt. Ihre Bilder wirken naiv, fast wie Kinderzeichnungen, und sind doch sorgfältig komponiert. Das Verkehrschaos der Stadt aus der Vogelperspektive ist ebenso amüsant wie der Blick durch die Frontscheibe des Bullis. Die Perspektivwechsel verblüffen immer wieder aufs Neue: Hell trifft auf Dunkel, flächige Szenen auf eine reduzierte Farbpalette. Neben Grau- und Blautönen setzen lediglich gedämpftes Grün und kleine rote Akzente punktuelle Highlights. Durch die ständig wechselnden Größenverhältnisse wirken die Illustrationen intensiv und überraschend.

Der ruhige, humorvolle Erzählton und das liebevolle Miteinander der Charaktere sorgen dafür, dass die kleine Panne nicht zur Katastrophe wird. „Nächste Woche, gleiche Zeit?“ ist eine Liebeserklärung an das Unperfekte. Das Buch zeigt uns, dass nicht das Erreichen des Ziels das Wichtigste ist, sondern die Freunde, die neben einem im Bulli sitzen. Ein wunderbar entschleunigtes Vorleseerlebnis, das zeigt: Manchmal ist das gemeinsame Scheitern schöner als jeder einsame Erfolg.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Marlene Droop: Nächste Woche, gleiche Zeit?
Zürich: NordSüd 2026
40 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Abenteuer, Aufbruch und ein nicht ganz zuverlässiger Chronist

Nächster Artikel

Déjavu des Grauens

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Das wahre Geschenk

Kinderbuch | Clothilde Delacroix: Lotte und der Koffer Geschenke sind nicht nur etwas Schönes, sie sind auch heikel. Manchmal kann man mit dem Geschenk nämlich nichts anfangen. Aber nicht immer muss es mit einer großen Enttäuschung enden. Clotilde Delacroix erzählt und zeichnet eine drollige und intelligente Geschichte von dem, was ein wahres Geschenk ausmacht.Von MAGALI HEISSLER

Zeitreise

Kinderbuch | Alice Melvin: Omas Haus Ein kleines Mädchen besucht ihre Großmutter. Der Rundgang durchs Haus wird zu einer Begegnung mit einer anderen Zeit. Von ANDREA WANNER

Freiheit und Kreativität

Kinderbuch | Oksana Sadovenko: Malewitsch und du

Kindern Kunst nahezubringen ist eine nicht immer leichte Aufgabe. Wie das bei Malewitsch schon für junge Menschen ab 5 Jahren gelingen kann, zeigt Oksana Sadovenko in ihrem Mitmachbuch. Von ANDREA WANNER

Pfiffig

Kinderbuch | Mac Barnett, Jon Klassen: Der Wolf, die Ente & die Maus Ein Starker, zwei Schwache, ein dunkler Wald. Eine einfache Geschichte? Nicht, wenn man so pfiffig denkt, wie Mac Barnett. Seine Geschichte lässt Leserinnen und Leser die Welt mit anderen Augen sehen. Von MAGALI HEIẞLER

Für immer allein?

Kinderbuch | Yuval Zommer: Der Weihnachtsbaum, den niemand wollte

Da kommen einem ja schon beim Titel die Tränen: »Der Weihnachtsbaum, den niemand wollte«, nein, das kann doch nicht sein. Wie kann man so herzlos sein? Vielleicht hat er doch, wie der Tannenbaum in Hans Christian Andersens Märchen schon sein Leben lang leidenschaftlich davon geträumt, einmal Weihnachtsbaum zu sein. Ja, ein wenig erinnert es tatsächlich an das alte, klassische Märchen, das aber endet bekanntlich traurig. Ob es hier auch so ist, fragt sich BARBARA WEGMANN.