Nächstes Jahr geht er als Clownfisch

Kinderbuch | D.Bell / A.Colpoys: Alfie und der Clownfisch

Kinder entwickeln sich unterschiedlich, manche haben mehr Angst, andere sind Draufgänger. Dass es nichts nützt, die Langsamen zu drängeln, erzählt ein neues Bilderbuch in einer eindringlichen Geschichte. Von GEORG PATZER

Alfie und der ClownfischOhje, ein Kostümfest. Eigentlich hat sich Alfie darauf gefreut, aber jetzt, einen Tag davor, bekommt er dieses komische Gefühl, das er kennt: Angst. Wie vor dem Wettlauf, als er sich fürchtete, Letzter zu werden und bei Antonias Dino-Party, als er sich vor dem Topfschlagen ängstigte. Beide Male hat er sich nicht getraut, hinzugehen. Sogar das Geschenk für Antonia hat er versteckt. Und jetzt probt er zwar sein Kostüm im Wohnzimmer, spielt Käpten Seestern und fühlt sich so richtig wohl in seinem phantasievollen Kostüm: »Ich bin mutig«, sagt er sich, »Ich bin mutig genug, Käpten Seestern zu sein.« Aber es stimmt nicht, und in der Nacht kann er nicht schlafen, da können die Eltern so viel loben und aufmuntern, wie sie wollen.

Und er träumt, aber er hat keine schönen Träume: von einem wütenden Riesenkraken, »einer zischenden Seeschlange, einem stacheligen Kugelfisch und einer Luftblase, aus der man nicht mehr herauskam. Er träumte, dass er das ganze Meer tragen musste, er ganz allein.« Alpträume, in denen er das Gewicht der Welt auf sich spürt. Und er weiß: »Ich bin nicht mutig genug, um Käpten Seestern zu sein«.

Die Welt mit ihren Anforderungen macht dem Kleinen Angst: gut soll er sein, mutig, stark und schnell. Und er weiß nicht, ob er es ist, weil er es nicht einmal ausprobiert. Weil er alles als Bedrohung versteht, als Druck auf sich spürt. Das Leben ist für Alfie kein Spiel, wo er einfach so aus Spaß die Sachen macht, die er will oder soll, laufen, sich verkleiden, topfschlagen. Und da er das weiß, hat er noch einmal mehr Angst, Angst vor der Angst, Angst davor, das zuzugeben, weil er dann als Totalversager dasteht.

Aber seine Mutter schimpft nicht, zwingt ihn nicht, redet ihm nicht gut zu, sondern nimmt ihn mit ins Aquarium. Auf dem Laufband im Unterwassertunnel entdeckt Alfie einen Seestern: »Er war blau und weiß und sah perfekt aus, genau wie das Faschingskostüm.« Wieder spürt Alfie das Gewicht des Meers auf seinen Schultern: So hätte auch er aussehen können, perfekt. Aber er hat sich ja nicht getraut.

Und da kommt ein kleiner Fisch herangeschwommen, von unten am Meeresboden zwischen den Korallen, mit »Flossen wie winzige Schmetterlinge«. Schwimmt an die Scheibe und winkt. Und verschwindet wieder. Und kommt nicht mehr zurück, versteckt sich wieder zwischen den Korallen. Auf dem Heimweg fragt Alfie, was das für ein Fisch ist: »Ein Clownfisch«, sagt seine Mutter, »Clownfische verstecken sich gern, so sind sie eben.« Und zu Hause sagt er seinem Vater: »Ich war heute doch nicht Käpten Seestern. Macht aber nichts.« Und sein Vater stimmt ihm zu.

Kinder so akzeptieren, wie sie sind

Es ist ein sehr ruhiges Buch über einen kleinen Jungen, der sich nicht traut. Der einfach so gelassen wird, wie er ist. Zwar versuchen die Eltern ihn zu bestärken, als er noch den Mutigen spielt, aber sie sind auch bei ihm, als er gesteht, dass er noch nicht so weit ist, dass er Angst hat. Keine Appelle, kein »Du schaffst das, du musst es nur wollen« oder »Reiß dich zusammen.« Sie akzeptieren ihn, wie er ist. Aber sie verstärken auch seine Angst nicht, indem sie ihn behüten und betüdeln, sondern unternehmen mit ihm Dinge, die er mag. Und da kommt seine Angst noch einmal hoch und löst sich dann von selbst, aus seinem Inneren heraus. Es ist ein stilles Buch über ein Kind, das anders ist, aber auch so sein darf. Das vielleicht ein wenig mehr Zeit braucht als die anderen. Und sie von seinen Eltern auch bekommt. Und am Schluss sagt Alfie: »Nächstes Jahr gehe ich als Clownfisch«.

Zur sanften Ruhe tragen auch die Illustrationen von Allison Colpoys bei, die in ruhigen, flächigen Holzschnitten mit wenigen Farben, vor allem Blau und Orange, die Szenen mehr andeuten als ausführen, dabei aber nicht mit Phantasie sparen: Die Insassen des Busses zu Tieren macht, am Steuer sitzt ein Pinguin, und das Unterwasserbecken mit unzähligen Fischen füllt, die im Wasser hin und her gleiten.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Davina Bell / Allison Colpoys: Alfie und der Clownfisch
(The Underwater Fancy-Dress Parade, 2015), übersetzt von Salah Naoura
Berlin: Insel Verlag 2020
32 Seiten, 14,90 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
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