Déjavu des Grauens

Roman | Josh Winning: Verbrenn das Negativ

Als siebenjähriger Kinderstar hat Polly Tremaine die Hauptrolle in einem 1990er-Jahre-Horrorfilm gespielt. Das kleine Mädchen in dem gelben Kleid besaß darin die unheimliche Fähigkeit, den Menschen die Art ihres Todes voraussagen zu können. Als rund um den Film tatsächlich acht Menschen auf mysteriöse Weise ums Leben kamen und der Film sich schnell den Ruf erwarb, den Tod anzuziehen wie ein Magnet Eisenspäne, beendete Pollys Familie ihre Filmkarriere. Man zog von Kalifornien nach England um, wo Polly später unter dem Namen Laura Warren eine bekannte Filmjournalistin wurde. Doch als aus dem Skandalfilm The Guesthouse 30 Jahre später eine Serie gemacht werden soll, schickt ihr Boss ausgerechnet Laura nach Los Angeles, um über das Projekt zu berichten. Und das Grauen kehrt zurück. Von DIETMAR JACOBSEN

Bereits auf dem Flug von London nach L. A. bereut die 37-jährige Filmjournalistin Laura Warren es, sich darauf eingelassen zu haben, über die im Entstehen begriffene Miniserie It Feeds einen Artikel zu schreiben und dafür am Set in den Hollywood-Studios zu recherchieren. Denn It Feeds ist das Remake des 90er-Jahre-Horrorklassikers The Guesthouse. Und dieser Film samt dem unheimlichen Ruf, den er sich schon während der Produktion erwarb, ist der Grund, warum Laura die wurde, die sie inzwischen ist.

Rückkehr einer Traumatisierten

Unter ihrem Geburtsnamen Polly Tremaine spielte sie damals nämlich ein siebenjähriges Mädchen mit der Gabe, Menschen vorhersagen zu können, auf welche Weise sie eine blutrünstige Figur, der »Needle Man«, töten würde. Und als während der Dreharbeiten und danach tatsächlich acht Crewmitglieder auf mysteriöse Weise den Tod fanden, war das der Beginn eines Traumas, dem Polly und ihre Familie letzten Endes nur durch die Flucht über den Atlantik in die Heimat des Vaters entkommen konnten. Nun aber scheint sie die Vergangenheit mit ihrem neuesten Auftrag einzuholen. Und Laura weiß spätestens in dem Moment, als sie im Taxi nach ihrer Landung in Los Angeles sieht, wie sich ein Mann von einer Brücke herab in den Tod stürzt, dass sie auch unter ihrem neuen Namen vom Needle Man nicht loskommt. Allein diesmal ist sie vorbereitet.

Josh Winning teilt mit der zentralen Figur seines für den »Bram Stoker Award« nominierten zweiten Romans Verbrenn das Negativ Beruf und Berufung. Der im englischen Suffolk geborene Filmjournalist und Podcaster veröffentlicht seit 2022 auch Romane. Und der Mix aus Horror-, Fantasy-, Abenteuer- und Thrill-Elementen, der seine bisherigen vier Werke charakterisiert, hat ihm bereits eine beachtliche Fangemeinde beschert. Der serviert er mit dem Plot von Verbrenn das Negativ nicht nur eine filmreife, actiongeladene Gruselgeschichte, sondern versteht es auch durchaus, reale Probleme wie etwa das für zahlreiche Streaming-Dienste wie Netflix oder Paramount + geltende Muster des Aufwärmens einer alten Filmidee, bis von deren ursprünglicher Originalität und Brisanz letzten Endes kaum mehr etwas übrig ist, zu thematisieren.

Die Geister der Vergangenheit

Auch für It Feeds haben findige Produzenten und ein drittklassiger Regisseur sich an einem Film bedient, der in den 1990er Jahren nicht nur eine Kinosensation war, sondern durch das Hineinspielen seiner fiktiven Geschichte in die Realität der gesamten Crew – vom einfachen Arbeiter am Set bis zum Regisseur – schockieren und für jede Menge Schlagzeilen sorgen konnte. Gerade Letzteres wiederholt sich nun vor den Augen der Frau, die einst, von ihrer ehrgeizigen Mutter gedrängt, ohnmächtiger Teil von The Guesthouse war. Inzwischen aber hat Laura nicht nur ihren Namen, sondern auch die Seiten gewechselt. Dem Remake des Films im modischen Format einer Miniserie steht sie von Anfang an skeptisch gegenüber. Allerdings sieht sie auch eine Chance in ihrer Reise zu den Dreharbeiten in L. A., mit ihrer Vergangenheit nun ein für allemal abschließen zu können.

Doch wieder müssen Menschen sterben, ehe Laura den »Needle Man« aus ihren Gedanken heraus in die Realität drängen und schlussendlich besiegen kann. Ob es das den Film aus Sicherheitsgründen begleitende Medium Beverly, Lauras Schwester Amy, die selbst nichts unversucht gelassen hat, um Schauspielerin zu werden, ihr Ex Mike, der die Zeitschrift »Zeppelin«, für die sie schreibt, herausgibt und ihr nach Hollywood gefolgt ist, oder der Regisseur des Remakes und seine Hauptdarstellerin sind – sie alle werden in Lauras Kampf mit ihrer Vergangenheit verwickelt. Dass dabei selbst noch Zeit für eine kleine humorvolle Hommage an Winona Ryder bleibt – »Niemand war mit der inneren Dunkelheit so vertraut wie Winona. Und niemand sah mit einem Pixie Cut so gut aus wie sie.« –, hebt diesen Roman nicht zuletzt ein wenig vom Gros des Horrorgenres ab.

Einen Schlussstrich ziehen

Mit Verbrenn das Negativ ist Josh Winning ein actiongeladener Roman gelungen, der es nicht dabei belässt, mit zahlreichen Horror-Versatzstücken, die nicht zuletzt an einige Klassiker des Genres erinnern, zu schockieren. Denn hinter all den Grausamkeiten und Metzeleien, mit denen er seine eingeschworene Klientel erfreut, geht es diesem Autor auch um Dinge wie Erinnern und Verdrängen. Wie umgehen mit einem Trauma, dass seit Kindheitstagen ihr Inneres vergiftet und weder vergessen noch verarbeitet werden kann, heißt die Frage, die die Heldin von Verbrenn das Negativ beschäftigt. Erst als sich ihr die Chance bietet, sich und ihrer Vergangenheit wiederzubegegnen, deutet sich eine Antwort darauf an. Nicht kapitulieren und den Problemen ausweichen, heißt die, sondern sich offensiv den Dingen stellen, die im bisherigen Leben schief gelaufen sind.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Josh Winning: Verbrenn das Negativ
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Berlin: Suhrkamp Verlag 2025
374 Seiten. 18 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Sternegucken

Nächster Artikel

Alte Freunde, ein Wolf, ein Stein und viele Bücher

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ein wenig Leben

Roman | Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben Er hört ihnen allen geduldig zu, doch über sich selbst schweigt er. Judes Freunde kennen seine Vergangenheit nicht. Sie haben aufgehört, Fragen zu stellen, denn er würde ihnen ausweichen. Sie lieben ihn einfach, so wie er ist. Doch er selbst kann es nicht, denn die Wahrheit holt ihn immer wieder ein. Von MONA KAMPE

Wenn Gülle im Regal steht

Roman | Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten

Die Erfolgsautorin Juli Zeh ist in den letzten Jahren zu einer Art literarischer Seismograf unseres politisch-gesellschaftlichen Alltags geworden. In ihrem letzten Roman Über Menschen (2021) hatte sie blitzschnell auf die Corona-Krise reagiert. Die zeitliche Nähe und das Abarbeiten von brisanten Alltagsthemen ist für einen Roman nicht unproblematisch, aber die routinierte Schriftstellerin Juli Zeh, die 2002 für ihren inzwischen in 35 Sprachen übersetzten Debütroman Adler und Engel den Deutschen Bücherpreis erhalten hatte, ist sich dieser Risiken bewusst. Für ihren neuen Roman Zwischen Welten hat sich die seit 2007 im brandenburgischen Dorf Bannewitz lebende 48-jährige Autorin den beinahe gleichaltrigen Simon Urban, der 2011 mit seinem Roman Plan D aufhorchen ließ, als Co-Autor gewählt. Herausgekommen ist ein zeitgenössischer Briefroman, die literarische Dokumentation einer fiktiven digitalen Korrespondenz via Mail und WhatsApp. Gelesen von PETER MOHR

Erinnere dich!

Roman | Zoë Beck: Memoria

Zoë Becks neuer Roman Memoria spielt wie schon ihre beiden letzten Bücher – Die Lieferantin (2017) und Paradise City (2020) – in naher Zukunft. Die Folgen des Klimawandels haben die Welt fest im Griff. Heiße Sommer mit zahlreichen Waldbränden und   Wasserknappheit machen auch das Leben in Deutschland immer komplizierter. Für Harriet Laurent, deren einst verheißungsvolle Karriere als Konzertpianistin durch eine Handoperation ihr jähes Ende fand und die sich aktuell als Klavierstimmerin und Mitarbeiterin einer Sicherheitsfirma durch ihr prekäres Leben schlägt, verändert ein nicht fahrplangemäßer Halt auf der Zugreise von Frankfurt nach Gießen alles. Plötzlich muss sich die junge Frau fragen, ob es noch ihr Leben ist, an das sie sich zurückerinnert. Denn immer mehr Bruchstücke aus einer Vergangenheit, mit der sie nichts gemein zu haben scheint, tauchen zunächst in ihren Träumen, dann aber auch nach und nach in der sie umgebenden Realität auf. Von DIETMAR JACOBSEN

Eine Straße – eng und elegant

Roman | Marco Balzano: Café Royal

»Ich wähle gern Themen, die unter unser aller Augen sind, aber von der Politik, den Medien verzerrt oder gar nicht angefasst werden«, hatte der italienische Schriftsteller Marco Balzano in einem Interview mit der in Wien erscheinenden Tageszeitung »Die Presse« erklärt. In seinem Roman Ich bleibe hier (2018), dessen Handlung im Vinschgau (Südtirol) angesiedelt ist, hatte er sich mit einem dunklen Kapitel italienisch-deutsch-österreichischer Geschichte auseinandergesetzt. Sein letzter Roman Wenn ich wiederkomme kreiste um das Thema illegale Arbeitsmigration. Von PETER MOHR

Leise Aufschreie

Roman | Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung Als der auf dem elterlichen Bauernhof im niederösterreichischen Eberstalzell aufgewachsene Reinhard Kaiser-Mühlecker vor elf Jahren mit dem schmalen Roman Der lange Gang über die Stationen debütierte, wirkte seine Prosa über das bäuerliche Leben in der Provinz wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Längst ist der 36-jährige Schriftsteller kein Geheimtipp mehr. Von PETER MOHR