///

Alte Freunde, ein Wolf, ein Stein und viele Bücher

Live | Jugendbuchmesse Bologna 2026

Auch dieses Jahr findet man auf der Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna viele außergewöhnliche Bücher und viele außergewöhnliche Menschen aus Korea, Italien und Frankreich. Es ist jedes Jahr ein Highlight, für das es sich lohnt, auch von weiter weg hinzufahren. Wie jedes Jahr waren auch GEORG PATZER und SUSANNE MARSCHALL dabei und wie jedes Jahr begeistert.

Elisabetta Frau beim Signieren ihres ersten Buchs
Was hat sie gestrahlt: ihr erstes Buch. „Complimenti!“ Letztes Jahr haben wir Elisabetta Frau auf der Kinderbuchmesse in Bologna kennengelernt. Kurz vor der diesjährigen Messe hat uns Chiara, eine gemeinsame Freundin, erzählt, dass sie ihren ersten Vertrag bekommen hat, für eine Geschichte von Luigi Malerba, „L’ordine del mondo“ (Die Ordnung der Welt, Verlag Uovonero), die sie ausgewählt und illustriert hat. Eine witzige, hintersinnige Geschichte um einen kleinen, rundlichen Mann, mit einer übergroßen quietscheroten Brille, dem die Unordnung missfällt. Also räumt Marione auf: Schreibt alle Zahlen bis hundert Millionen auf und trennt die graden von den ungraden. Stellt im Supermarkt die runden Dosen und Packungen zusammen und die eckigen. Da stehen dann die Kekse neben den Waschmitteln und die Konserven neben den Insektensprays. Will Männer von Frauen trennen… Zum Glück geht alles gut aus, denn da gibt es noch seine Frau, die ihm den Unsinn ziemlich drastisch klarmacht. Und schließlich akzeptiert er, dass ein bisschen Unordnung doch ganz in Ordnung ist. Witzig plakativ und farbenfroh schickt Elisabetta ihr Männchen durch seine Welt, sorgenvoll kräuselt er die Stirn ob der chaotischen Zustände und seiner letztendlichen Unfähigkeit, sie zu ordnen.

Und nun sitzt Elisabetta am Verlagsstand in Bologna und signiert ihr Buch. Wer will, auch auf Deutsch, denn sie hat in München studiert. Und zeichnet, vor lauter Aufregung mit zittrigen Fingern, für uns auch das kleine Männchen ins Buch. Nächstes Jahr wäre dann Chiara dran. Wir drücken ihr die Daumen, oder, wie man in Italien sagt: „In bocca al lupo“. Und auch das gibt es dieses Jahr als Buch: „In bocca al lupo“ von Veronica Pastorino (Im Maul des Wolfs, Verlag Matti da Rilegare). Es räumt mit all den Vorurteilen auf, die es um den Wolf gibt: Dass er kleine Kinder frisst: „Der Wolf frisst keine Kinder“ heißt es, „normalerweise“. Der Wolf heult auch nicht den Mond an: „Er macht es, um mit den anderen Wölfen zu sprechen.“ Und er entführt auch keine Kinder, denn er hat selber genug. Mit grandiosen Zeichnungen macht sich das Buch lustig über Vorurteile, spielt mit den Sprichwörtern wie „fame da lupo“ (auf Deutsch Bärenhunger) und kann mit scherenschnittartigen Zeichnungen, schwarz auf sonnengelb, eine ganze Wolfswelt aufblättern. Der weder böse noch gut ist, sondern einfach ist, wie er ist: „E anche lui fa la cacca.“ (Und auch er macht Kacka)

Korea, Cambridge und Orecchio acerbo

Wo wir immer, auch mehrfach, vorbeigehen und stöbern, ist der große Gemeinschaftsstand der Koreaner. Nicht nur wegen der Bücher, meist finden wir schöne und außergewöhnliche, auch wegen Rachael Kim. Seit Jahren ist sie verantwortlich für den Stand, seit Jahren kennen wir sie und dementsprechend herzlich fällt die Begrüßung aus. Wie auch mit Sunkyung Cho, Verleger des kleinen, experimentellen Verlags Somebooks aus Seoul. Und nachdem ich jahrelang um dieses Buch herumgeschlichen bin, hat Susanne es mir dieses Jahr geschenkt: das Buch mit dem Stein. „This is not a stone“ ist 17 x 17 Zentimeter groß, es besteht aus einzelnen Blättern mit jeweils einem Satz, die alle ein Loch haben. Und in der Mitte liegt ein Stein. Ein richtiger Stein. Es ist ein geheimnisvolles, ein philosophisches, augen- und geistöffnendes Buch, eine hintersinnige Preziose, in dem es um das Leben, alle Wesen und die Wahrheit geht. Lange hat Cho uns erklärt, dass und wie er das Buch inzwischen verändert hat: eine der vorher glatten Kanten ist jetzt wellig, nicht alle Seiten sind aufgeschnitten, und wenn man die verbundenen Blätter vorsichtig ein wenig öffnet, sieht man Schattenspiele auf der gegenüberliegenden Seite. Mühsam ist der Herstellungsprozess per Hand und meditativ. Und dann hat er uns bei dem letzten, langen, intensiven Gespräch auch noch ermutigt, unseren eigenen Verlag zu gründen, auch ohne viel Geld: „Wenn ihr nur 10 Euro habt, macht halt einen 10-Euro-Verlag.“ Wir werden sehen … (Denn es gibt doch so viele schöne Bücher, die in Deutschland nie veröffentlicht werden.)

Coverfoto: Emma Leyfield, das Buch mit dem Bär, das man von hinten lesen muss
Und natürlich, wie immer, waren wir auch dieses Jahr zweimal am Stand der Cambridge School of Arts, auf dem die Absolventen des Studiums ihre Abschlussarbeiten zeigen – noch hat niemand von ihnen einen Verlag. Eine Änderung: es gibt dort den bequemen Sessel nicht mehr. Und wie immer sind sehr viele Bücher dort eher Mainstream und man muss sich die Juwelen herauspicken. Wie die verquer fantasievolle Geschichte von Emma Leyfield, deren Buch damit anfängt, dass man es von hinten lesen muss, weil ihre Protagonistin aus Versehen nicht an den Anfang des Buchs geraten ist, sondern an den Schluss und sich jetzt durch das Buch von hinten nach vorn durcharbeiten muss. Glücklicherweise, denn so trifft sie den Bären, der sie fressen will, auf den falschen Seiten, und da ist er dann schon satt. Ein skurriler Einfall, schön illustriert und stringent durchgehalten bis zum Schluss. Beziehungsweise den Anfang.

Coverfoto: Jennifer Baranowska, Ray and the Rock
Oder Jennifer Baranowskas Buch über ein kleines Mädchen, das über einen Stein stolpert, ihn aus dem Weg räumen will und nach und nach merkt, dass es nicht ein kleines Steinchen war, sondern die Spitze eines riesigen Bergs, dem sie mit Schaufel und Bagger in mühevoller Arbeit quasi auf den Grund gegangen ist. „A beginners guide to problem solving“ steht ironisch als Schlussbemerkung. Oder „The Invitation“ von Kaori Tokunaga, das von einem Dorf erzählt, dessen Bewohner auf den Berg zu einem etwas bedrohlichen Weidengeist eingeladen werden: Alle müssen zeigen, was sie können. Und erst ein kleines Kind rettet die Situation und vielleicht das ganze Dorf. Oder die nette Freundschaftsgeschichte zwischen dem Wolf und der kleinen Gans von Cylas Man. Oder oder oder … Auffällig ist aber auch, dass viele Geschichten sprachlich der künstlerischen Fertigkeit nicht gewachsen sind, zu ausführlich erklären, zu viel pädagogischen Zeigefinger haben, zu bemüht sind und kein Geheimnis übrig lassen.

Aus dem Buch „Poi se arrivata tu“ von Armin Greder
Und der Gemeinschaftsstand von Orecchio acerbo und Else, der immer dicht umlagert ist – da ist oft nur ein Zuwinken mit den alten Bekannten jenseits des Tisches möglich und ein Austausch von sardischen und italienischen Süßigkeiten. Und natürlich mussten wir auch hier wieder ein Buch käufen, „Poi sei arrivata tu – then you came along“ des Illustrators Armi Greder, ein Schweizer, der ab 1971 in Australien, später in Peru und jetzt in Italien lebt und 1996 in Bologna auch schon ausgezeichnet wurde. Sein prämiertes Buch „Die Insel“ kam auch in Deutschland heraus. Das neue Buch des 84-Jährigen, das im Verlag Else (Edizioni Libri Serigrafici E altro) erschienen ist, erzählt in Tusche- und Federzeichnungen ganz sparsam von kleinen Gesten zwischen einem alten Mann und einer alten Frau, und es berührt unmittelbar durch seine Zärtlichkeit, seine philosophischen Gedanken, mit der sich die beiden liebevoll und verletzlich begegnen.

Zaro

Viele Begegnungen gab es wieder, unter anderem im vollgestopften Bus in die Innenstadt, wo wir mit anderen ins Plaudern kamen und dann feststellten, dass wir uns letztes Jahr auch schon im vollgestopften Bus getroffen haben: „Kristina Andres? Dann kennen wir uns!“

Auf dem Boden gefunden: „Fiera nel libro“ statt „Fiera del libro“

Das wundervollste Treffen war nach einigen Jahren Pause mit der amerikanischen Lyrikerin Zaro Weil und ihrem Liebsten Gareth (und ihrem „doggie“ Haiku). Vor vielen Jahren lernten wir sie zufällig im Fischrestaurant Il Marinaio in San Ruffilo am Rand von Bologna kennen und gingen jetzt dort mit ihnen wieder essen. Wo sie uns ihre beiden neuen Bücher schenkte: „I Hear the Trees – Untamed Poems from Mother Earth“ (Verlag Welbeck), es sind wundervolle, poetische Gedichte über die Natur, von der wir ein Teil sind, über das Sehen, Fühlen, Schmecken des Lebens. Ein Lied, das ein sehr alter Baum einem Schössling singt. Oder ein Lied an eine Knospe:

are you ready bud
because in just a very few
parading moon crescents
sun orange drumbeats –
it will be your turn to open and
greet tomorrow
which has been waiting
just for you
a very long time

so shhhhh
sleep well bud
things are about to get
a quintillion times
exciting

Und ein Buch aus Belarus, das wir leider nicht lesen können: drei Gedichte von ihr sind darin, eines gleich am Anfang. Und am Mittwoch fuhr uns Gareth auf die Messe, wo Zaro auch den Cambridge Stand besuchte, wo sie damals ihre Illustratorin Junli Song entdeckte. Und sich dann mit uns und unserer Freundin Chiara Foddis traf und mit ihr über ihre Illustrationen redete und mit ihrem genauen Blick und ihrem großen Herz wundervolle, präzise Kommentare gab und Chiara ermutigte. In bocca al lupo, Chiara! Und: Next year in Bologna, Zaro!

| GEORG PATZER
| SUSANNE MARSCHALL
| Fotos: SUSANNE MARSCHALL

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Déjavu des Grauens

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Ein unerkannter Freund fürs Leben

Jugendbuch | Pascale Osterwalder: Daily Soap

Händewaschen war und ist eine der wichtigsten Hygieneregeln in Coronazeiten. Um die um die Ausbreitung von krankmachenden Keimen zu stoppen, wurden in öffentlichen Toiletten Händewaschplakate aufgehängt, das Prozedere in mehreren Sprachen erklärt, das Robert Koch Institut empfiehlt, die Hände etwa 20 Sekunden lang zu waschen. Das beginnt damit, dass man sie nass macht. Und dann kommt die Seife zum Einsatz, direkt aus dem Seifenspender. ANDREA WANNER freut sich, dass dem jetzt ein ganzes Buch gewidmet ist.

Wenn die eigene Haut zu eng wird

Jugendbuch | Meme McDonald; Boori Monty Pryor: Njunjul Irgendwann einmal ist die Welt, die bisher vertraut und Schutzraum war, klein geworden und zugleich erschreckend groß. Man möchte sich verkriechen und doch hinaus. Auch aus sich selbst will man heraus, die eigene Haut ist zu eng geworden. Meme McDonald und Boori Monty Pryor erzählen in ›Njunjul‹ von einem jungen Murri, einem Indigenen aus dem heutigen Queensland/Australien, der aus dem Kokon schlüpfen muss. Von MAGALI HEISSLER

Abenteuerliches

Jugendbuch | Jennifer Benkau: Marmorkuss Bearbeitungen von Märchen für Kinder und Jugendliche erfreuen sich beträchtlicher Beliebtheit. Was dabei herauskommt, ist viel zu oft Klamauk, Schmonzette, Banalität und Beliebigkeit. Das Ende des traditionellen Märchens also, mit seinen Ecken und Kanten, dem Nicht-Verstehbaren und seinen Untiefen. Hier kommt eine weitere Variante. Jennifer Benkau hat Motive aus Dornröschen aufgenommen und in ihrem jüngsten Roman ›Marmorkuss‹ Abenteuerliches vorgelegt. Von MAGALI HEISSLER

(Kunst)therapie

Jugendbuch | Rebecca Westcott: Fünf Dinge, die dir niemand verrät (außer Martha) Wenn Eltern sich trennen, ändert sich das Leben der Kinder grundlegend. Egal, wie bemüht alle sind, es tut weh, dass nichts mehr ist, wie es war. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten damit umzugehen, Fehler und Umwege gehören dazu. Von ANDREA WANNER

Haifischbecken High School

Jugendbuch | Jennifer Niven: Stell dir vor, dass ich dich liebe Der Blick in den Spiegel dient der Vergewisserung des eigenen Selbst. Was aber, wenn man Probleme mit dem hat, was man da sieht? Zwei Teenager wissen davon ein Lied zu singen. Von ANDREA WANNER