Auch dieses Jahr findet man auf der Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna viele außergewöhnliche Bücher und viele außergewöhnliche Menschen aus Korea, Italien und Frankreich. Es ist jedes Jahr ein Highlight, für das es sich lohnt, auch von weiter weg hinzufahren. Wie jedes Jahr waren auch GEORG PATZER und SUSANNE MARSCHALL dabei und wie jedes Jahr begeistert.

Und nun sitzt Elisabetta am Verlagsstand in Bologna und signiert ihr Buch. Wer will, auch auf Deutsch, denn sie hat in München studiert. Und zeichnet, vor lauter Aufregung mit zittrigen Fingern, für uns auch das kleine Männchen ins Buch. Nächstes Jahr wäre dann Chiara dran. Wir drücken ihr die Daumen, oder, wie man in Italien sagt: „In bocca al lupo“. Und auch das gibt es dieses Jahr als Buch: „In bocca al lupo“ von Veronica Pastorino (Im Maul des Wolfs, Verlag Matti da Rilegare). Es räumt mit all den Vorurteilen auf, die es um den Wolf gibt: Dass er kleine Kinder frisst: „Der Wolf frisst keine Kinder“ heißt es, „normalerweise“. Der Wolf heult auch nicht den Mond an: „Er macht es, um mit den anderen Wölfen zu sprechen.“ Und er entführt auch keine Kinder, denn er hat selber genug. Mit grandiosen Zeichnungen macht sich das Buch lustig über Vorurteile, spielt mit den Sprichwörtern wie „fame da lupo“ (auf Deutsch Bärenhunger) und kann mit scherenschnittartigen Zeichnungen, schwarz auf sonnengelb, eine ganze Wolfswelt aufblättern. Der weder böse noch gut ist, sondern einfach ist, wie er ist: „E anche lui fa la cacca.“ (Und auch er macht Kacka)
Korea, Cambridge und Orecchio acerbo
Wo wir immer, auch mehrfach, vorbeigehen und stöbern, ist der große Gemeinschaftsstand der Koreaner. Nicht nur wegen der Bücher, meist finden wir schöne und außergewöhnliche, auch wegen Rachael Kim. Seit Jahren ist sie verantwortlich für den Stand, seit Jahren kennen wir sie und dementsprechend herzlich fällt die Begrüßung aus. Wie auch mit Sunkyung Cho, Verleger des kleinen, experimentellen Verlags Somebooks aus Seoul. Und nachdem ich jahrelang um dieses Buch herumgeschlichen bin, hat Susanne es mir dieses Jahr geschenkt: das Buch mit dem Stein. „This is not a stone“ ist 17 x 17 Zentimeter groß, es besteht aus einzelnen Blättern mit jeweils einem Satz, die alle ein Loch haben. Und in der Mitte liegt ein Stein. Ein richtiger Stein. Es ist ein geheimnisvolles, ein philosophisches, augen- und geistöffnendes Buch, eine hintersinnige Preziose, in dem es um das Leben, alle Wesen und die Wahrheit geht. Lange hat Cho uns erklärt, dass und wie er das Buch inzwischen verändert hat: eine der vorher glatten Kanten ist jetzt wellig, nicht alle Seiten sind aufgeschnitten, und wenn man die verbundenen Blätter vorsichtig ein wenig öffnet, sieht man Schattenspiele auf der gegenüberliegenden Seite. Mühsam ist der Herstellungsprozess per Hand und meditativ. Und dann hat er uns bei dem letzten, langen, intensiven Gespräch auch noch ermutigt, unseren eigenen Verlag zu gründen, auch ohne viel Geld: „Wenn ihr nur 10 Euro habt, macht halt einen 10-Euro-Verlag.“ Wir werden sehen … (Denn es gibt doch so viele schöne Bücher, die in Deutschland nie veröffentlicht werden.)



Zaro
Viele Begegnungen gab es wieder, unter anderem im vollgestopften Bus in die Innenstadt, wo wir mit anderen ins Plaudern kamen und dann feststellten, dass wir uns letztes Jahr auch schon im vollgestopften Bus getroffen haben: „Kristina Andres? Dann kennen wir uns!“

Das wundervollste Treffen war nach einigen Jahren Pause mit der amerikanischen Lyrikerin Zaro Weil und ihrem Liebsten Gareth (und ihrem „doggie“ Haiku). Vor vielen Jahren lernten wir sie zufällig im Fischrestaurant Il Marinaio in San Ruffilo am Rand von Bologna kennen und gingen jetzt dort mit ihnen wieder essen. Wo sie uns ihre beiden neuen Bücher schenkte: „I Hear the Trees – Untamed Poems from Mother Earth“ (Verlag Welbeck), es sind wundervolle, poetische Gedichte über die Natur, von der wir ein Teil sind, über das Sehen, Fühlen, Schmecken des Lebens. Ein Lied, das ein sehr alter Baum einem Schössling singt. Oder ein Lied an eine Knospe:
because in just a very few
parading moon crescents
sun orange drumbeats –
it will be your turn to open and
greet tomorrow
which has been waiting
just for you
a very long time
so shhhhh
sleep well bud
things are about to get
a quintillion times
exciting
Und ein Buch aus Belarus, das wir leider nicht lesen können: drei Gedichte von ihr sind darin, eines gleich am Anfang. Und am Mittwoch fuhr uns Gareth auf die Messe, wo Zaro auch den Cambridge Stand besuchte, wo sie damals ihre Illustratorin Junli Song entdeckte. Und sich dann mit uns und unserer Freundin Chiara Foddis traf und mit ihr über ihre Illustrationen redete und mit ihrem genauen Blick und ihrem großen Herz wundervolle, präzise Kommentare gab und Chiara ermutigte. In bocca al lupo, Chiara! Und: Next year in Bologna, Zaro!
| GEORG PATZER
| SUSANNE MARSCHALL
| Fotos: SUSANNE MARSCHALL

