Bergidylle

Jugendbuch | Marian de Smet: Kein Empfang

Was geschieht, wenn man sich nicht an die Bergsteigerregel »Gehen Sie nie allein« hält, muss der Leo am eigenen Leib feststellen. Ein falscher Schritt bringt ihn in eine ausweglose Lage. ANDREA WANNER wartet mit ihm auf das Wunder.

Marian de Smet: Kein Empfang
Es beginnt mit dem Sturz in den Abgrund, ein etwa sechs Meter tiefes Loch, in das Leo auf dem Rückweg vom Gipfel zum Campingplatz stürzt. Ein drohendes Gewitter hat ihn eine Abkürzung nehmen lassen und jetzt sitzt er mit Schürf- und Platzwunden und einem gebrochenen Bein in dieser unterirdischen Höhle, in die sich kaum Tageslicht wagt, fest. Und natürlich gibt es keinen Handyempfang. Seine einzige Hoffnung: sein langjähriger Freund David mit dem er unterwegs ist, der aber keine Lust auf die Tour hatte – so wie er überhaupt wenig Lust auf die Berge hat – wird ihn schnell vermissen und für Rettung sorgen. Es kommt anders.

Ganz allein

Ein Mädchen taucht auf, Nanou, und Leo sieht sich der Rettung nahe. Aber Nanou verhält sich merkwürdig. Sie versorgt Leo mit Lebensmitteln und Medikamenten, versorgt seine Wunden, macht aber keinerlei Anstalten Hilfe zu holen. Und Leo erfährt ihr Geheimnis: sie lebt mit ihrer Mutter versteckt in den Bergen und niemand außer ihr weiß von Nanous Existenz.

Marian de Smet strickt einen ungewöhnlichen Thriller, der aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, die sich nach und nach zu einem Ganzen zusammenpuzzeln. Eindringlich erfährt man von Leos Panik und Verzweiflung, der nicht weiß, wie es weitergeht. Die seltsame Situation, in der die 16jährige Nanou lebt, naiv, direkt, ohne Schulbildung und immer wachsam fügt der Sicht des jungen Belgiers, der in Paris aufgewachsen ist, eine naturverbundene, unverbildete Sicht hinzu. Und dann ist da noch die Stimme von Daniel, der erst spät Hilfe holt, und auf dem vormals einsamen Campingplatz mit Leos Eltern, aufdringlichen Pressetypen und der 13jährigen Olive klarkommen muss, die auch kein leichtes Schicksal hat.

Seite um Seite kommt man lesend der Lösung näher. De Smet lässt sich Zeit, lotet das Seelenleben ihrer Figuren aus, ohne dass das auf Kosten der Spannung geht. Im Gegenteil Wenn die Lösung fast schon auf der Hand liegt, hat die belgische Autorin noch Überraschungen auf Lager. Mit leichter Hand fügt sie die Fäden zusammen, löst sie voneinander, fügt sie neu zusammen. Ein Thriller, für den man das Handy auch mal ausgeschaltet lassen kann.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Marian de Smet: Kein Empfang
Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2013
192 Seiten, 13,95 Euro
Jugendbuch ab 13

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

House Music With vocals? Oh, Go On Then!

Nächster Artikel

Junges Mädchen als Geist

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Sich finden und wiederfinden

Jugendbuch | Michael Hammerschmid: Was keiner kapiert

Lyrik gehört nicht unbedingt zu der Sorte Literatur, die besonders viel gelesen wird. Schade, findet ANDREA WANNER und legt allen Teenagern und Junggebliebenen den Gedichtband ›Was keiner kapiert‹ ans Herz.

Gemeinsames Schweigen

Jugendbuch | Susan Kreller: Hannas Regen

Hanna kommt neu in die Klasse – vielleicht die Chance auf eine Freundin, denkt sich Josefin. Aber schnell merkt sie, dass es da jede Menge Probleme gibt. Von ANDREA WANNER.

Zwei rechts, zwei links…

Jugendbuch | T.S. Easton: Ben Fletchers total geniale Maschen Handarbeiten sind wieder in, strickende Jungs dagegen – obwohl »male knitting« durchaus ein Trend ist, dann doch eher die Ausnahme. Und wenn das Stricken dann in einem durch und durch machohaften Umfeld stattfindet, kann es ganz schön schwierig werden. ANDREA WANNER begleitet Ben Fletcher bei seinen ersten Maschen.

Stell dir vor es ist Krieg…

Jugendbuch | William Sutcliffe: Wir sehen alles Es herrscht Krieg. London ist eine zerstörte Stadt mit einer umzäunten Sperrzone. Für zwei junge Männer wird dieser Krieg zum Schicksal. Von ANDREA WANNER

Auf der Flucht

Jugendbuch | Meg Rosoff: Was wäre wenn

Gerade noch mal gut gegangen! Beinahe wäre der kleine Bruder von David Case aus dem Fenster gestürzt. Aber es ist nichts passiert. Statt durchzuatmen und sich darüber zu freuen, packt David die Panik. Das Schicksal, davon ist er überzeugt, hat es auf ihn abgesehen. Von ANDREA WANNER