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»Superstar« der Renaissance

Ausstellung | Raffael: Wirkung eines Genies

Die Hamburger Kunsthalle zeigt bis Oktober eine Ausstellung über die Wirkung Raffaels (1483–1520), der zu den herausragenden Künstlern der Renaissance zählt. PETER ENGEL hat die Ausstellung gesehen.

Merkur schwebt vom Olymp herab
Erwin Speckter (1806–1835), zugeschrieben, nach Raffael, eigentlich Raffaello Santi oder Sanzio (1483–1520)
Merkur schwebt vom Olymp herab, (Kopie nach der Figur in der Loggia der Villa Farnesina, Rom), 1830/35
Gouache, 580 x 442 mm (Blatt)
© Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett / bpk
Foto: Christoph Irrgang
Eine Lobeshymne über den Maler Raffael in den höchsten Tönen stimmte Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der Freund Goethes, in einem Brief aus Italien an. Da heißt es: »Fast in allen Teilen ist er groß gewesen, besonders aber in der Komposition und im Ausdruck wohl der größte, der jemals gelebt hat; und in der Mannigfaltigkeit der Gesichter und der Minen, die er jedem Kopf gegeben, unerschöpflich.« Das ist eine repräsentative Äußerung, der viele ähnliche an die Seite gestellt werden können und die zeigen, welche überragende Wirkung »Il Divino«, der Göttliche also, mit seinem Schaffen hatte, sodass die Hamburger Kunsthalle nicht ansteht, ihn sogar als »Superstar« zu bezeichnen, ein arg heutiger Begriff.

Tatsache ist aber, dass das Museum in seiner Präsentation »Raffael – Wirkung eines Genies« mit rund 200 Druckgraphiken, Zeichnungen, Gemälden, Fotografien und Büchern den Beweis dafür antritt, dass Raffaelo Sanzio da Urbino (1483-1520) eine überragende Malergestalt der Renaissance war und eine enorme Nachfolge bis in die Gegenwart hinein gefunden hat.

Verschwiegen sei aber auch nicht, dass es sich bei der Schau quasi um eine Sekundär-Ausstellung handelt, denn von dem so gefeierten und sehr früh verstorbenen Maler selbst sind nur fünf kleine Zeichnungen zu sehen, die ihm mit großer Sicherheit zugeschrieben werden können und allerdings auch einen besonderen Schatz der Kunsthalle darstellen. Die Blätter sind jetzt noch einmal mit allen zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln untersucht worden, wobei nichts gefunden worden ist, was gegen ihre Echtheit spricht.

Die jetzt eröffnete Raffael-Ausstellung hätte eigentlich schon im letzten Jahr zum 500. Todestag des Künstlers gezeigt werden sollen, fiel aber der Corona-Pandemie zum Opfer. Die nachgeholte Präsentation ist ausschließlich mit Objekten aus den Beständen der Kunsthalle zusammengestellt worden und insofern ein ganz eigener Beitrag zu dem Jubiläum.

Gezeigt werden herausragende Reproduktionsgraphiken der bedeutendsten Werke des Malers, so der ›Sixtinischen Madonna‹, deren Original in Dresden hängt, der alles in den Schatten stellenden ›Schule von Athen‹ oder der ›Verklärung Christi‹. Mit der Dichte und Vielfalt solcher Werke »nach Raffael« kann in der Tat belegt werden, wie sich kunstfertige Stecher, Radierer und Drucker an den Vorbildern des Meisters abgearbeitet haben und zu seiner gewaltigen Popularität beitrugen. Dafür hatte Raffael selbst schon zu Lebzeiten gesorgt, indem er – wie kein Maler vor ihm – für die Vervielfältigung seiner Bilderfindungen sorgte. Dass selbige bis auf diesen Tag auch vielfach verkitscht und aus dem Zusammenhang gerissen werden, machen die übervielen herzigen Engelchen nach einem Ausschnitt aus Raffaels ›Sixtinischer Madonna‹ deutlich, das wahrscheinlich weltweit am stärksten breitgetretene Renaissance-Motiv überhaupt sind.

Die Reproduktionsgraphik zu Raffael, die in der Hamburger Ausstellung mit bedeutenden Ausprägungen bis hin zu hochwertigen frühen Fotografien präsentiert wird, ist vermutlich eher nicht nach dem Geschmack eines mittlerweile doch recht bildungsfernen allgemeinen Museumspublikums. Es wird aber immerhin durch ein paar originale Werke entschädigt, die nach Motiven des »Superstars« entstanden sind und die einige farbige Akzente in die ansonsten schwarz-weiße Ausstellung bringen.

Schule von Athen
Louis Jacoby (1828–1918) nach Raffael, eigentlich Raffaello Santi oder Sanzio (1483–1520)
Schule von Athen, 1863 (vollendet)
Gouache, 692 x 1000 mm (Blatt)
© Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett / bpk
Foto: Christoph Irrgang

Da ist in erster Linie die Gouache ›Merkur schwebt vom Olymp herab‹ zu nennen, die wahrscheinlich der Hamburger Maler Erwin Speckter (1806-1935) nach einer Raffael-Figur in der Loggia der römischen Villa Farnesina geschaffen hat. Diesem schönen Werk an die Seite zu stellen sind etwa die Gemälde ›Freiheit oder Tod‹ von Jean-Baptiste Regnault, einem Schlüsselwerk zur Französischen Revolution und Friedrich Overbecks ›Der Triumph der Religion in den Künsten‹. Dabei handelt es jeweils um freie malerische Anverwandlungen nach Bildern des verehrten Renaissancemalers.

Zu einem buchstäblich gewaltigen Brocken ist der Katalog zur Raffael-Ausstellung geraten, ein Buchungetüm von 630 Seiten Umfang und einem enormen Gewicht, sodass man das 39 Euro teure und randvoll mit Gelehrsamkeit vollgestopfte Prachtstück jedenfalls nicht auf dem Schoß lesen kann.

| PETER ENGEL
| TITELFOTO: Erwin Speckter (1806–1835), zugeschrieben, nach Raffael, eigentlich Raffaello Santi oder Sanzio (1483–1520)
Merkur schwebt vom Olymp herab, (Kopie nach der Figur in der Loggia der Villa Farnesina, Rom), 1830/35
Gouache, 580 x 442 mm (Blatt)
© Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett / bpk
Foto: Christoph Irrgang

Titelangaben
Raffael – Wirkung eines Genies
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg
Bis zum 3. Oktober 2021

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