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Mit Mark Twain ins Heilige Land

Kulturbuch | Mark Twain: Unterwegs mit den Arglosen

Wer weiß, vielleicht fahren Sie in diesem Jahr noch nicht in Urlaub. Aus guten Corona-Gründen. Dann, aber bei Weitem nicht nur dann, sei diese Lektüre wärmstens empfohlen: Gehen sie mit auf eine Reise, die von Amerika ins Heilige Land führt. Ihr Begleiter: Mark Twain. Reisebriefe sind es, geschrieben einst für eine Zeitung, und wer Twain nur als Autor von Tom Sawyer und Huckleberry Finn kennt, der sollte unbedingt sein Wissen um dieses herrliche Buch erweitern, meint BARBARA WEGMANN.

Unterwegs mit den ArglosenManchmal sind Überarbeitungen gar nicht so vorteilhaft. Im Falle von Mark Twains Reisebriefen und Reportagen von einer mehrmonatigen Pilgerfahrt ins Heilige Land 1867 gilt das ganz sicher. Geschrieben wurden die Berichte von unterwegs für eine amerikanische Zeitung. Dann, 1869, mehrfach von Mark Twain selbst und seiner Frau überarbeitet, wie der Übersetzer Alexander Pechmann erzählt, kam das Ganze als Buch heraus: »Die Arglosen im Ausland«, so hieß es damals. Vieles war gestrichen worden, manches harmloser gemacht, als es war, man wollte niemandem wehtun. Es wurde »geglättet«, »vulgäre Späße«, drastische Ausdrücke herausgenommen. Nun aber in Pechmanns Übersetzung sind es die Originale, die Urfassung aller Berichte also, »ungekürzt und unzensiert«. Und was für ein Lesevergnügen ist dieses Buch jetzt geworden!

Mark Twain, wie er besser nicht sein könnte: scharfzüngig, bitterböse, treffend, ironisch, frech und gnadenlos ehrlich, aber auch nie menschenverletzend, dazu nimmt er sich selbst auch viel zu gerne einmal nicht ernst und auf die Schippe.

Geplant war die Reise offenbar mit deutlich mehr Prominenz, die dann aber absagte, übrig blieb eine Gruppe von etwa 60 bis 70 Personen älterer Jahrgänge, die ‚eher ans Beten dachte, denn an Unterhaltung an Bord‘. »Hinterwäldler und Landwirte«, schreibt Twain, »Langeweiler«, so nennt Pechmann sie und man schmunzelt bei Twains wunderbaren Beschreibungen: sie hätten den damals rund 30jährigen Autor, der etwas erleben wollte, auf die Palme gebracht.

Twains Augen und Ohren entgeht auf all den Stationen der Reise nichts: er beobachtet haarscharf, empfindet Stimmungen mit feinsten Sensoren, beschreibt bildlich, anschaulich, lebendig und voller Emotionen, manchmal nicht gerade schmeichelhaft für die Bewohner. »Die Gemeinschaft besteht überwiegend aus Portugiesen- das heißt sie ist langsam, arm, träge, schläfrig und faul.« Er porträtiert, er karikiert und diese Mischung ist höchst unterhaltsam zu lesen, frisch, spontan, mit hinreißendem Humor. Zu seiner Zeit, im ausgehenden 19. Jahrhundert, war und blieb Twain mit seinem Buch- die damals eben überarbeiteten Reisereportagen- berühmter und bekannter als mit den wenige Jahre später erscheinenden Abenteuern des Tom Sawyers. Aber wie auch immer, auch heute noch zählt Mark Twain, eigentlich Samuel Landhorne Clemens alles andere als zum literarischen alten Eisen.

Ob es die Azoren sind, Gibraltar, Cádiz oder Tanger, Twain liefert Eindrücke und Wissen gleichermaßen, erzählt aus der Geschichte und versäumt darüber nicht die Beobachtung seiner Mitmenschen und Lebensräume. »Die Straßen sind orientalisch… Die meisten kann man versperren, indem man sich quer aufs Pflaster legt.« Er beschreibt die Geschäfte in Tanger, »ungefähr so groß wie ein gewöhnliches Duschbad in einem zivilisierten Land.« Kritisch spiegelt Twain die Politik des Landes wider: »Es gibt kein reguläres Steuersystem, aber wenn der Herrscher oder der Pascha Geld brauchen, besteuern sie irgendeinen Reichen, der entweder zahlt oder ins Gefängnis wandert.« Und Twain, als Mann, hat natürlich auch Augen für weibliche Schönheiten unterwegs. Frauen seien füllig und hübsch und lächelten einen Christen auf eine Weise an, die im höchsten Maße erquickend sei. Das ist nicht überall so, an anderen Orten schreibt er: »Hätte ich eine Frau, sie so hässlich ist wie einige von denen, die ich gesehen habe, würde ich ihr Gesicht mit einer Nagelbürste bearbeiten, um es nach Möglichkeit zu verschönern.« Kein Blatt vor den Mund nimmt Mark Twain auch bei seinen ersten Eindrücken in einer neuen Stadt, so im italienischen Civitavecchia: »Dieser Ort ist das übelste Nest aus Dreck, Ungeziefer und Ignoranz, in das wir bislang geraten sind.« Eindrücke über Eindrücke und Seite für Seite wird das Buch zur kurzweiligen Lektüre.
Unterschiedliche Lebensweisen, Mentalitäten, Sprachen, Glaubensrichtungen, Sitten und Gebräuche, ob in Neapel, Athen, Alexandria, Jerusalem oder Beirut, natürlich sind es für den heutigen Leser Eindrücke, die über 150 Jahre alt sind, aber die Zeit spielt bei der Lektüre keine Rolle, und manches ist eben auch zeitlos, die Geschichte der Orte, ihre Traditionen, Sehenswürdigkeiten.

Wie gesagt, ein großes, lebendiges Lesevergnügen, geschrieben, wie aus dem Moment heraus, »rasch und planlos in Hotelzimmern und Schiffskabinen entstanden.« Resultierend aus spontanen Begegnungen, Impressionen, Wahrnehmungen. Irgendwie echt und authentisch und pur. Man bedenke, dass der junge Mark Twain, der sich bereits »als Drucker, Lotse, Silbergräber und Sekretär durchgeschlagen hatte … erst ganz am Anfang seiner beispiellosen Karriere stand.« Aber bereits mit erkennbarer Handschrift.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Mark Twain: Unterwegs mit den Arglosen
528 Seiten, 44 Euro
Hamburg: Mare Verlag 2021
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