//

Das System der Kunst

Kulturbuch | Stefan Heidenreich: Was verspricht die Kunst?

Kunstgeschichte als Institutionengeschichte. Heidenreichs populäre Diskursanalyse des Kunstsystems führt Künstler in das System ein, das sie erwartet und zeigt, wie es wurde, was es ist. Von BJÖRN VEDDER

Heidenreich - Was verspricht die KunstDie neuere Kunstgeschichte, d. h. hier seit der Renaissance, als längst fällige Institutionsgesichte geschrieben zu haben, ist Stefan Heidenreich schon bei Erscheinen der Hardcoverausgabe 1998 hoch angerechnet worden. Die nun vorliegende, leicht überarbeitete Taschenbuchausgabe macht die Untersuchung auch einem breiteren Leserkreis zugänglich.

Diesem ermöglicht der Autor, der in den Neunzigern selbst als Künstler tätig war, einen sehr informativen und anregenden Blick auf die Kunstgeschichte, der ganz anders ist die bekannten Versuche, etwa der Stilgeschichte.

Die Entwicklung der europäischen Kunst ist für Heidenreich eine Emanzipationsbewegung. Zunächst emanzipiert sich die Kunst, und zwar insbesondere die Malerei, auf die der Autor überhaupt seinen Schwerpunkt legt, vom Handwerk, als welches sie bis in Renaissance gegolten hat, zur Wissenschaft, indem sie eigene Entdeckungen macht und Gesetze aufstellt – z. B. in der Perspektive. Der Maler wird vom gehobenen Domestiken zum Künstler, d. h. zum wissenschaftlich anerkannten Hersteller von Kunstwerken. Seine Ausbildung erfolgt in Akademien und was ein Kunstwerk ist, legen eben diese Akademien in ihren Ästhetiken fest. Sie bestimmen die klassischen Regeln der Kunst, d. h. Perfektion von Proportion und Perspektive, schreibt Heidenreich mit Blick auf das 16. Jahrhundert, in dem er die Malerei schon technisch so gut wie vollendet sieht.

Aus dem Korsett

Techniken und Medien sind Heidenreich besonders wichtig – angefangen bei den Stichen im 16. Jahrhundert, über die Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert bis zu den virtuellen Welten des 21. Jahrhunderts. Erst durch die schnelle und weite Verbreitung der Stiche konnte sich auch der Stil des reproduzierten Kunstwerks rasch verbreiten. Die Verbreitung eines dann klassisch zu nennenden Stils wurde damit erst möglich, so Heidenreich. Im 19. Jahrhundert löst die Fotografie, die die Herrschaft der Malerei über die künstlerische Abbildung von Wirklichkeit ab und befreit so den Künstler aus dem Korsett der akademischen Kunstlehre, die die Regeln der Abbildung zuvor festgelegt hatte. Erst durch diese Befreiung wird moderne Kunst möglich. Sie begibt sich jedoch in eine neue Abhängigkeit, nämlich in die vom Markt.

Wer die Geschichte in so großen Zügen umreißt wie Heidenreich, muss viele Details beiseitelassen. Zuweilen trifft Heidenreich dabei sehr großzügige Aussagen, die den stilgeschichtlich nicht informierten Leser in die Irre führen können. Einen Vorwurf muss ihm daraus nicht erwachsen. Traditionelle kunstgeschichtliche Informationen finden sich andernorts – in jeder gewünschten Genauigkeit.

Popularisierte Diskursanalyse?

Heidenreichs Kunstgeschichte stellt aber z. B. nicht nur eine sensualistische, in seiner Zeit antiakademische Kunstlehre wie die Roger de Piles als frühen Höhepunkt rationalistischer, akademischer »Versuche der Normierung« vor – das ist dem einen Leisten geschuldet, über den sie 300 Jahre Stilgeschichte schlägt – sie zeichnet sich auch durch den Versuch der Diskreditierung ästhetischer Kategorien aus und das ist unverständlich.

Heidenreich schreibt im Nachwort zur Taschenbuchausgabe, dass er eine »popularisierte Diskursanalyse der Kunst« formulieren wollte, bei der es »nicht um die Frage ging, was uns ein Kunstwerk sagen will, als vielmehr darum zu klären, warum es in einem bestimmten Moment auftauchen kann«. Ein solcher, an Foucault geschulter Zugriff, zeigt das »Kunstsystem, in dem er darlegt, welche Institutionen und Figuren in dem Feld handeln, wie sie sich formiert haben und welche Regeln […] sie setzen«. Ästhetische Diskussionen haben hier keinen Platz. Heidenreichs Kunstgeschichte erweckt aber den Eindruck, als ob alle möglichen Inhalte einer solchen Diskussion keinen Einfluss auf die Geschichte der europäischen Kunst haben konnten, sondern nur die von ihm dargestellten Institutionen und ihre Regeln. Das ist nicht überzeugend.

Die Darstellung dieser Institutionen und Regeln aber – z. B. wie Museen Kunstgeschichte schreiben, der Kunstmarkt die Macht der Akademien brach – ist nicht nur informativ und angenehm geschrieben, sie beleuchtet auch, warum das Kunstsystem heute so ist, wie es ist. Zuletzt wäre zu vermuten – und das schränkte die geäußerte Kritik ein – Heidenreich habe dieses Buch für Künstler geschrieben, als eine Einführung in das System, in das sie sich begeben. Jedenfalls scheint sich die Antwort auf die Titelfrage an sie zu richten. Was verspricht die Kunst dem Künstler? Eine, trotz der weitreichenden Befreiung, die ihm die neuen und veränderten Institutionen bescherten, immer prekäre Situation, in der er Werke schaffen muss, die die »Anforderungen des Betriebes erfüllen, ohne sich ihm zu überlassen«. Eine Zwickmühle, das verspricht die Kunst.

| BJÖRN VEDDER

Titelangaben
Stefan Heidenreich: Was verspricht die Kunst
Berlin Verlag 2009
220 Seiten, 10,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Neues vom Krimitraumschiff

Nächster Artikel

Udo Grashoff: Zoo

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Kampf um Troja

Kulturbuch | Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg Wer nach Tikal oder sagen wir nach Angkor Vat verreist und sich über Land und Leute informiert, dem wird nicht entgehen, dass überall ein starkes Interesse daran besteht, die eigene Kultur und die eigene Geschichte zu sortieren. Von WOLF SENFF

Historische Arbeit mit Gegenwartsbezug

Kulturbuch | Dierk Walter: Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion Dierk Walter mischt die Vergangenheit auf und man kann dem so gar nichts entgegenhalten. Europa als Friedensmacht? Die Freie Welt als Vorbild? Nein, kommt nicht vor. Dierk Walter widmet sich der »politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtprojektion«, ausgehend vom »kapitalistischen Zentralstaat der westlichen Moderne«. Von WOLF SENFF

Hamburg-Werbung

Gesellschaft | Henri Lefebvre: Das Recht auf Stadt Über Städte nachzudenken, das ist eine brennend aktuelle Angelegenheit. Denn die Situation ist unübersichtlich; jeder weiß, wie begehrt es ist, in der Stadt zu wohnen und nicht in deren Randbezirke, ›Schlafstädte‹, verdrängt zu sein. In den Schwellenländern wachsen Megastädte mit dreißig, vierzig Millionen Einwohnern, dass man sich grundsätzlich fragen muss, wie es noch möglich sein soll, gestaltend einzugreifen. Von WOLF SENFF

Schreibend Mauern überwinden

Kulturbuch | Zu Christa Wolfs neu aufgelegten Essays und Reden

Was geschieht uns, was geschieht mit uns, wenn Stimmen, die uns unverzichtbar geworden sind für unsere Auseinandersetzung mit dem auf uns einstürmenden Weltgeschehen, plötzlich verstummen? Bei der Nachricht vom Tod Christa Wolfs 2011: Gefühl von Leere, Ahnung von unwiederbringlich Verlorenem. Eine eindringliche Nachdenklichkeit, die plötzlich fehlte! Nach der Schockstarre die Einsicht: Sie bleibt uns ja erhalten, wir brauchen sie nur zu lesen! Als nun zehn Jahre später ihre Essays und Reden in drei Bänden neu vorliegen, ist sie da: Die Gelegenheit zum Wiederlesen, Neu-Lesen. Und die Erkenntnis, dass es ein allzu kühnes Unternehmen wäre, alle drei Bände auf einmal vorzustellen, deshalb soll dieser Beitrag zunächst nur dem ersten gewidmet sein. Von BETTINA JOHL

Deutsch-Ost, Deutsch-West

Autobiographie | Christian Flake Lorenz: Heute hat die Welt Geburtstag Die Gruppe »Rammstein«, ursprünglich Punk vom Prenzlauer Berg, gilt heute nicht nur als eine der provokantesten deutschen Bands, sie ist einer der erfolgreichsten deutschen Kulturexporte überhaupt und füllt die Stadien weltweit, Moskau wie Madison Square New York. Im Lauf der aggressiven Bühnenshow bekommt Christian Flake Lorenz, Keyborder, es schon mal mit einem Flammenwerfer zu tun. Von WOLF SENFF