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Dichtung ist Wahrheit

Menschen | Zum 75. Geburtstag von John Maxwell Coetzee

»Vergessen braucht Zeit. Wenn du erst einmal richtig vergessen hast, wird dein Gefühl der Unsicherheit weichen und alles wird einfacher werden«, heißt es im bisher letzten Roman (Die Kindheit Jesu, 2013) des Literaturnobelpreisträgers John Maxwell Coetzee. – Zum 75. Geburtstag des Literatur-Nobelpreispreisträgers J.M. Coetzee am 9. Februar gratuliert PETER MOHR

KindheitEin Mann und ein Kind kommen darin nach einer langen Schiffsüberfahrt in einem fremden Land an, in dem Spanisch gesprochen wird und die Uhren etwas anders ticken. Hier gibt es eine knapp bemessene Grundversorgung, Luxus ist ebenso verpönt wie allzu starke menschliche Gefühle. Alle leben im Hier und Jetzt, losgelöst von der Vergangenheit. Es war wieder einmal ein hochartifizielles und anspielungsreiches Erzählwerk des seit fast fünfzehn Jahren in Australien lebenden Südafrikaners.

»Coetzee porträtiert die Teilhaftigkeit des Menschen an der Vielfalt des Daseins in oft überrumpelnder Weise«, hieß es in der Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees, als ihm 2003 die wichtigste Auszeichnung der literarischen Welt verliehen wurde.

So schwierig und rätselhaft wie seine Bücher ist auch der Autor selbst, der lange ein Geheimnis um seine Vornamen machte (es geistert noch die Variante Jean-Marie durch einige Nachschlagewerke) und seine Werke nur unter den Initialen publizierte.

Coetzee wurde am 9. Februar 1940 in Kapstadt als Sohn eines Rechtsanwaltes und einer Lehrerin geboren, studierte später in den USA Anglistik und Mathematik. Nach der Promotion lehrte Coetzee, der als Programmierer zu den Experten der ersten Computergeneration gehört, an der Universität Buffalo, ehe er 1972 als Englischdozent in seine Heimatstadt Kapstadt zurück kehrte, wo er 1984 Professor für englische Literatur wurde.

Kapstadt spielt in Coetzees Werk eine ähnlich dominante Rolle wie etwa Danzig im Frühwerk von Günter Grass. Beide verbindet, dass sie ihre Heimatstadt als Folie benutzen, um größere politisch-gesellschaftliche Missstände zu spiegeln. Wie die Figuren seiner Romane ist Coetzee ein Außenseiter, ein Schriftsteller, für den die Literatur als Kontrast zur wechselvollen Biografie existenzielle Bedeutung gewonnen hat. »Dichtung ist Wahrheit«, mit diesen knappen Worten hat Coetzee sein literarisches Credo auf den Punkt gebracht.

Foto: Mariusz Kubik
John Maxwell Coetzee
Foto: Mariusz Kubik
Seinen ersten großen internationalen Erfolg feierte Coetzee 1983 mit »Leben und Zeit des Michael K.«. Für diesen Roman erhielt er seinen ersten Booker-Preis. Für Aufsehen sorgte er nur ein Jahr später mit dem Roman »Warten auf die Barbaren«, der die blutigen Übergriffe unter dem Apartheidregime schildert und durch den Foltertod des Studentenführers Steve Biko inspiriert wurde. Doch so vordergründig politisch geht es eher selten bei Coetzee zu.

Er bevorzugt die hintersinnige, an Kafka und Beckett (Coetzee promovierte über den Nobelpreisträger von 1970) erinnernde Parabel. So auch in seinem absoluten Meisterwerk Schande. In diesem Roman, für den er im Jahr 2000 den zweiten Booker-Preis erhielt, geht es um eine doppelte Vergewaltigung. Der Protagonist David Lurie, ein Professor für Kommunikationswissenschaft, verliert seinen Job an der Universität, weil er sich an seiner Studentin Melanie vergangen hat. Lurie zieht sich zurück auf die Farm seiner lesbischen Tochter Lucy, die später ihrerseits Opfer einer Vergewaltigung wird und die Tat mit erstaunlicher Gelassenheit hin nimmt, als eine Art Strafe für das Vergehen ihres Vaters akzeptiert.

Außenseiter und Ausgestoßene, Personen, die isoliert leben oder selbst die Isolation gesucht haben, sind die Protagonisten im Werk des zweiten südafrikanischen Nobelpreisträgers (nach Nadine Gordimer 1991), dessen frühe Werke (allerdings erfolglos) in den 1980er Jahren schon einmal in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschienen waren.

| PETER MOHR

Literaturangaben
John Maxwell Coetzee: Die Kindheit Jesu
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2013
351 Seiten. 21,99 Euro
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