/

Der Entdecker der Langsamkeit

Menschen | Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Sten Nadolny

»Nun sind wir im Bett, ich so mehr theoretisch, der Junge aber richtig, mit Flanellnachthemd und unter dem Plumeau. Er ist so müde, dass er sofort einschläft. Das ist jetzt ein spannender Moment: Schlafe ich auch ein, schlafe ich seinen Schlaf, träume ich seine Träume oder eigene?« Diese Gedanken gehen dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling durch den Kopf – Hauptfigur in Sten Nadolnys letztem Roman ›Weitlings Sommerfrische‹ (2012). Ein Porträt von PETER MOHR

Nadolny - Die Entdeckung der LangsamkeitDer Protagonist erlebt dabei eine ganz wundersame Zeitreise. Beim Segeln auf dem Chiemsee wird Weitling von einem Blitz getroffen und dadurch zurückversetzt ins Jahr 1958. Durch diesen Kunstgriff mutiert die Hauptfigur zum Beobachter der eigenen Jugend. Ein zweiter Unfall bringt Weitling wieder zurück in die Gegenwart, allerdings ist aus dem Richter dann ein Schriftsteller geworden.

Der Schriftsteller Sten Nadolny ist schon immer ein liebenswerter Außenseiter gewesen. Als literarischer »Spätentwickler« betrat er erst mit 37 Jahren nach einigen Umwegen die große literarische Bühne, und seine Plädoyers für die Langsamkeit, für das genaue Beobachten, seine Affinität zum Müßiggang und sein bisweilen ausschweifender Erzählstil stellten sich stets quer zum Zeitgeist. »Literatur soll auf jeden Fall das Tempo des Alltags nicht mitmachen und irgendeine Art von literarischem Fastfood zu liefern versuchen«, erklärte Nadolny 2007 in einem Interview.

Obwohl er am 29. Juli 1942 im brandenburgischen Zehdenick (50 km nördlich von Berlin gelegen) als Sohn des Schriftstellerpaares Isabella und Burkhard Nadolny geboren wurde, war Sten Nadolnys Weg zur Literatur äußerst kurvenreich. Nach seiner Promotion zum Thema »Abrüstungsdiplomatie« bei Thomas Nipperdey arbeitete er zunächst als Lehrer und Taxifahrer, ehe er dann als Aufnahmeleiter den Weg zum Film fand.

Als er ein Stipendium für ein Drehbuch-Exposé erhielt, war dies nicht der Beginn einer Karriere beim Film, sondern der Start zu seiner literarischen Laufbahn. Der Film wurde nie realisiert, und aus dem Drehbuch entstand später der Romanerstling ›Netzkarte‹ (1981), in dessen Mittelpunkt der bahnreisende Studienreferendar Ole Reuter steht.

Kurz vor der Veröffentlichung dieses Romans hatte Nadolny, der heute abwechselnd in Berlin und am Chiemsee lebt, als völlig unbekannter Autor den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen – für den Vortrag des fünften Kapitels seines 1983 erschienenen und später 1,5 Millionen Mal verkauften Bestsellers ›Die Entdeckung der Langsamkeit‹, den der Piper Verlag 2007 mit einem Nachwort des Autors neu herausgegeben hatte. Nadolny sorgte nicht nur durch seinen Text über den britischen Offizier und Entdecker John Franklin (»John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte!«) damals in Klagenfurt für Aufsehen, sondern er kritisierte auch den »schädlichen Wettbewerbscharakter« und teilte sein Preisgeld unter allen Teilnehmern auf.

Die Liebe zu den Außenseitern zieht sich wie ein roter Faden durch Nadolnys Oeuvre. Ob Ole Reuter, John Franklin oder der Taxifahrer Selim – der Protagonist aus dem dritten Roman ›Selim oder die Gabe der Rede‹ (1990): Diese singulären Figuren beziehen ihren Glanz aus ihren unkonventionellen Verhaltensweisen und durch ihre geradezu sezierende Beobachtungsgabe.

Die späteren Werke (›Ein Gott der Frechheit« (1994), die unter dem Titel ›Er oder Ich‹ (1999) erschienene zweite Bahnfahrt des Ole Reuter und der weitgehend dokumentarische ›Ullsteinroman‹ (2003)) reichten nicht mehr an die Fabulierlust und an den Erzählstrom der frühen Jahre heran.

Vor fünf Jahren hat Nadolny mit ›Weitlings Sommerfrische‹ noch einmal ein Ausrufezeichen gesetzt und an den Glanz und die Experimentierfreudigkeit der frühen Jahre anknüpfen können.

»Das Leben ist zu kostbar, um es mit Anpassung zu verschwenden«, heißt es im Roman ›Selim oder die Gabe der Rede‹. Auf diese Weise hat uns Sten Nadolny, der unangepasste »Entdecker der Langsamkeit«, mit Ole Reuter, John Franklin, Taxifahrer Selim aus Mugla und zuletzt wieder mit Wilhelm Weitling vier der unkonventionellsten und reizvollsten Figuren aus der zeitgenössischen Literatur beschert. Mit einer gewissen Vorfreude warten wir auf den 1. September, dann erscheint im Piper Verlag Nadolnys neuer Roman ›Das Glück des Zauberers‹.

| PETER MOHR
| TITELFOTO: Blaues Sofa from Berlin, Deutschland, Sten Nadolny und Jens Sparschuh, crop, CC BY 2.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

The Story Of Whatness: An Interview With Anton Kubikov
Voriger Artikel

The Story Of Whatness

Sara Lövestam - Himmel voller Seehunde - 978-3-499-21768-5
Nächster Artikel

Erwachsene Entscheidungen

Neu in »Menschen«

Im Westen nichts Neues

Menschen | Vor 50 Jahren starb Erich Maria Remarque

Kein anderer bedeutender deutschsprachiger Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wird so häufig mit nur einem seiner Werke in einem Atemzug genannt wie Erich Maria Remarque und der Roman ›Im Westen nichts Neues‹. Fluch und Segen gleichzeitig für ihn. Seine anderen Werke gingen beinahe unter, aber der Weltbestseller ermöglichte Remarque ein sorgenfreies, ja luxuriöses Leben. Von PETER MOHR

Porträt eines Zeugen der europäischen Moderne

Menschen| Howard Eiland / Michael W. Jennings: Walter Benjamin

Bei Hannah Arendt heißt es im ersten von drei Teilen ihrer großen Studie über Walter Benjamin, die 1968 in der Zeitschrift »Merkur« erschien: «Wenn es je einen ganz und gar Vereinzelten gegeben hat, so war es Benjamin.« Gerade dadurch aber sei sein Leben »trotz mancher Absonderlichkeit im Einzelnen ein so reines Zeugnis für die finsteren Zeiten und Länder des Jahrhunderts, wie das Werk, das mit so viel Verzweiflung diesem Leben abgezwungen wurde, paradigmatisch bleiben wird für die geistige Situation der Zeit.« DIETER KALTWASSER über die meisterhafte Biographie Walter Benjamins von Howard Eiland und Michael Jennings

Classic Rock funktioniert

Musik | Interview mit Drake Stone

Mit dem Album Skydive beweisen Drake Stone, dass Classic Rock nach wie vor funktioniert und verdammt kompatibel ist! MARC HOINKIS unterhält sich mit Mike Schlee über die neue Scheibe.

Der Weltphilosoph

Menschen | Bücher zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Lesenswerte Neuerscheinungen zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. DIETER KALTWASSER mit einem Überblick über die biografischen Schwerpunktsetzungen

Aus Widersprüchen Energie geschöpft

Menschen | Zum 75. Todestag des Schriftstellers Franz Werfel (am 26. August)

Franz Werfel war Österreicher und Prager, Jude und Christ, Konservativer und Avantgardist, traditioneller Erzähler, pathetischer Lyriker und utopischer Romancier. Aus diesen teilweise selbst auferlegten Widersprüchen schöpfte Werfel seine literarische Energie, die ihm in 35 Jahren dichterischer Tätigkeit ein ebenso erfolgreiches wie umfängliches Oeuvre ermöglichte. »Erfolg ist für mich mit Glück identisch«, erklärte Werfel, der vor allem während des Exils in den USA von vielen Kollegen ob seiner Verkaufserfolge beneidet, aber auch polemisch geschmäht wurde. So sprach Brecht etwa vom »heiligen Frunz von Hollywood, dem Geschwerfel«. Von PETER MOHR