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Scammon 2/3

Lite Ratur | Wolf Senff: Wale

Die Männer in Scammons Schaluppe hörten ihr freudiges Gebrüll und sahen Eldins Männer ihre Arme hochreißen: Er spuckt!

Ist er kleiner?, fragte Crockeye.

McAlister und Sanctus saßen auf der zweiten Ruderbank: Schwer zu schätzen.

Ich wette, unserer ist größer, griff Thursday ein.

Wir sind dabei!, riefen die Ruderer gemeinsam.

Auf diesem Boot hält niemand dagegen, unterbrach Scammon: Wir tun besser daran, dass wir unseren Fang vertäuen.

Der Kadaver trieb auf dem Wasser und würde sich leicht schleppen lassen. Schnell war ihm der Tampen um die Fluke geschlungen und am Heck verknotet.

Die Männer waren erleichtert. Die Jagd hatte sie in Atem gehalten. Als nun der Kadaver sicher im Schlepp lag, schreckte in Gedanken manch einer auf, so tollkühn wirkte das Geschehen im Rückblick. Doppelt so lang wie die Schaluppe war das getötete Tier und ragte über ihre Köpfe. Welch grandioser Sieg! Noch immer färbte sein Blut das Wasser. Aber Angst? Nein, während des Fangens war keine Zeit, daran zu denken.

Wir kehren zurück!, triumphierte Crockeye, den der Überschwang des Sieges fest im Griff hielt, und setzte rotznäsig hinzu: Soll das dem Teufelsfisch eine Warnung sein!

Scammon nickte ihm wohlwollend zu: Es dauert einige Tage, bevor seine Farbe ausgewaschen ist.

Die Lagune trauert um den Verlust, bedachte Mahorner.

Soll sie trauern, sagte Scammon.

Thursday ergänzte wie von Sinnen: Denkmal einer siegreichen Schlacht!

Als der Rausch des Sieges vergangen war, sie sich gegenseitig auf die Schulter geklopft hatten und gemeinsam gelacht, mochte der eine sich auf seine Angst besinnen und ein anderer sich gar auf das feige, hinterhältige Morden. Aber wie hatten sie sich auch mitreißen lassen, wie eifrig hatten sie sich in die Ruder gelegt! Hatten lauthals über den Erfolg gejubelt, der sie überwältigte; gierig überschlugen sie die Ausbeute, die Harpuniere zählten insgeheim auf einen satten Bonus.

Gramner und Eldin, die nun auf ihrer Schaluppe herankamen, hielten angestrengt Ausschau: Wir sehen ihn nicht!, lachten sie verächtlich: Habt ihr nichts im Schlepp?

Aus Scammons Boot tönte es entrüstet: Hat euer Fisch euch in die Augen geschlagen und ihr seid blind geworden, dass ihr nichts seht?

Nachher einigten sie sich darauf, dass ihre Beutestücke gleichwertig seien. Sie jubelten einander zu. Prachtvoller Fang sei hier versammelt und nicht den südlichen Lagunen vergleichbar.

Dort streiten sich zwanzig Schiffer um einen Grauwal, frohlockte Gramner: Hast du den ersten Wal im Blick, rüstet sich auch der Harpunier im Nachbarboot. Du bist gezwungen zu teilen, das ist ein mühseliges Geschäft.

Der Februar war der beste Monat, zur Ojo de Liebre zu fahren, sofern man Wale zu Gesicht bekommen wollte, und aus welchem Grunde sonst suchte man diese verlassenen Gegenden auf. Dass sie zu dieser Lagune segelten, war Scammons Idee gewesen, er war ein ausgebuffter, welterfahrener Mann. Bis in den Februar blieb ihnen eine Menge Zeit, sie würden reiche Beute heimfahren.

Im Februar waren die Lagunen dicht mit Walen bevölkert. Die Gegend war ganz und gar nicht menschenfreundlich, niemand hielte sich freiwillig hier auf, die Landkarte verzeichnete sie als Wüste, als Geröllwüste, und schlug sie der Sonora zu. Die nächste menschliche Siedlung war Meilen entfernt.

Lassberg musste aufs Wasser, um den Wal zu sehen, zwei motorisierte Schaluppen standen bereit; der Wal ist ein seltsam unscheinbares Tier, er taucht zum Atmen bis knapp an die Oberfläche, man muss aufmerksam hinsehen und erkennt einen dunklen Rücken neben dem Boot.

Der Bootsführer lenkte ein kurzes Stück parallel zum Kurs, doch hier hielten sich genügend Wale auf, so daß Lassberg häufig jene Wasserfontaine sah, die der Wal beim Atmen ausstieß, ebenso oft auch die mächtige Schwanzflosse, wenn das Tier abtauchte, doch das war es auch schon.

Vom Boot und durch den Menschen ließ sich der Wal nicht ablenken, die mörderische Jagd auf den Grauwal gehörte der Vergangenheit an. Eine Walkuh mit Kalb begleitete flüchtig das Boot, seit einem halben Jahrhundert hatte sich der Wal diese Lagunen erneut angeeignet, der Mensch hielt ihn damals für ausgerottet, der Wal war seit Scammons Zeiten eine ertragreiche Beute gewesen, der Mensch hatte seine Technologien rasant perfektioniert, hatte schließlich gigantische Walfangschiffe hergestellt, Walfabriken, auf denen der Kadaver ohne Verzug weiterverarbeitet wurde.

Am meisten erstaunte Lassberg, daß diese Fahrt auf der Lagune so gar nichts von Sensation hatte, der Wal ist eine sanfte Äußerung des Lebens, trotz seiner Größe ein unauffälliges, unaufdringliches Lebewesen, der Mensch kümmert ihn wenig, und Lassberg genügten die bescheidenen Eindrücke, die er gewann, die Bilder der Fontaine und der Schwanzflosse wiederholten sich, es gab nichts zu sehen, was hatte er erwartet, die halbstündige Bootsfahrt war vollauf genug.

Außerdem war dieses nun ganz und gar nicht der Ort, wo Lassberg sich aufgehalten hätte, er fuhr auf endlosen Schotterwegen an den weitläufigen flachen Salzwannen entlang, bis er wieder in Guerrero Negro eintraf, eine einsame Straße, eine gottverlassene Gegend.

Susanne schreckte auf. Was war das nun gewesen? Tim, warst du das? Im Kostüm eines Herrn Lassberg bringst du uns Charles M. Scammon nahe, einen Herumtreiber auf dem Planeten, als Goldgräber erfolglos, dann ein blutrünstiger Waljäger, im Ochotskischen Meer unterwegs, im Auftrag der Finanzbehörde tätig und 1895 dienstunfähig in Pension geschickt, wenig ist bekannt, was gibt es da groß zu erzählen außer vom Walfang.

Susanne schenkte sich eine Tasse Kaffee nach. Als ein Avatar namens Lassberg in einer Erzählung herumzugeistern, davon sollte Tim lieber die Finger lassen. Er hatte sich verändert, seitdem er aus Beijing zurück war. Nein, nicht unsympathisch, keineswegs.

| WOLF SENFF

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