Umwelt, Forschung, Verantwortung

Jugendbuch | Louis Sachar: Schlamm. Oder die Katastrophe von Heath Cliff

Drei junge Leute betreten einen verbotenen Wald. Die Konstellation ist denkbar ungünstig und was daraus wird – ist eine Katastrophe. Von ANDREA WANNER

SchlammMarshall, Tamaya und Chad besuchen dieselbe Schule, die Woodridge Academy, eine Privatschule in Heath Cliff in Pennsylvania. Das ist aber auch das einzige, was sie verbindet, da es verschiedene Gründe, warum man diese Schule besucht: »Entweder du warst richtig klug oder deine Eltern waren richtig reich.« Tamaya war eine von den Klugen, Marshall lag so dazwischen Und Chad besucht die Schule, weil seine Eltern es sich leisten können und er ansonsten nach diversen Rausschmissen in einer Jugendstrafanstalt gelandet wäre.

Die Konstellation, warum ausgerechnet diese drei gemeinsam im Wald landen, ist eine denkbar ungünstige. Marshall wird von Chad, der erst seit kurzer Zeit an der Schule ist, gemobbt. Und da Chad sich innerhalb kurzer Zeit eine wichtige Position in der Klasse gesichert hat und alle auf ihn hören, ist Marshalls Leben unglücklich und einsam geworden. Auch die Verbindung zu der jüngeren Tamaya, mit der er den Schulweg teilt, ist eine andere geworden. Tamaya spürt es, ohne den Grund zu kennen. Noch immer haben sie die gleiche Strecke, Tamaya darf nicht alleine nach Hause gehen, da es zu weit ist, aber die fröhliche Unbeschwertheit früherer Tage ist dahin. Als Chad Marshall nach einem kleinen Zwischenfall im Unterricht, Prügel androht, versucht dieser wie immer, dem Ärger aus dem Weg zu gehen: er wählt den Umweg durch das verbotene Waldstück. Und Tamaya, die ewig Brave und Korrekte, folgt ihm notgedrungen. Was sie nicht ahnen: auch Chad ist im Wald unterwegs.
Es kommt zu einer folgenschweren Begegnung, bei der Chad Marshall angreift und Tamaya ihm zu Hilfe eilt. Sie wirft Chad eine Handvoll Schlamm ins Gesicht. Das setzt ihn außer Gefecht, richtet aber noch viel mehr Schaden an. Der Schlamm ist hochgiftig, Tamayas Hand beginnt sich zu entzünden. Und Chad verschwindet.

Louis Sachar entwirft ein Horrorszenarium, das eigentlich ganz alltäglich beginnt. Wie riskant die Lage tatsächlich ist, erfährt der Leser dadurch, dass die Geschichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Darunter sind beispielsweise Auszüge aus den geheimen Anhörungen des Senatsausschusses für Energie und Umwelt in Sachen SunRay Farm und Biolen“. Die SunRay Farm ist ein abgeschirmtes Laboratorium in eben jenem Wald, nahe des Schulgeländes. Und die Forschungen, die dort betrieben werden, drehen sich um preiswerte, saubere Energie. Der Wissenschaftler Jonathan Fitzman hat dort eine bahnbrechende Erfindung gemacht: das Biolen, eine Art hochenergetischer Schleimpilz, dessen DNA so verändert wurde, dass der Mikroorganismus als Treibstoff genutzt werden kann. Das funktioniert – nur konnte niemand ahnen, was geschieht, wenn eine mutierte Form des Diolen in Berührung mit Menschen kommt. Ein Wettlauf mit der zeit beginnt, denn es gibt kein Gegenmittel gegen die Seuche, an der immer mehr Menschen erkranken.

Sachar gelingt ein packender Umweltkrimi, der Probleme nicht verharmlost, sondern zeigt, auf welchen Ebenen wie und warum entschieden wird. Dass sich daraus ein Dilemma ergeben kann, ist zwingend. Ein winziger Einzeller, der sich innerhalb von sechsunddreißig Minuten verdoppelt wird zu einem riesengroßen Problem. Wie schnell sich etwas Kleines in eine unvorstellbare Menge multipliziert bei regelmäßiger Verdopplung findet sich als unkommentierte Rechnung am Ende jedes Kapitels. Die Zahlen sprechen für sich und erreichen schon bald schindelerregende Höhen. Die Illustrationen begleiten diese Vervielfältigung eindrucksvoll: als unscheinbarer Einzeller findet sich ein Punkt am Beginn von Kapitel eins, jeder neue Kapitelanfang zeigt mehr von den kleinen Blasen und wenn man bei Kapitel 38 angelangt ist, umrankt der schmierige Blasenbrei die ganze Seite.

Das ist unheimlich und bedrohlich, aber es gibt Menschen, die sich in der Katastrophe bewähren, die zeigen, was in ihnen steckt und dass man in solchen Krisen über sich selbst hinauswachsen kann. Marshall, Tamaya und Chad gehören dazu – und das macht aus dem Desaster ein lesenswertes Jugendbuch, das auf einfache Lösungen verzichtet, sondern mit schrägem Humor an manchen Stellen dem Schrecken trotzt und einen nicht ohne Hoffnung zurück ins wahre Leben entlässt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Louis Sachar: Schlamm. Oder die Katastrophe von Heath Cliff (Fuzzy Mud, 2015)
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt vom Uwe Michael Gutzschhahn
Weinheim: Beltz & Gelberg 2015
192 Seiten, 12,95 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren

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