Gänsehaut im Hochsommer

in Jugendbuch

Jugendbuch | Katja Brandis: Und keiner wird dich kennen

Für heiße Sommertage hat ANDREA WANNER eine kleine Auswahl an Thrillern für Jugendliche zusammengestellt: haarsträubend, packend, schaurig und so, dass einem trotz Hitze ein kalter Schauer den Rücken hinunter läuft.

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Majas Leben könnte eigentlich in Ordnung sein. Sie könnte ein ganz normaler Teenager sein. Verliebt in den wundervollen Lorenzo. Aber da gibt es einen dunklen Punkt in der Vergangenheit: den Ex ihrer Mutter, der die Familie gnadenlos terrorisierte hatte, bis sie fast daran zerbrochen war. Robert Barsch wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und nutzte auch im Knast seine Verbindungen, um Majas Familie seine Drohungen zukommen zu lassen. Jetzt droht seine Entlassung. Und er will wiederkommen, zurück zu Lila, Majas Mutter, weitermachen, wo er einst aufgehört hatte. Die einzige Lösung, die der Polizei einfällt, ist ein Schutzprogramm. Doch dazu müssen Maja, Lila und Majas kleiner Bruder Elias alles hinter sich lassen. Sie bekommen neue Namen, eine neue Identität, müssen in eine neue Stadt umziehen und dürfen sich von niemandem verabschieden. Auch Maja nicht von Lorenzo, der großen Liebe in ihrem Leben.

Katja Brandis erzählt in Und keiner wird dich kennen von einem Alptraum, von der Wut und Hilflosigkeit, einem Psychopathen ausgeliefert zu sein, der vor nichts zurückschreckt. Konsequent werden die Folgen einer neuen Identität und der Unmöglichkeit, zu irgendeinem Menschen aufrichtig sein zu dürfen, geschildert. Die Verzweiflung, die Maja packt, lässt sie eine verhängnisvolle Entscheidung treffen, die einen Stein ins Rollen bringt.

Alexa Hennig von Lange versetzt in Der Atem der Angst eine Kleinstadt am Rande eines düsteren Waldes in Entsetzen. Ein kleines Mädchen ist verschwunden. Und leider erinnern sich alle nur zu gut an einen Fall, der sieben Jahre zurück liegt. Damals verschwand die kleine Schwester von Louis und wurde tot wiedergefunden. Nun beginnt eine atemlose, gehetzte Suche nach Leonie, der Schwester von Michelle. Louis und Michelle sind ein Paar und der Junge glaubt zu verstehen, was in Michelle vorgeht. Aber nicht nur das stellt sich als ein Irrtum heraus. Als auch Michelle verschwindet, wagt sich Louis in den Wald und trifft dort auf ein verwildertes Mädchen, das vielleicht der Schlüssel zu dem grausigen Rätsel sein könnte. Hennin von Langes erster Thriller hat noch ein paar handwerkliche Mängel, nicht alle Figuren überzeugen wirklich. Packend ist er allemal. Und eine kleine Warnung: es ist wirklich ein THRILLER, für den Leserinnen und Leser gut Nerven mitbringen müssen!

Eine Heldin mit Zwangsstörungen kann man in Kate Ellisons Schmetterlingsjagd begleiten. Die 17jährige Penelope ist eine Außenseiterin, was sich seit dem Tod ihres älteren Bruders, an dem sie sich mitschuldig fühlt, noch verstärkt. Sie leidet unter Zähl- und Ordnungszwang, trägt in einer endlosen Sammelwut Gegenstände zusammen, die immer wieder neu arrangiert werden müssen, um die Dinge, die Welt, im Gleichgewicht zu halten, murmelt ständig Zahlen vor sich hin, wiederholt zwanghaft Auf-die-Oberschenkeltippen und das Zauberwort »Banane«. Das liest sich verstörend und wird konsequent durchgehalten – so dass nicht nur ihre Umwelt sondern in Ansätzen auch LeserInnen genervt reagieren. Und ausgerechnet Penelope wird Beinahezeugin eines Mordes an einer jungen Nachtclubtänzerin. Danach wird die Vorstellung, den Mörder von Sapphire zu finden zur fixen Idee. Penelope wagt sich nicht nur in ihr unbekannte, gefährliche Gegenden und verliebt sich in den Straßenkünstler Flynt, sondern verstrickt sich mehr und mehr in eine undurchsichtige Geschichte, in der auch ihr Bruder Oren eine Rolle gespielt hat. Und ein Schmetterling, der früher einmal Sapphire gehörte, spielt natürlich eine entscheidende Rolle.

Maja ist ebenfalls eine Außenseiterin, schüchtern, elf Kilo Übergewicht, irgendwie nie so richtig dazugehörig. Aber erst als sie einer schrecklichen Schattenfrau begegnet, beginnt sie sich zu fragen, ob sie überhaupt normal ist. Es ist ihre Lehrerin, Frau Graumel, die sie nicht nur beruhigt, dass sie nicht verrückt ist und ihr verrät, was es mit den Schattenwesen auf sich hat, sondern sie auch für den Sommer nach Magoria einlädt. Dort soll das außergewöhnliche Talent, das Maja mit wenigen Menschen teilt, weiter geschult und verfeinert werden, um gemeinsam den Kampf gegen die Schatten aufzunehmen.

Charlotte Richter-Peill schafft in Magoria. Das Haus der Schatten eine Welt, in der sich die Heldin ganz eigene Fragen nach Gut und Böse stellen muss. Abgeschieden von der Außenwelt schildert sie Magoria ihrer besten Freundin als Rollenspiel und kommt zum Nachdenken. Kann es so einfach sein, wie man sie glauben machen möchte? Ist es so leicht, Gut und Böse zu unterscheiden? Der Roman entwickelt dafür ein eignes Erzähltempo, das weniger auf Action setzt (auch die gibt es natürlich) als vielmehr auf Beobachtung und Reflexion. Langweilig ist die Story trotzdem an keiner Stelle und schließlich wird sie noch mit einer Liebegeschichte abgerundet. Und manch eine wird anschließend Lust haben, Charlotte Brontës Jane Eyre zu lesen. Ganz freiwillig.

1990 machte ein Buch die Runde, das auch den Begriff urban legends geläufig machte. Der Bestseller, dem mehrere folgten, hieß Die Spinne in der Yucca-Palme, sagenhafte Geschichten von heute, war von Rolf Wilhelm Brednich und er sammelte schaurige Geschichten, die angeblich wahr sind. Und die wurden und werden angepasst nach dem Motto: Der Bruder der Freundin des Arbeitskollegen eines Nachbarn kennt jemand, der hat sich aus dem Urlaub eine Yukkapalme mitgebracht und eines Nachts sitzt plötzlich eine riesige Spinne bei ihm im Bett. Und plötzlich kennt jeder über fünf Ecken jemand, dem das auch passiert ist.

Moritz Rosendorfer ist so ein Storyteller. Sein schriftstellerisches Talent stellt er beim Fernsehen unter Beweis: er arbeitet dort in der Verpackungsabteilung eines Homeshopping-Kanals und legt den Päckchen kleine selbstgeschriebene Zettel bei. So beispielsweise beim Versand einer Lampe: »Auch die hellste Tiffanylampe wird euer düsteres Leben nicht erleuchten.« Natürlich ist das in den Augen seines Chefs nicht gerade geschäftsfördernd und Moritz verliert seinen Job. Schnell hat er einen neuen. Bei einem Auftritt, in der er eine seiner Gruselgeschichten auf der Bühne zum Besten gibt, ist er von einem Fremden angesprochen worden. Und der hat tatsächlich Arbeit für Moritz: Er soll und darf schreiben, aus seinen Mythen und Anekdoten soll ein Buch werden. Aber zunächst geschieht etwas viel Verblüffenderes: sie werden wahr, kaum hat Moritz sie sich ausgedacht.

Aus der Perspektive eines nicht näher in Erscheinung tretenden Ich-Erzählers schauen wir dem Treiben von Moritz und seiner Freundin Anne zu. Um Moritz Rosendorfer herum zieht sich ein Netz zusammen, von dem er selber viel zu spät etwas spürt. Packend und erfrischend anders, an vielen Stellen witzig und immer wieder abgrundtief schaurig: Rosendorfer muss dran glauben von Rüdiger Betram.

| ANDREA WANNER

Titelangaben

Katja Brandis: Und keiner wird dich kennen
Weinheim: Beltz & Gelberg 2013
400 Seiten. 16,95 €
Ab 13 Jahren
Leseprobe

Alexa Hennig von Lange: Der Atem der Angst
München: cbt 2013
416 Seiten. 14,99 €
Ab 14 Jahren

Kate Ellison: Schmetterlingsjagd (The Butterfly Clues, 2012)
Aus dem Englischen von Katja Haase
Reinbek: Rowohlt 2013
352 Seiten. 16,95 €
Ab 14 Jahren
Leseprobe

Charlotte Richter-Peill: Magoria
Das Haus der Schatten
Reinbek: Rowohlt 2013
432 Seiten. 12,99 €
Ab 14 Jahren
Leseprobe

Rüdiger Bertram: Rosendorfer muss dran glauben
Hamburg: Oetinger 2013
222 Seiten. 12,95 €
Ab 13 Jahren

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