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Vergewaltigende Engel

Comic A. G. Cipote/D. Palmerino: Marquise von O…., nach Kleists ›Marquise von O….‹

Mit der Buchreihe ›Dust Novel‹ hat sich der Maler und Kunstwissenschaftler Andrea Grosso Ciponte ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Düstere und resignative, obgleich kurze, Klassiker der deutschen Literatur in die Form von ebenso düsteren und meist surrealen Graphic Novels zu gießen. Nun hat er, als dritten Band der Reihe, Heinrich von Kleists Novelle ›Marquise von O.…‹ von 1808 zu einem Comic gemacht. Die Texte dafür hat Dacia Palmerino ausgewählt. Von PHILIP J. DINGELDEY.

MarquiseOKleists Novelle wirkt auf den ersten Blick höchst berechenbar und simpel konstruiert: Die junge, verwitwete Marquise versucht während des zweiten napoleonischen Koalitionskrieges, zwischen 1799 und 1802, mit ihren zwei Kindern in Italien tugendvoll zu leben. Von Soldaten wird sie jedoch sexuell missbraucht, bis der geheimnisvolle Graf von F…. sie rettet, der daraufhin spurlos verschwindet. Später findet sie heraus, dass sie schwanger ist, ohne sich auf einen zu Ende gebrachten Zeugungsakt erinnern zu können. Von ihrem eigenen Vater verstoßen, von der Außenwelt isoliert und mit einem unehelichen Kind im Bauch gibt die Marquise verzweifelt eine Annonce auf, um den werdenden Vater ausfindig zu machen und diesen voller Abneigung – aber dem Ungeborenen zuliebe – zu heiraten. Auf die Anfrage gibt sich der zuvor idealisierte Graf von F…. als der Erzeuger zu erkennen, der die Lage der Marquise schamlos ausgenutzt und sie vergewaltigt hat.

Aus literarischer wird bildende Kunst

Wirkungsmächtig wird das knappe Werk des Vormärz-Dichters erst durch eine gewaltige und erschütternde Sprache. Einer Sprache voller ambivalenter Emotionen, von einer naiven, übermäßigen Huldigung des vermeintlichen Engels, des »rettenden« Grafen, der schließlich dadurch gar zum vergewaltigenden Teufel und Dämon stilisiert wird, und wiederum der Sprachgewalt der fast schon bürokratischen Kälte der Sprache des Vaters der Marquise diametral entgegensteht. Weniger die einfache, aber tiefschürfende Handlung, als vielmehr der unverkennbare Stil von Kleist machen das Werk eindrucksvoll. Dies hatte auch Grosso Ciponte wohl vor Augen, als er die dazugehörige kleine Graphic Novel kreierte.

Denn Palmerino hat die Texte Kleists gestrafft und gekürzt, sodass ein viel größerer Fokus auf den Malereien von Grosso Ciponte liegt, jedoch ohne, dass die kleistsche Sprache dadurch zu sehr reduziert oder gar missbraucht werden würde. Aus dem Werk der literarischen wird ergo tendenziell ein Werk der bildenden Kunst.

Düster und bedrückend

Und fast eben eine solche Kunst, wie sie Kleist sprachlich auszeichnete, legt sie Grosso Ciponte malerisch an den Tag. Denn seine Aquarelle im Band sind immer düster, wirken bedrückend, oft auch reduziert, hin und wieder schemenhaft und durch die Andeutungen von dämonischen Figuren durchzogen, die das Leben der Marquise von O…. so beklemmend machen. Das Gefühlsleben der Protagonistin wird metaphorisch auf eindrucksvolle Weise bildnerisch interpretiert, ohne überbordend zu werden. Weitgehend ist die Graphic Novel als innerer Monolog einer nackt daliegenden oder sitzenden Marquise dargestellt, der nur durch Erinnerungen – etwa an ihre Rettung, jedoch nicht an ihre Vergewaltigung durch den Grafen – oder ihr abermaliges Treffen mit ihrem vermeintlichen Retter aufgebrochen wird.

Auf wenigen Seiten adaptierte der Maler bildmächtig ein sprachgewaltiges Werk. Weiterhin gelang es ihm, die Handlung etwas zu simplifizieren, ohne gleichzeitig den Stil Kleists zu brechen. Insofern hat er den Stoff adäquat transferiert. Genau so muss es sein – und ist es viel zu selten –, wenn aus Weltliteratur ein Comic gemacht werden soll! Denn nur so kann sich die Gattung der literarischen Graphic Novels behaupten, ohne als nebensächliches, minderqualitatives Genre der Kunst klassifiziert zu werden.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Andrea Grosso Cipote (Malerein)/ Dacia Palmerino (Textadaption): Marquise von O…., nach Kleists ›Marquise von O….‹
Aus dem Italienischen von Myriam Alfano
Frankfurt am Main: Edition Faust 2015
Gebunden, 64 Seiten, 20 Euro
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