/

Wundersamer Gleichklang

Kulturbuch | Dirk Meyhöfer / Klaus Frahm: Die Architektur des Weines

Längst ist im Weinberg Stille eingekehrt, wenn die Reben nach dem ersten Frost ihre Winterruhe antreten. Jetzt ist Zeit, einmal den Fokus zu verlagern: auf Menschen und Gebäude, Schaffenskraft und Ideen – rund um die ›Architektur des Weines‹. Dirk Meyhöfer und Klaus Frahm nehmen uns mit auf eine beeindruckende Reise durch die moderne Baukunst ausgewählter mitteleuropäischer Weingüter zwischen der Mosel und dem Neusiedler See, zwischen dem Rheingau und der Steiermark. Von INGEBORG JAISER

WeinMancherorts entstand in den letzten Jahren ein »wundersamer Gleichklang: Wein, Territorium und Architektur.« Weingüter wurden zu selbstverständlichen Teilen der Landschaft, verschmolzen mit der Natur und ihrem Umfeld. Oder setzten sich selbst spektakulär und marktschreierisch in Szene, wie im kalifornischen Napa Valley oder im französischen Médoc. Schon kann von einer ganz besonderen Architektur des Weines gesprochen werden, die Kunst, Design und Lebensart formvollendet integriert in die pure Funktionalität von Kelter, Vinothek, Showroom.

Moderne Landmarken

Der Journalist, Publizist und Autor Dirk Meyhöfer und der Fotograf Klaus Frahm stellen in ihrem Buch 20 ausgewählte, richtungsweisende Weingüter in Deutschland, Österreich, Italien und Ungarn vor – architektonisch herausragende Bauten, die als moderne Landmarken gelten können. Sie zeigen sie uns auf faszinierende Weise eine Entwicklung vom ehemals bäuerlichen Betrieb der örtlichen Grundversorgung zum weltoffenen Gesamtkunstwerk mit meisterhafter Assimilation. Oft gehen die beim Bau verwendeten Materialien (Holz, Glas, Stein – aber auch Stahl und Aluminium, Beton und Lehm) eine erstaunliche Symbiose mit Land und Umgebung ein.

Vom Territorium zum Terror

Während der inzwischen verstorbene Fotograf Olaf Gollnek im bereits 1999 publizierten Vorgängerband herausragende Weinarchitektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts in Kalifornien und im Bordeaux ins Bild gesetzt hat, beschreitet man nun neue Wege. Innovative Winzergebäude in Mitteleuropa werden vorgestellt – kein Baujahr liegt vor 2008. Fast alle wurden mit Architekturpreisen geehrt oder für Auszeichnungen nominiert. So wie zum Beispiel der minimalistische Neubau des Weingutes Franz Keller im badischen Vogtsburg. Einfühlsam spiegelt das Terrassenhaus die Schichtungen des Kaiserstuhls wieder und bietet den geforderten Funktionalitäten optimale Bedingungen: von der Anlieferung der Trauben und dem Restaurantzugang auf der obersten Ebene bis zu den unterirdisch gelagerten Gärtanks. Ein erfahrener Architekt kooperierte mit über zwei Dutzend Fachingenieurbüros und schuf so eine komplexe Raumkultur auf drei Klimaebenen. Gleichermaßen imposant, wenngleich in komplett anderer Formensprache umgesetzt, wirkt die Südtiroler Kellerei Tramin, deren filigrane Konstruktion mit Glasstahlwänden leuchtend grün auf einem aussichtsreichen Hang thront. Und im mainfränkischen Volkach lockt die Vinothek des Weingutes Max Müller I, deren grafisch gestaltete, ornamental überraschende gläserne Raumteiler mehr als ein Eyecatcher sind.

Für Reiselustige, Architekturinteressierte und Weinliebhaber

Dieser opulente und (über 3 Pfund) schwergewichtige Textbildband beeindruckt gleichermaßen durch seine hochwertigen Fotografien wie durch seine fachlich fundierte, durchweg zweisprachig gehaltene Präsentation: architekturaffine Leser werden die Details zum umbauten Raum, zu Grundrissen, Skizzen und verwendeten Materialien schätzen; Weininteressierte erfreuen sich an Historie, önologischen Aspekten und Informationen über die angebauten Rebsorten, die jährliche Produktion und ihre Lagerung; Reiselustige werden sich durch bestechende Landschaftsaufnahmen inspirieren und durch genaue Anschriften, Kontaktdaten und Öffnungszeiten der Weingüter (ver)leiten lassen. Eingefügte Interviews mit ausgewählten Architekten erhellen zudem Konzepte und Schaffensprozesse. Wer würde nach solch vielfältiger Anregung sein Glas Riesling oder Spätburgunder noch auf dem heimischen Sofa genießen wollen?

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Dirk Meyhöfer / Klaus Frahm: Die Architektur des Weines
Stuttgart: av edition, 2014
251 Seiten. 69,00 Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Urstrom der Geschichte

Nächster Artikel

Into the Heart of Dub: An Interview with Salz

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Subtilitäten & Tricks des Realismus

Kulturbuch | James Wood: Die Kunst des Erzählens Daniel Kehlmann, dem wir wohl die Möglichkeit zur Bekanntschaft mit James Woods ›Die Kunst des Erzählens‹ verdanken, schreibt in seinem Vorwort zu der nicht immer gelungenen Übersetzung Imma Klemms, er habe das in New York gekaufte Buch verschlungen & gleich noch einmal gelesen. Mir ging es genauso jetzt mit der deutschen Ausgabe & ich bin sicher, ich werde noch öfters zu den 12 Kapiteln & ihren vielen Untertiteln zurückkehren, mit denen der in England geborene, jetzt in den USA lebende & beim ›New Yorker‹ publizierende Literaturkritiker seine Überlegungen zur Kunst des Erzählens

Etikettenschwindel

Kulturbuch | Hannelore Schlaffer: Die intellektuelle Ehe

Es gibt das Sprichwort von der Diskussion im luftleeren Raum. Ganz leer ist der Raum zwar nicht, in dem das Buch Die intellektuelle Ehe von Hannelore Schlaffer argumentiert, aber die Luft ist sehr dünn. Das Philosophenpaar Sartre und Beauvoir oder der Theatermensch Brecht werden als herausragende Beispiele dieser Idee präsentiert, deren Uneinlösbarkeit maßgeblich zu ihrem Reiz beiträgt. Von BASTIAN BUCHTALECK

Leerlaufkompetenz

Kulturbuch | Ehn / Löfgren: Nichtstun Die Muße einer Siesta wird heute immerhin nicht mehr überall als unproduktiver Gegensatz zur Arbeit verteufelt. Auch Nicht-Tätigkeit hat ihre sozialkompatiblen Funktionen. Aber wie sieht das bei den vielen anderen kleinen und größeren »Leerzeiten« aus – Rumstehen an Bushaltestellen oder vor Supermarktkassen beispielsweise? Ist das nicht »verlorene Zeit« fürs Individuum wie fürs Kollektiv? Im Gegenteil, zeigen Billy Ehn und Orvar Löfgren in ihrer fulminanten Studie Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen. Von PIEKE BIERMANN

Fesselnde Lektüre

Kulturbuch | Anne-Carolin Hopmann: Der Hamster ist tot und die Glocken läuten Wir lernen Abläufe des Alltags einer Gemeindepfarrerin der reformierten Kirche in der Schweiz kennen, Wochentag nach Wochentag, unaufgeregt beschrieben, mit Akzentuierungen auch auf das Altern und auf das Heranwachsen, also auf diejenigen, die die Glaubensgemeinschaft verlassen werden, und auf diejenigen, die durch den Konfirmandenunterricht aufgenommen werden. Von WOLF SENFF

Grenzerfahrungen

Kulturbuch | Rüdiger Dingemann: Mitten in Deutschland Über vierzig Jahre lang ging ein Riss durch deutsche Lande. Rüdiger Dingemann berichtet von historischen, kulturellen, landschaftlichen Entdeckungen an der ehemaligen Grenze, von einzigartigen Menschen, Schicksalen und Ereignissen ›Mitten in Deutschland‹. Von INGEBORG JAISER