Jagd auf Goldfasane

Roman | Martin von Arndt: Rattenlinien

Rattenlinien wurden jene Wege genannt, über die sich deutsche Kriegsverbrecher nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs via Italien nach Übersee abzusetzen versuchten. In Martin von Arndts gleichnamigem Roman heuert ein Spezialkommando der US-Armee den im amerikanischen Exil lebenden Ex-Kriminalkommissar Andreas Eckart an, sich an der Jagd nach flüchtenden Nazis zu beteiligen. Von DIETMAR JACOBSEN

Martin von Arndt - RattenlinienVor allem, weil Eckart den SS-Verbrecher Gerhard Wagner aus seiner Zeit bei der Berliner Polizei während der Weimarer Republik persönlich kennt, verspricht man sich viel von seiner Mitarbeit. Den wahren Grund seiner Mission erfährt der Mann freilich erst, als es für ihn schon fast zu spät ist.

Mit 60 Jahren geht man eigentlich nicht mehr auf die Jagd, sondern überlässt den Jüngeren das Feld. Und so hat sich auch Ex-Polizeikommissar Andreas Eckart in seinem Washingtoner Exil – Anfang der 40er Jahre ist er den Nazis entkommen und hat sich aus Deutschland in die USA abgesetzt – als Übersetzer bequem eingerichtet und denkt weder an eine Rückkehr in seine Heimat noch an die Unterstützung jener Kräfte, die es sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Fahnen geschrieben haben, flüchtende Kriegsverbrecher zu jagen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Mit der Erinnerung an einen Mann freilich kann man Eckart schließlich doch überzeugen, sich einem Spezialkommando der US-Army anzuschließen, das auf den Fluchtlinien über die Alpen Richtung Mittelmeer fliehende Nazis abfangen will. Unter Letzteren soll sich nämlich ein Mann befinden, mit dem Eckart auch persönlich gerne abrechnen würde: Gerhard Wagner. Der hatte als sein Assistent bei der Berliner Kriminalabteilung in den Jahren der Weimarer Republik begonnen, war später von der SA zur SS übergewechselt und als »Schlächter von Baranawitschy« berüchtigt geworden.

Nazis auf der Flucht

Mitteleuropa in einem der kältesten Winter des vergangenen Jahrhunderts, dem Hungerwinter 1946. Als Andreas Eckart im zerstörten München eintrifft, muss er zulassen, dass ihm auf dem weiteren Weg ein Mann an die Seite gestellt wird, dem er zunächst mit Misstrauen begegnet. Dan Vanuzzi ist Special Agent, gebürtiger Italiener ohne Sprachprobleme in den Gegenden, die nach der Alpenüberquerung vor ihnen liegen, aber auch ein undurchsichtiger und oft Alleingänge wagender Sturkopf, von dem Eckart denkt, dass er nicht zuletzt zu seiner eigenen Überwachung abgestellt wurde.

Nachdem ihnen Wagner samt ein paar anderen auf der Flucht sich befindenden Nazigrößen aber bei ihrer ersten Begegnung entwischt ist und sie es eilig haben, den Flüchtenden einzuholen, bevor der es auf ein Schiff im Hafen von Genua schafft, rauft man sich zusammen und erkennt schließlich, dass man sich gegenseitig mehr vertrauen kann als jenen Hintermännern, in deren Auftrag man sich auf seine gefährliche Mission begeben hat.

Neue Koalitionen

Denn nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Nach dem Ende eines weltumspannenden Krieges, der in seiner Endphase Russland und die westlichen Alliierten auf ein und derselben Seite gesehen hatte, werden die Karten in der internationalen Politik nun neu gemischt. Eben noch Verbündete, identifizieren die Amerikaner in den Russen bereits den Feind von morgen – und in jenen, die Deutschland sehenden Auges in den Untergang geführt hatten, zukünftige Verbündete. Für Eckart ist, nachdem er das doppelte Spiel, welches seine neuen Dienstherren mit ihm treiben, durchschaut hat, eines klar: Er wird dafür sorgen, dass der Kriegsverbrecher Wagner seine gerechte Strafe erhält. Zur Not auch im Alleingang gegen alle.

›Rattenlinien‹ ist – nach ›Tage der Nemesis‹ (2014), in dem die Leser dem 25 Jahre jüngeren Andreas Eckart schon in den Tagen der Weimarer Republik begegnen konnten – der zweite Roman des Musikers und Schriftstellers Martin von Arndt (Jahrgang 1968) im ars vivendi Verlag. Erneut genau recherchiert – wer tiefer in die geschichtlichen Hintergründe eindringen will, kann das von der eigens für den Roman entwickelten Webseite (www.rattenlinien.de) aus tun –, nimmt er uns über eine spannende Geschichte mit in jene Tage, als nach dem Ende des Dritten Reiches sich die weltgeschichtlichen Gegensätze herauszubilden begannen, welche die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen sollten. Und er zeigt uns mithilfe seiner Hauptperson, dass man sich manchmal um der Gerechtigkeit willen auch gegen die stellen muss, in deren Auftrag man gerade unterwegs ist.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Martin von Arndt: Rattenlinien
Cadolzburg: Ars Vivendi 2016
301 Seiten. 19.- Euro
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