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Ein Stuntman faked seinen Tod

Roman | Ross Thomas: Der Fall in Singapur

Ross Thomas und der Berliner Alexander Verlag – das passt seit anderthalb Jahrzehnten. Von den insgesamt 25 Romanen, die der amerikanische Kultautor zwischen 1966 und 1994 schrieb, sind unter der Regie von Alexander Wewerka in dessen kleinem Berliner Verlagshaus inzwischen 20 erschienen. In wiedererkennbarer, schöner Aufmachung kommt die Reihe daher. Und die meisten Einzelbände bringen den kompletten Thomas-Text zum ersten Mal vollständig auf Deutsch. Nun also Der Fall in Singapur, Thomas‘ einziger Mafiaroman, wie der Verlag betont. Aber ob Mafia- oder Wirtschaftskrimi, Polit- oder Detektivthriller – der 1995 in Santa Monica verstorbene Ross Thomas schrieb immer auf einem Niveau, von dem 90 Prozent seiner Kolleginnen und Kollegen auch heute nur träumen können. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Fall in SingapurEdward Cauthorne hat sich aus dem Stuntman-Geschäft zurückgezogen, nachdem er durch eine Unaufmerksamkeit offensichtlich den Tod eines Kollegen verschuldete. Seitdem betreibt er mit einem reichen Freund in Los Angeles ein kleines Autohaus für original restaurierte historische Luxuswagen unter dem vielversprechenden Firmennamen »Les voitures anciennes«.

Als eines Tages zwei kaltschnäuzige Mafiosi dort auftauchen und ihn zu überreden versuchen, einen Auftrag für eine Washingtoner Szenegröße zu übernehmen, lehnt er zunächst ab, weil er nicht in die Fänge des organisierten Verbrechens geraten will. Erst als ihm klar wird, dass er mit seinem Widerstand nicht nur sich selbst, sondern auch seine Kollegen im Autohaus und deren Familien in Gefahr bringt, setzt er sich ins Flugzeug nach Washington. Zumal seine Aufgabe darin bestehen soll, in Singapur den Mann aufzuspüren, dessen Tod während eines Filmdrehs ihn immer noch belastet: den Ex-Schauspieler Angelo Sacchetti.

Jagd auf einen Totgeglaubten

Aus dem ist nach seiner Wiederauferstehung unter falschem Namen auf den Philippinen und nachdem er die Tochter eines chinesischstämmigen Politikers in Singapur geheiratet hat, eine ziemlich große Nummer geworden. Dazu beigetragen haben offensichtlich auch die Summen, die er als dessen Patensohn von dem Mann erpresst, der ihm jetzt Cauthorne auf den Hals hetzt.  Natürlich will Sacchetti aus vielerlei Gründen mit seinem alten Schauspieler-Kollegen nichts mehr zu tun haben und unternimmt deshalb alles, um ein Wiedersehen zu verhindern.

Aber Thomas‘ Held ist ihm längst nicht mehr allein auf den Fersen. Zu ihm gesellt haben sich der FBI-Mann Sam Dangerfield, der nach »fünfundzwanzig Jahre[n] Kontakt mit Dreckskerlen und Betrügern und Ganoven« endlich einmal einen ganz großen Fang machen will, nämlich den Mafiaboss Joe Lozupone, und die Frau, die sich noch immer für die Verlobte Sacchettis hält, Carla Lozupone, die Tochter von »Amerikas Gangster Nummer eins«, wie sie ihren Vater liebevoll selbst betitelt.

Es ist also genug Konfliktstoff da, wenn Cauthorne, Carla Lozupone und ein vierschrötiger Leibwächter, den ihr der Vater auf den Flug mitgegeben hat – der FBI-Mann Dangerfield gesellt sich erst später dazu, noch später sogar der um seinen Geschäftspartner besorgte Richard Trippet, der bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin zum britischen Fechtteam zählte und wild entschlossen ist, den Freund aus allen ihn bedrohenden Gefahren herauszuhauen –, nach mehrmaligem Umsteigen den Paya Lebar International Airport von Singapur erreichen.

Und viel Zeit vergeht auch nicht, bis die ersten blauen Bohnen fliegen und Ross Thomas‘ gelegentlich ein wenig blauäugig wirkender Held merkt, auf welch gefährlichem Pflaster er da gerade unterwegs ist. Dass sich nebenbei noch eine kleine Affäre mit der alles andere als prüden Carla entspinnt, macht die Sache dabei keineswegs besser. Denn auch mit der ihm scheinbar eigenmächtig nachgereisten Braut hat der seine Finger in etlichen dunklen Geschäften habende Sacchetti noch ein Hühnchen zu rupfen.

Das große Zittern

Souverän und mit viel Humor – auch wenn bei der Jagd auf einen Totgeglaubten nach und nach doch etliche Leichen anfallen – inszeniert Ross Thomas seine Geschichte. Eine Geschichte, die sich, je weiter sie fortschreitet, ohne dass Edward Cauthorne sein ihn seit der bösen Täuschung durch Sacchetti einmal pro Tag befallendes, unkontrollierbares Zittern loswird, immer wendungsreicher präsentiert. Wie sie am Ende ausgeht, soll hier nicht verraten werden.

Nur so viel zum Schluss: Wer sich die kleinen, schön aufgemachten Bände der ersten vollständigen deutschen Ross-Thomas-Edition aus dem Berliner Alexander Verlag entgehen lässt, hat wirklich etwas ganz Besonderes verpasst. Denn modernere und sprachlich unverbrauchtere Klassiker als die Bücher des 1995 Verstorbenen, der sich erst mit 40 Jahren entschied, eine Karriere als Schriftsteller zu starten, gibt es nicht.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Ross Thomas: Der Fall in Singapur
Aus dem amerikanischen Englisch von Wilm W. Elwenspoek
Bearbeitet von Jana Frey und Gisbert Haefs
Berlin: Alexander Verlag 2019
320 Seiten. 16.- Euro
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