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Schwere Versuchung

Kinderbuch | Dorit Linke: Fett Kohle

Wer träumt nicht davon, auf einen Schlag viel Geld zu haben? Mit Geld lassen sich Probleme spielend lösen. Das ist allerdings auch ein Traum. Hat man unvermutet viel Geld in der Hand, fangen die Probleme erst richtig an. Niklas kann ein Lied davon singen. Von MAGALI HEIẞLER

Dorit Linke - Fett KohleLeicht ist es nicht, zehn Jahre alt zu sein, mit der arbeitslosen Mutter, deren nicht arbeitendem Freund und kleinen Geschwistern aufzuwachsen. Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Wenn Geld da wäre, könnte man z.B. zu Papa nach Mallorca fliegen. Einen neuen Computer kaufen und ein tolles Smartphone. Den Zwillingen etwas Schönes schenken. Obwohl die Kleinen nerven und ‚nur‘ Halbgeschwister sind, mag Niklas sie nämlich. Im Unterschied zu deren Vater. Den würde Niklas zu gern hinauswerfen. Auch das ließe sich mit Geld lösen. Niklas träumt.

Eines Abends wird der Traum Realität. Auf der Straße gleich vor dem Haus ereignet sich Aufregendes und Geheimnisvolles. Als Niklas der Sache nachgeht, findet er einen richtigen Schatz. Allein wird er damit nicht fertig, also vertraut er sich dem besten Freund Felix an. Das erweist sich als gute Entscheidung. Felix ist skeptisch, was Schätze angeht, die durch die Luft geflogen kommen.

Niklas möchte das Geld unbedingt behalten. Es stellt sich jedoch heraus, dass es von einem Raubüberfall stammt. Unseligerweise kommen die Täter Niklas auf die Spur. Damit wird es richtig, richtig ernst.

Nicht nur ein Krimi

›Fett Kohle‹ ist ein nahezu perfekter Krimi für Kinder. Er ist spannend, entwickelt bald rasantes Tempo, hat einen sympathischen Helden, überraschende Verwicklungen und die richtige Mischung für wildes Herzklopfen und erlösendes Gelächter. Dazu ist er so penibel lokal in einem Berliner Bezirk verankert, dass er sich wegfuttern lässt wie eine Tüte Popcorn. Die Stärken führen jedoch dazu, dass man dieses kleine Buch leichtfertig in der Schublade »Nette Unterhaltung« ablegt und bald vergisst.

Tatsächlich erzählt dieser Kinderroman noch eine andere Geschichte und deswegen lohnt es sich, die Neuauflage genauer in Augenschein zu nehmen. Worum es im Kern geht, ist die Verlockung des Gelds. Es ist das große Ziel der Haupt- und wichtigen Nebenfiguren. Jeder will es erreichen, jeder möchte möglichst viel davon. Gleich, ob man Gutes damit tun oder sich bereichern will – die Frage, woher das Geld stammt, stellt sich niemand. Es geht nur um die vermeintlichen Versprechungen, die Geld abgibt. Es bringt, so lockt es, Glück, Macht, Freiheit. Wer es nicht hat, muss sich schämen.

Niklas lebt in einem Viertel, in dem einfache bis hin zu armen Menschen zuhause sind. Trinker, Obdachlose, Dealer, Junkies auf den Straßen gehören zum Alltag. Unter den Jugendlichen gibt es Banden, die Mitgliedschaft ist heiß begehrt. Wer nicht dazugehört, hat schlechte Karten im Alltag. Die Versuchung, der Niklas ausgesetzt ist, ist sehr groß für einen Zehnjährigen.

Auch wenn es recht verhalten kommt, muss man Linke hoch anrechnen, dass sie die Sprache darauf bringt, dass Geld hart erarbeitet wird. Dass ein Diebstahl andere schädigt. Und dass man sich nicht schämen muss, wenn man kein Geld hat. Niklas’ Umdenken ist ein langsamer Prozess, Linke macht ihn gut verstehbar für ihr junges Publikum. Es gibt manchen Schreckmoment für den kleinen Helden, er hat viel Angst durchzustehen, bis er zu Verstand kommt. »Wieder«, muss man sagen. Denn Niklas ist ein herzensgutes Kerlchen.

Sozialromantik

Da Krimis, noch die allerblutigsten und düstersten, trotzdem Sprösslinge der romantischen Literatur sind, fehlen die Ingredienzien natürlich auch hier nicht. Tatsächlich versinkt vor allem der Schluss in knallrosa Sozialromantik. Doch auch bei der Rettung des gestrandeten George ist das eigentliche Agens wiederum Geld. Es ist nicht allein Niklas’ Einsatz für George, sondern der Umstand, dass jemand dafür bezahlt, dass er wieder nach Hause kommt, der die Lösung bringt.

Auch in Niklas’ Familie wendet sich einiges zum Besseren. Die endlich in Angriff genommene Arbeitssuche der Mutter wird nicht geschönt und auch ein paar Gründe für ihr mangelndes Selbstvertrauen werden angerissen. Die Realität blitzt immer wieder auf. Es treten Figuren auf, die so grundehrlich sind, dass man fast stutzt, so ungewohnt ist das. Und so gewöhnt wurde man daran, dass die eine und andere Unterschleife bedeutungslos sei. Das gilt auch für die Frage nach Verantwortung und Verantwortlichkeit. Am Ende erweist sich, dass Geld keineswegs das Wesentliche ist. Niklas, und nicht nur er, bekommt, was ihm wirklich fehlt. Zuwendung, Aufmerksamkeit und echte Unterstützung, vor allem von seiner Mutter. Der grandiose Showdown auf dem Flugfeld bringt all diese Facetten zu einem Bild zusammen, bunt, wirbelnd, laut und trotzdem eine Einheit. Niklas’ Erlebnis mit dem ganz, ganz großen Geld gibt so manchen gewichtigen Denkanstoß.

Anbiedernd gerät der kurze Teil der Handlung, in dem ein Pressevertreter auftreten darf und unsere Helden in der Zeitung verewigt werden. Kritiklos werden selbst die schlimmsten Produkte der Boulevardpresse aufgeführt, Hauptsache Ruhm und Ehre winken. Auch das Mobbing-Problem löst sich zu leicht, aber einige Träume träumt man eben unverzagt und unentwegt weiter. Der Epilog ist rosig, hält aber die Illusion von Echtheit durchgängig aufrecht, was vor allem an Niklas’ sehr überzeugender Stimme liegt.

Erwähnt werden muss unbedingt die Covergestaltung. Auch hier lohnt es sich, genau hinzusehen. Es ist hinreißend, was man einer einfachen braunen Ledertasche mit altmodischen Klickverschlüssen zaubern kann.
Ein Kinderkrimi mit erstaunlichem Tiefgang, also, den man mit Gewinn neu entdecken oder wiederlesen darf.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Dorit Linke: Fett Kohle
Bamberg: Magellan Verlag 2018
206 Seiten 11 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
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| Webseite der Autorin

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