Der Tod spielt Trompete

Roman | Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka

»Inmitten der zusammengestürzten Welt – menschliche Skelette mit Musikinstrumenten. Der Tod spielt Trompete. Felix erwacht. Er schwitzt. Er zittert.« Sätze, die wie Nadelstiche unter die Haut gehen und beinahe ähnliche Schmerzen bei der Lektüre von Hans-Joachim Schädlichs neuem Roman Felix und Felka bereiten. Der inzwischen 82-Jährige, der oft (und nicht zu Unrecht) als Meister der sprachlichen Reduktion gefeiert wurde, hat wieder einmal unter Beweis gestellt, dass er mit knappen, schlanken Sätzen auf wenigen Seiten mehr auszudrücken versteht, als in vielen opulenten Romanwälzern steckt. Von PETER MOHR

Der gebürtige Vogtländer, der 1976 zu den Unterzeichnern des Aufrufs gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann gehörte und danach in der DDR zur persona son grata erklärt wurde, hat sich dem beschwerlichen Lebensweg des aus Osnabrück stammenden jüdischen Malers Felix Nussbaum (1904-1944) gewidmet, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Felka Platek (1899-1944) in Auschwitz den Tod fand.

Schädlich bevorzugt Momentaufnahmen, die er erzählerisch in den Fokus rückt und die dank seiner stilistischen Meisterschaft für sich sprechen. Als Nussbaum 1933 als Stipendiat der Villa Massimo von seinem Künstlerkollegen Hans Hubert von Merveldt geohrfeigt wird, spürt man sogleich, dass der lange Arm der Nazis bis nach Rom reicht.

Nussbaum reist ab, die Barbarei macht auch vor der Kunst und den Künstlern nicht halt. Felix und Felka wandern kreuz und quer durch Europa, sie fühlen sich gleichermaßen fremd wie ausgestoßen. Das Misstrauen gegenüber Fremden wird zum ständigen Reisebegleiter. In Belgien findet das Künstlerpaar für geraume Zeit einen Zufluchtsort, emotional auf einer Berg- und Talfahrt – getrieben von einem diffusen Gemisch aus Angst und Hoffnung.

Viele ihrer Freunde wählen den Weg nach Palästina als einzige Überlebensmöglichkeit. Der Osnabrücker Freund Fritz Steinfeld fordert das Paar geradezu flehend auf: »Kommt mit nach Palästina, kommt mit!« Doch Felix entgegnet abweisend: »Ach, Fritz. Vielleicht kommen wir ins Land. Aber was können wir dort machen. Landarbeiter im Kibbuz sein. Malen nicht.«

Nussbaum wähnte seine Kunst lange Zeit als eine Art Schutzschild gegen den braunen Ungeist, zumindest für einen individuellen Rückzugsort: »Als Kind wollte ich unter vielem Malen mal wieder ein Stück Kuchen haben. Die Bitte wurde abgelehnt mit den Worten: ›Mal dir Kuchen!‹ Das habe ich dann getan, und er hat mir besser geschmeckt als der im Bäckerladen. So mach ich’s noch heute.«

1943 entstand schließlich noch sein weltbekanntestes Gemälde »Selbstbildnis mit Judenpass«, das einen Gesichtsausdruck präsentiert, der von Ratlosigkeit und Verzweiflung geprägt ist. Ein Blick, der ins Leere geht – möglicherweise den drohenden Tod voraus ahnend. »Am Vormittag zwei belgische Polizisten. Sie nehmen Felix fest. »Warum?« sagt Felix. Feindlicher Ausländer.‘ Felka sagt: »Blödsinn. Wir sind keine Feinde von Belgien. Unser Feind heißt Hitler.«

So relativ simpel und doch nachdrücklich und unter die Haut gehend kann Literatur funktionieren. Sätze von Beckettscher Kargheit, und Worte so scharf wie Rasierklingen. Wenn es noch eines Nachweises bedurfte, dass Hans Joachim Schädlich ein Meister seines Fachs ist: Hier ist er mit Felix und Felka.

| PETER MOHR

Titelangaben
Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka
Reinbek: Rowohlt Verlag 2018
194 Seiten, 19,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schwere Versuchung

Nächster Artikel

Nicht Final, aber Fantasy

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Psychoanalyse einer Gesellschaftsarchitektur

Roman | António Lobo Antunes: Ich gehe wie ein Haus in Flammen António Lobo Antunes ist Mediziner, ein Psychiater, der seine Patienten zu durchschauen sucht. Persönliche Schicksale erklären sich oft durch die Geschichte einer Gesellschaft. Was der Arzt diagnostiziert, verarbeitet der Autor zu verstörenden und zersetzenden Historiengemälden. In ›Ich gehe wie ein Haus in Flammen‹ begegnet die hoffnungslose Sprachlosigkeit einer ganzen Nation der packenden Geschichte von Einzelnen, die immer wieder nur scheitern können. VIOLA STOCKER darf einer Sitzung beiwohnen.

Retter, Götter, Romantiker

Roman | Annette Mingels: Dieses entsetzliche Glück

Sie heißen Amy und Aiko, Tessa und Tara, Robert und Basil. Dieses entsetzliche Glück ist das unerreichbare Ziel, dem sie unentwegt entgegenhecheln, egal ob sie Bücher schreiben, Häuser verkaufen oder Anthropologie studieren. Annette Mingels hat mit ihrem neuen Buch einen hellsichtigen Episodenroman verfasst, der sich tief in die Befindlichkeiten unserer Gesellschaft gräbt. Für die Lektüre sollte man sich Zeit zu lassen. Von INGEBORG JAISER

Sich dem Tod entgegenstellen

Roman | Oliver Bottini: Im weißen Kreis. Ein Fall für Louise Boní Louise Boní ist wieder da. Das ist eigentlich ein Grund zur Freude. Denn die Freiburger Polizistin ist eine der interessantesten Gestalten im deutschsprachigen Krimi unserer Tage. Und ihr Autor einer der feinsten Stilisten, die man in der Thrillerecke finden kann. Doch abgesehen von der Tatsache, dass Im weißen Kreis für Boní-Einsteiger ein paar unüberwindbare Verständnishürden enthält, hat Bottini diesmal auch ein bisschen zu viel gewollt. Von DIETMAR JACOBSEN

Das Britzeln der Synapsen

Roman | Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Mit seinem mehrteiligen autobiographischen Zyklus Alle Toten fliegen hoch brillierte der doppelbegabte Joachim Meyerhoff sowohl erzählerisch wie schauspielerisch. Sein neuester Band Hamster im hinteren Stromgebiet zeigt, wie schnell sich mit einem Schlag das Blatt wenden kann. Oder, in typischem Meyerhoff-Tonfall: »Von der Rampensau zum sterbenden Schwan war es nur ein Katzensprung«. Von INGEBORG JAISER

Wenn die Seele gefriert

Roman | Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald Der Niederösterreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker ist trotz seiner gerade einmal 34 Jahre längst weit mehr als nur ein Geheimtipp in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Als der auf dem elterlichen Bauernhof in Eberstalzell aufgewachsene Autor 2008 mit dem schmalen Roman Der lange Gang über die Stationen debütierte, wirkte diese Prosa über das bäuerliche Leben in der Provinz wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Von PETER MOHR