Western von gestern, heute gesehen

Comic | Paolo Eleuteri Serpieri: Tex – Der Held und die Legende

Der langlebige Comic-Westernheld Tex bekommt regelmäßig Sonderbände von renommierten Künstlern verpasst. In ›Tex – Der Held und die Legende‹ hat sich Comic-Altmeister Paolo Eleuteri Serpieri dem Recken angenommen. Und ist damit zu den Ursprüngen seiner Comic-Karriere zurückgekehrt. Von CHRISTIAN NEUBERT

Paolo Eleuteri Serpieri: Tex – Der Held und die LegendeGelbe Hemden hatten im Wilden Westen Hochkonjunktur. In jenem Wilden Westen, wie er in Europa erfunden wurde, lange noch vor den Spaghetti-Western. Denn der Western war und ist eine Schublade, die auch in Comicform bis zum Bersten gefüllt wird.

So reitet der einsame Cowboy Lucky Luke schon seit 1946 im gelben Hemd von Belgien aus gen Sonnenuntergang. Zwei Jahre nach Lukes erstem Abenteuer sattelte dann ein italienischer Westernheld im gelben Hemd auf, der ebenfalls bis heute den Staub der Prärie atmet. Im Gegensatz zu seinem belgischen Kollegen kann er zwar nicht schneller als sein Schatten schießen, aber für seine Gegner langt´s trotzdem. Und derer gibt es reichlich, Wilder Westen, kennt man ja. Sein Name ist Tex Willer. Erdacht hat ihn Gian Luigi Bonelli.

Langlebiger Westernheld

Tex ist ein Held, wie er im Bilderbuche steht, sein Werdegang kann sich mehr als sehen lassen. Er beginnt seine Karriere als Outlaw, wird Texas Ranger und schließlich, nachdem er Lilith, die Töchter des Häuptlings eines Navajo-Stammes heiratet, selbst zum Häuptling. Die Ureinwohner Nordamerikas kennen ihn als »Adler der Nacht«, seine Gegner fürchten ihn von Arizona bis Wyoming. Sein Colt sitzt locker, sein Herz am rechten Fleck. Er tötet nur aus Notwehr, und falls nicht, dann nie den Falschen.

Klar: Um so einen Typen ranken sich Legenden. Und Legenden wollen genährt werden. Daher wird parallel zur eigentlichen Tex-Comicreihe eine Sonderserie veröffentlicht, in der sich ausgewählte internationale Comic-Künstler dem langlebigen Helden annehmen. Auch Comic-Altmeister Paolo Eleuteri Serpieri hat sich dem noch altmeisterlicheren Recken angenommen. Und ist mit ›Tex – Der Held und die Legende‹ zu seinen Comic-Zeichner-Wurzeln zurückgekehrt. Denn bevor Serpieri mit seiner legendären Figur Druuna zum ›Meister des Arsches‹ avancierte, war auch er als Zeichner im Western zu Hause.

Eine Legende und ihr Mythos

Der Clou von Serpieris Sonderband: Er lässt einen Reporter in ›Tex – Der Held und die Legende‹ auf dessen besten Freund Kit Carson treffen, der – inzwischen ein seniler alter Greis – in einem New Yorker Sanatorium seinem Ende entgegenblickt. Er erzählt dem Schreiberling seine Version von Tex´ Geschichte: Eine bleihaltige Wildwest-Räuberpistole, eine simple Rache-Story, mit einem Tex Willer, der bereit ist, es selbst mit Hundertschaften aufzunehmen. Und dabei problemlos besteht.

Die Erzählung einer Erzählung ist naturgemäß ein doppelbödiges Spiel. Genau darum geht es Serpieri, der zum Ende des Bandes gar eine dritte Ebene ins Rennen bringt: Wo hört die Wahrheit auf, wo fängt sie an, sich der Legende unterzuordnen? Nicht umsonst verweist Boselli in seinem Vorwort auf John Fords Westernklassiker ›Der Mann, der Liberty Valance erschoss‹: »Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende«.

Indem all das bei der Lektüre zum Tragen kommt, erlangt der eigentlich sehr fokussiert erzählte Band einen Überbau, der auch Leser überzeugt, die sich ansonsten weniger vom Western-Genre angezogen fühlen. Zumal Serpieris detailverliebte Zeichnungen nach wie vor über jeden Zweifel erhaben sind. Es ist schön zu wissen, dass die Furchen, die seine Tuschestriche in die Haut seiner Protagonisten graben, sich wohl nie durch computergenerierte Splash Pages ersetzen lassen. So gesehen erscheinen dann auch die obligatorischen Bonusseiten des Comics, die Skizzen, Coverartworks und Reinzeichnungen mehrerer Seitenlayouts präsentieren, als willkommene Dreingabe.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Paolo Eleuteri Serpieri: Tex – Der Held und die Legende
Aus dem Italinischen von Monja Reichert
Stuttgart: Panini 2016
64 Seiten. 16,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Wikipedia-Eintrag über den Helden Tex Willer
| Homepage von Serpieris bekanntester Heldin Druuna

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Reiko Himekawa ermittelt

Nächster Artikel

Wie wir uns ernähren wollen

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Experimentierfreudige Singles und Töchter

Comic | Mawil: The Singles Collection / Flix: Schöne Töchter Von den ›Tagesspiegel‹-Sonntagsseiten in longplayergroße Sammelbände: Mawils ›The Singles Collection‹ und Flix‘ ›Schöne Töchter‹ belegen den hohen Standard einer recht überschaubaren deutschen Comic-Szene. CHRISTIAN NEUBERT ist in beide verliebt. In die Singles. Und in die schönen Töchter.

Unter Sündern

Comic | J.Muñoz/C.Sampayo: Alack Sinner

Die im Avant-Verlag erschienene Gesamtausgabe der vielfach prämierten Crime Noir-Comicreihe ›Alack Sinner‹ kompiliert erstmals alle 20 Storys um den New Yorker Privatdetektiv in deutscher Übersetzung. Die Straßen New Yorks werden da zur Echokammer der jeweiligen Fälle – und plätten die Leser*innen mit wimmelnder Wucht. Von CHRISTIAN NEUBERT

In Frankfurt wird nicht mehr für Comics getrommelt

Comic | Das Comic-Zentrum auf der Frankfurter Buchmesse 2014 Unser Rundgang über die Frankfurter Buchmesse mit speziellem Blick auf Comics ist schon Tradition. Aber die Messe 2014 hat mit einigen Traditionen gebrochen. Comics haben einen drastischen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. So stellte sich jedenfalls die Lage für Messebesucher ANDREAS ALT dar.

Seinerzeit in Taiwan

Sean Chuang: Meine 80er. Eine Jugend In Taiwan   Comiczeichner und Werbefilmer Sean Chuang blickt zurück: Der im Zürcher Verlag Chinabooks zweisprachig veröffentlichte Band ›Meine 80er. Eine Jugend In Taiwan‹ möchte anhand biographischer Comic-Episoden einem Lebensgefühl in einer Zeit des Umbruchs nachspüren. Von CHRISTIAN NEUBERT

Ein gruseliges Vergnügen

Comic | Ralf König, Mary Shelley: Frankenstein

Der Comic-Zeichner Ralf König hat in der Reihe ›Die Unheimlichen‹ des Carlsen Verlags eine Graphic Novel vorgelegt, die sich frei an dem britischen Schauerroman ›Frankenstein‹ von Mary Shelley orientiert. Ihm ist ein eigenständiges Werk gelungen, welches gattungstypische gruselige und für König typische humoristische Elemente verbindet. Von FLORIAN BIRNMEYER