Die Kunst als Ausweg

in Comic

Comic | Tom Tirabosco: Wunderland

Was macht ein Comiczeichner, dem die Ideen für einen neuen Graphic Novel fehlen? Richtig: Er zeichnet seine Autobiographie, am besten seine Kindheit. Zumindest scheint das bei dem schweizerisch-italienischen Künstler Tom Tirabosco der Fall zu sein, der seine relativ banale Kindheit in dem Comic ›Wunderland‹ verfasst hat, sie aber dafür mit tollen Zeichnungen und interessanten Stilmitteln präsentiert. PHILIP J. DINGELDEY hat sich den Comic angeschaut.

Comic WunderlandTirabosco erzählt klassisch-chronologisch die Geschichte seiner Kindheit: begonnen dabei wie sich seine Eltern kennenlernten, darüber wie er mit zwei Geschwistern aufwuchs und durch den Vater die Liebe zum Zeichnen, besonders von Landschaften, entdeckte. Der eigentlich wichtigste Protagonist ist aber weniger der kleine Tom, der als Erzähler fungiert und in dessen Gedankenwelt uns Einlass gewährt wird, sondern dessen jüngerer Bruder Michel. Dieser wird mit nur einem Bein und Stümpfen statt Armen geboren, und seine Entwicklung ist wesentlich interessanter: Geboren als lebenslustiges Baby, das mit der Liebe der Eltern aufwächst und besonders zur Mutter eine innige Beziehung herstellt, wird er zu einem aggressiven Kind, der sich weigert, Armprothesen zu tragen und die anderen Kinder nicht nur durch sein Äußeres abschreckt, sondern die Rolle des Anderen, des Exkludierten, durch Gewalt respektive Aggressivität kompensiert und seine Mitschüler und Geschwister in Angst versetzt, bis er schließlich mit der Panflöte die Vorliebe für ein Musikinstrument entdeckt, für das er keine Hände braucht. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Brüdern ist, dass sie glauben, ihr Heil in der Kunst zu finden.

Wieder einmal werden eine schwere Kindheit und die Entwicklung des Menschen gezeigt, und der Ausweg ist die Phantasie beziehungsweise die Kunst, die Flucht in ein Wunderland. Das klingt zwar alles ganz nett, aber damit reiht sich der Plot neben die vielen anderen Familiencomics ein. Es gibt unzählige dieser Stories, sodass ›Wunderland‹ gar nicht so wunderbar aufregend ist, sondern lediglich eine inhaltlich wenig kreative Neuaufbereitung eines allzu bekannten Topos, mit kaum Überraschungseffekten oder Wendepunkten, geschweige denn einer erwähnenswerten Dramaturgie; im Gegenteil: Die Geschichte ist sehr berechenbar – und zwar inklusive der Aussprache zwischen den Brüdern am Ende als Männer etc. Nicht jeder Künstler muss seine Autobiographie verfassen, nur weil etwas in der Kindheit anders war.

Der väterliche Teufel und ein Gespräch mit Tizian

Was den Band dafür lesenswert macht, ist die zeichnerische Aufbereitung. Tiraboscos Schwarz-Weiß-Zeichnungen wirken in der Rahmenhandlung, wenn Tirabosco als Erwachsener in die Retrospektive und Reflexion geht, etwa wesentlich reifer als in den Passagen der Haupthandlung. Die Sicht auf die Ereignisse wirkt dabei also bildlich oft kindlicher, was man an den groben, dicken Linien, den meist großen Nasen und den überspitzt dargestellten optischen Attributen der Protagonisten erkennen kann. Die Darstellung erfolgt also nicht auktorial, sondern schon zeichnerisch spielt der Faktor der kindlichen und subjektiven Wahrnehmung eine entscheidende Rolle. Es ist Tiraboscos persönliche Geschichte, und er hat keinen absoluten Wahrheitsanspruch, sondern schildert nur als junger Tom das Subjektive, nimmt Michel etwa als psychisch stärker wahr, als dieser de facto ist.

Und während die meisten Seiten durch eher kleine Bilder sowie viele Panels auffallen und dabei oft statisch wirken, haben vor allem die Phantasieszenen eine große allegorische Ausstrahlungskraft. Hier werden die Zeichnungen größer, oft verschwindet die Rahmung der Panels und die Bilder gehen fließend ineinander über, die Figuren schweben dabei quasi in einem weißen Raum, teils wird die Schwerkraft aufgehoben; in der Phantasie ist alles offen, kein Rahmen beschränkt, die Realität dekonstruiert sich selbst, die Grenzen der Vernunft, der gesellschaftlichen Struktur werden von Emotion und Innenleben Toms überschritten.

Und während die meisten Szenen eher zur Langeweile einladen, haben es die Phantasieszenen in sich. Hier offenbart sich auf infantile bis surreale Weise – und mit einer nötigen Portion an Humor und Selbstironie – der eigentliche Geist Tiraboscos, nämlich seine kindlichen Gefühle, Wünsche und Ängste, während die Handlung verfremdend zum Stehen kommt und zeichnerisch kommentiert wird: ob Tom nun mit dem italienischen Maler Tizian diskutieren muss, oder ob er sich in seinen künstlerischen Aufgebehren gegen den patriarchalen Maskulinismus als Schmetterling und den Vater als lustigen, aber auch cholerischen Teufel malt, oder ob er sich in die Handlung der Malereien seines Vaters begibt und etwa eine gekreuzigte Robbe ihn sterbend darauf hinweist, dass er einmal ein Öko werden wird.

Zugegeben: Die dynamischen, kraftvollen und phantastischen Zeichnungen von ›Wunderland‹ machen den Graphic Novel durchaus lesenswert. Einmal mehr beweist Tirabosco, dass er in seiner speziellen Art ein außerordentlicher Comic-Künstler ist. Leider kompensiert das die inhaltlich flache Aufbereitung der Autobiographie nicht gänzlich. Der Leser muss schon per se ein Faible für Kindheitserinnerungen haben, um die grandiosen Zeichnungen genießen zu können, ohne dass die Handlung sie banalisiert.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Tom Tirabosco: Wunderland
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg
Berlin: Avant Verlag, 2017
Gebunden, 134 Seiten, 24,95 Euro
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