Gottes chaotischer Garten

Comic | Ville Ranta: Paradies

Der finnische Comiczeichner Ville Ranta wird als einer der kreativsten Köpfe seines Landes gepriesen. Seine erste Veröffentlichung hierzulande ist leider die etwas belanglose Bibelparodie Paradies, von der BORIS KUNZ sich etwas mehr erhofft hatte.
Villa Ranta - Paradies
Adam ist ein ziemlich verheulter Jammerlappen, der für nichts, was er anstellt, so richtig Verantwortung übernehmen möchte. Gott ist ein jähzorniger alter Mann, der seine Geschöpfe, deren unbedingte Liebe und Zuneigung er eigentlich haben möchte, mit sinnlosen Geboten und Strafen traktiert. Das ist soweit noch nicht einmal etwas Neues, sondern darf mit gutem Recht als direkt dem Buch Genesis entnommene Personenbeschreibung gelten, wenn man die eigenartige Vorlage nur wörtlich genug nimmt.

Etwas mehr dichterische Freiheit nimmt sich der Comic dann bei Eva, die gewitzt, sexy und einigermaßen selbstbewusst rüberkommt, wenn sie in der Eröffnungssequenz des Albums quasi den Sex erfindet – denn um irgendwelche langweiligen Äpfel geht es in dieser Geschichte nur am Rande. Auch der Widersacher in Gestalt einer Schlange wird zur völlig marginalen Nebenfigur degradiert, stattdessen tauchen noch ein paar Cherubim auf, nervige Rubensputten, die mit DDR-Grenzermützen auf dem Kopf den Eingang zum Garten Eden bewachen, sowie der Tod in Gestalt des üblichen Sensenmannes. Er ist eigentlich die einzige Figur in diesem Hin und Her, die im Umgang mit der ihr von Gott zugedachten Rolle wirkliche Souveränität an den Tag legt.

Chaos mit Liebe zum Detail

Mit diesem Personal erzählt Ranta auf 72 Comicseiten seine einigermaßen freie Interpretation der Geschichte von Adam und Eva. Seine nicht umrandeten Panels wirken dabei ebenso unfertig und chaotisch, wie die Gesamtsituation im Garten Eden den Beteiligten dieser Geschichte vorkommen mag. Die Zeichnungen sehen aus, als wären sie schnell mit Tusche hingeworfen anschließend mit Aquarellfarben ein wenig konzeptlos koloriert worden. Doch in den Zeichnungen steckt mehr Mühe, als man ihnen auf den ersten Blick anmerken soll, gerade die Kolorierung verrät ein geschultes Auge für Farbkomposition und eine große Liebe zum Detail. Das ist schon Illustration und nicht nur schnelle Karikatur.

Ebenso lebendig wie die Zeichnungen ist der Erzählfluss, sind die Interaktionen und Dialoge der Figuren. So hat man das überschaubare Bändchen rasch durchgelesen – und bleibt doch ein wenig ratlos zurück, was der ganze Zauber nun eigentlich sollte.

Sekt mit Orangensaft

Parodien biblischer Stoffe und insbesondere der Genesis sind in unserem heutigen Kulturleben wirklich keine Mangelware, und auch wenn an seiner Kunstfertigkeit sicher nichts auszusetzen ist, hat Ville Ranta diesem Kanon mit diesem Werk nicht viel hinzuzufügen. Er weicht zwar von der Vorlage ab, aber nicht genug, um eine wirkliche Neuinterpretation vorzulegen. Er bemüht sich zwar darum, Gott und die anderen als widersprüchliche Figuren zu zeichnen, kann damit aber weder Funken sprühende Komik noch menschliches Drama erzeugen. Er zeichnet die Grenze zwischen Eden und der Welt zwar als Anspielung auf die Berliner Mauer, bleibt aber ansonsten neuen Symbolebenen fern. Er zeigt Adam und Eva zwar beim Sex statt beim Apfelessen, mag aber trotzdem auf den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens nicht verzichten. Kurz gesagt: Der Comic hat einige interessante Ansätze, verfolgt aber keinen davon konsequent bis zum Ende, sondern bleibt bei einer Ansammlung netter Einfälle, die sich an einem der bekanntesten Mythen unseres Kulturkreises entlang hangelt.

Wenn man mir diesen Vergleich verzeiht, so ist das Büchlein in etwa wie ein Glas Sekt mit Orangensaft: Ist ganz lecker, prickelt ein bisschen, hat aber zu wenig Inhalt, um Durst zu löschen, und zu wenig Alkohol, um einen Zustand von Betrunkenheit auszulösen.

Als Empfehlungsschreiben für ein Comic-Genie ist das dann leider noch etwas mau. Aus dem Klappentext erfährt man, dass Ville Ranta bereits mit dem französischen Wunderknaben Lewis Trondheim zusammengearbeitet hat. Das passt, denn eine gewisse Ähnlichkeit im Stil ist durchaus vorhanden. Dass Ranta dem umtriebigen Meister Trondheim allerdings das Wasser reichen kann, müsste hierzulande erst noch mit ein paar anderen Werken aus seiner Feder bewiesen werden.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Ville Ranta: Paradies (Paratiisisarja). Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.
Berlin: Reprodukt Verlag 2012
72 Seiten, 16 Euro

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