Die Freiheit der Existenz

Comic | M.Ramadier/ A.Depommier: Sartre. Une existence, des libertés

Es gibt wohl kaum einen Philosophen, dessen privates Leben enger mit dem eigenen denkerischen und dichterischen Œuvre zusammenhängt, als den französischen Existenzialisten Jean-Paul Sartre. Unzählig sind daher die Biographien und TV-Dokumentationen über diesen sozialistisch-atheistischen Humanisten mit bourgeoiser Attitüde, gerne auch mit Fokus auf seine offene Beziehung mit der Feministin Simone de Beauvoir. Etwas Spezielles haben sich aber die Texterin Mathilde Ramadier und der Zeichner Anaïs Depommier vorgenommen, nämlich eine biographische Graphic Novel über den Philosophen zu kreieren: ›Sartre. Une existence, des libertés‹. PHILIP J. DINGELDEY hat das Portrait in Sprechblasen gelesen.

Anaïs Depommier, Mathilde Ramadier - SartreIm Galopp geht der Comic durch die Phase der Kindheit Sartres, seiner Liebe zu Büchern, über sein Studium der Philosophie, seiner intellektuellen und sexuellen Liebe zu Simone de Beauvoir, die er nur anerkennend »Castor« nennt, ersten philosophischen Entwürfen des Imaginären, bis zu seinem journalistischen Engagement in der Résistance. Kurz beleuchtet werden seine sexuellen Beziehungen und seine Freundschaften zu anderen Künstlern und Philosophen wie Albert Camus oder Boris Vian. Alle bedeutenden Werke Sartres finden hier ihren Platz: Von philosophischen Standardwerken, wie ›Das Sein und das Nichts‹ oder ›Der Existenzialismus ist ein Humanismus‹, über bekannte Theaterstücke, wie ›Die Fliegen‹, oder auch seine psychologischen Analysen von Charakteren wie Sigmund Freud, Gustave Flaubert oder auch sich selbst, etwa in ›Die Wörter‹, oder Romane, wie seiner unvollendeten Reihe ›Die Wege der Freiheit‹. Schließlich endet das Werk mit seiner Ablehnung des Literaturnobelpreises. Nur die letzten Seiten zeigen seine Beerdigung zwanzig Jahre später und die gefüllten Straßen von Paris, voll an Menschen, die ihm die letzte Ehre erweisen, um »gegen seinen Tod zu demonstrieren«.

Die beiden Comic-Biographen haben sich ein anspruchsvolles Projekt vorgenommen: Ein solch bewegtes Leben und intellektuell anspruchsvolles Œuvre in einer Graphic Novel von circa 150 Seiten zu porträtieren ist ein Ziel, das scheitern muss. Dennoch ist das Buch nicht schlecht gemacht.

Simplifizierung und Pathos

Denn Ramadier hat einige Lösungen gefunden, um ein volles Leben textuell in der Comicform zu komprimieren und zu gliedern. Etwa wählt sie nicht nur den Erzählermodus und den Dialogmodus, sondern lässt auch die Gedanken von Sartre und Beauvoir zu Wort kommen und macht diese farblich kenntlich. Auch gelingt es ihr, zumindest die Grundthesen so mancher bedeutsamer philosophischer Ansätze und Werke zusammenzufassen, wobei zuweilen diese entweder allzu simplifiziert dargestellt werden oder für Unkundige unverständlich wirken. Dafür gelingt es ihr, den Grundgedanken des französischen Existenzialismus zu fassen: Den der philosophischen bedingungslosen Freiheit und der damit verbundenden Verantwortung, ohne eine andere maßgebende Einheit als der Mensch selbst und ergo ohne metaphysische, psychologische oder naturwissenschaftliche Determination – ohne dabei das bekannte und überstrapazierte Sartre-Zitat »Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt« bemühen zu müssen und in der Folge die sozialistischen, sexuellen und humanistisch-atheistischen Positionen Sartres daraus zu deduzieren.

Dieses Herunterbrechen auf Kernstücke von Leben und Werk des großen Philosophen ist aber wohl das inhaltliche Grundproblem dieser Graphic Novel. Dieser Faktor wird für ein Nischendasein dieses Buches sorgen, eine in diesem Fall determinierte Existenz, die nur einem esoterischen Kreis intellektuell zugänglich sein wird, nämlich einem in Sartrebelangen kundigem Publikum, das diese Figur per Comic erneut entdecken möchte. Beispielsweise wird Vieles nur angeschnitten oder mit unauffälligen und heimlichen Anspielungen eingebaut. Zum Beispiel, dass der Musiker und Schriftsteller Vian Sarte immer Jean-Sol Parte nennt, so wie er ihn in seinem Roman ›Der Schaum der Tage‹ ebenfalls tituliert.

Das sorgt zwar bei Sartrefans für ein nettes Suchspiel nach versteckten Ostereiern und Insiderscherzen, erschwert aber das Verständnis des Buches für Einsteiger mit nur wenigen Grundkenntnissen. Als einführendes Porträt ist dieser Comic ergo tendenziell ungeeignet, zumal die unvermeidlichen Mängel hier noch mit einem emanzipativen und anrührenden Pathos partiell überdeckt werden.

Zwischen Karikatur und Realismus

A.Depommier, M.Ramadier - Sartre
A.Depommier, M.Ramadier – Sartre. Abb: Egmont Verlag
Ästhetisch reißt aber Depommier mit seinen Zeichnungen noch einiges heraus. Mit einer matten, nostalgisch und retrospektiv wirkenden Farbgebung taucht er in das Leben der Pariser Avantgarde ein und zeigt atmosphärisch und affirmativ das Kaffeehausleben der Intellektuellen, die durch Ereignisse wie dem Zweiten Weltkrieg oder dem Unabhängigkeitskampf Algeriens, aus der Reserve geholt werden. Oder ihre Freundschaften aufkündigen, beispielsweise im Kasus von Camus und Sartre wegen der Algerienfrage.

Sehr fein und überspitzt zeichnet er die Hauptprotagonisten. Sartre und Beauvoir sind ihm gut gelungen. Er, extrem schielend, klein, mit riesigen Lippen, die ständig an der Pfeife ziehen, und sie mit einer überlangen Nase. Depommier laviert elegant zwischen Karikatur und Realismus hin und her und macht auch seltene Ausflüchte in den Surrealismus, wenn es den Machern des Comics um die Absurdität der Existenz geht.

Vor allem männliche Nebencharaktere gelingen ihm dafür weniger gut, denn diese wirken meist zu einheitlich und es fällt schwer, diese optisch gleich gestalteten Figuren zu unterscheiden. Etwa sehen der Philosoph Maurice Merleau-Ponty und der Schriftsteller Camus mit ihrem schwarzen krausen Haar im Comic nahezu identisch aus, besonders da andere optische Charakteristika nicht besonders filigran herausgearbeitet wurden.

Es war eine grandiose Idee von Ramadier und Depommier, sich das Leben des Philosophen in Comicform anzunähern. Für die Leser, die dem esoterischen Zirkel angehören, in dem die Vorlieben für Comics und Sartre kongruent sind, wird es sicherlich eine Freude mit Mankos sein, diese Graphic Novel zu lesen – obgleich für diese Leserschaft dann eher wenige der behandelten Ereignisse und Daten neu sein dürften, sondern dem Ganzen einen künstlerisch-nostalgischen Charakter verleihen. Andere Leser werden sich aber schwertun mit dem Comic ›Sarte‹. Die sollten vielleicht eher auf eine der vielen Bio- oder Monographien zurückgreifen.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Mathilde Ramadier (Text)/ Anaïs Depommier (Zeichnungen): Sartre. Une existence, des libertés
Aus dem Französischen von Anja Kootz
Köln: Egmont Verlag 2016
Gebunden, 160 Seiten, 24,99 Euro
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