Die Mücke und die Weltgeschichte

Sachbuch | Timothy C. Winegard: Die Mücke

»Es dämmert bereits, und für die Stechmücke ist nun Abendessenszeit.« In diesen schönen, ersten Sommertagen sind sie wieder da, abends, wenn man gemütlich im Garten sitzen will, oder nachts, wenn man einschlafen will und jene kleinen Tierchen sich unüberhörbar dem Kopfkissen nähern: Mücken. Dass man über dieses Thema ein derart umfangreiches Buch schreiben kann, das erstaunt, fasziniert zunächst und macht ziemlich neugierig, zumindest BARBARA WEGMANN.

Die Muecke - 9783990550229Was für ein Werk über jene zarten, schlanken, kleinen, nervtötenden und nicht selten Krankheiten übertragenden Insekten und Plagegeister mit ihren »stechend- saugenden Mundwerkzeugen«. Alle Achtung. Hat sie so viel Zuwendung tatsächlich verdient? Sie werden die Antwort nach über 600 zum größten Teil wirklich sehr spannenden Seiten ganz sicher finden. 600 Seiten, die sich überwiegend wie ein Krimi lesen, leicht und unterhaltsam geschrieben sind. Und: die alles andere darstellen, als ausschließlich das biologische Porträt eines blutsaugenden kleinen Vampirs.

Über 600 Seiten, die weit, weit ausholen, in Geschichte und Kultur, die ausgiebige Exkursionen unternehmen, über Kriege und soziale Missstände berichten und immer schwirrt sie zwischen den Zeilen, ist direkt oder indirekt Schuld, die Mücke: »Wir befinden uns im Krieg mit der Mücke. Eine schwärmende und blutrünstige Armee von 110 Billionen feindlicher Stechmücken patrouilliert über jeden Quadratzentimeter des Globus, mit Ausnahme der Antarktis, Island, der Seychellen…«

Die Stechmücke, so konstatiert der Autor habe mehr Menschenleben auf dem Gewissen als jede andere Todesursache in der Menschheitsgeschichte. Den Bogen schlägt der studierte Historiker, dessen Spezialgebiet – wie passend – die Geschichte des Militärs ist, vom alten Rom der Antike über die Kreuzzüge, den Kolonialkriegen, der Staatenentwicklung in Nord- und Südamerika bis zu den beiden Weltkriegen und der heutigen Situation. Dafür muss man sich etwas Zeit nehmen, aber es lohnt sich und wie gesagt, es liest sich wie ein Krimi, schließlich wurden schon im 4. Jahrhundert v. Chr. Überlegungen laut, zur Verteidigung in feindlichen Tunneln stechende Insekten freizulassen.«

2010 wurde auf einem Kongress von Stechmücken-Experten in Florida, so schreibt Winegard, das Thema »Maßnahmen gegen eine bio-terroristische Ausbringung mit Pathogenen infizierter Stechmücken« diskutiert. Kriege, so mutmaßt Winegard, hätten möglicherweise ein anderes Ende gehabt, wären nicht viele unheilbare Krankheiten übertragen worden, von Mücken. Malaria, Dengue, das West- Nil- Fieber oder Zika sind wohl die bekanntesten. Mücke gegen Mensch, keine Panzer, keine Waffen, nur kleinste Tiere mit sägeähnlichem Angriffswerkzeug.

Milliarden werden jährlich für die Forschung in Sachen Mücke ausgegeben, für ein Insekt, das seit 190 Millionen Jahren die Erde beherrscht, das am liebsten die Blutgruppe Null sticht, aber auch die anderen, und immer ist es das Weibchen. Der Klimawandel übrigens begünstigt die weitere Ausbreitung dieser Spezies mit den damit zusammenhängenden Krankheitsgefahren. Erste bedenkliche Untersuchungen kommen aus Japan.

Bei allen Fakten, die zur Vorsicht mahnen, die aufklären und höchst interessant ohnehin sind, bleibt Winegard auch ein versöhnlicher Satz: »Im andauernden Krieg unserer Welt gegen die Naturgesetze des Dschungels ist uns die Mücke vielleicht durchaus ähnlich. Schließlich versucht auch sie nur, zu überleben.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Timothy C. Winegard: Die Mücke
Das gefährlichste Tier der Welt und die Geschichte der Menschheit
Elsbethen: Terra Mater Verlag 2020
624 Seiten, 32 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Unter falscher Flagge

Nächster Artikel

These Girls

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Wege öffnen

Gesellschaft | Jean Ziegler: Ändere die Welt! »Jedes System der Selbstinterpretation – jedes kulturelle System, jede Ideologie, jede Religion – verhüllt, verbirgt, lügt und enthüllt zugleich«. Stimmt. »Was am meisten verborgen wird, ist besonders wahr«. Besser kann man es nicht sagen. Von WOLF SENFF

Barocke Augenfreuden

Kulturbuch | Kathrin Hofmeister: Küchengärten. Die Lust am schönen Nutzen Der Boom von Zeitschriften, die das schöne Landleben betrachten, legt nahe, dass es uns ein echtes Bedürfnis ist, in Zeiten wachsender Betonberge, Geist und Hände im satten Grün zu erden. Darüber hinaus reiht sich die Lust am Garten ein in den neuen Trend, Dinge selbst zu machen und zu gestalten. Denn es geht in der gängigen Gartenliteratur weniger um die Natur als um die Freude an der Gestaltung derselben. Kathrin Hofmeister hat gemeinsam mit den kongenialen Fotografen Ulrike Romeis und Josef Bieker einen liebevoll gestalteten Bildband über ›Küchengärten‹ verfasst. VIOLA

Alchemie: Die Suche nach Gold und spiritueller Weisheit

Sachbuch | David Brafman: Die Kunst der Alchemie – eine Weltgeschichte

 
Rückblickend betrachtet versprach die Alchemie wohl einfach zu viel: unedle Metalle in Gold zu verwandeln, Elixiere, die lebensverlängernd wirken, Erleuchtung, für diejenigen, die sich mit ihr beschäftigten. All diese Zusicherungen konnte die Alchemie unmöglich einlösen. Aber Alchemisten entdeckten einige nützliche Techniken, unter anderem für Kunst und Kunsthandwerk. Von MARTIN GEISER

Wir sehen uns im Wirtshaus

Sachbuch | Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung für Bier

»Gutes Bier ist zu einer Hälfte Wissenschaft, zur anderen Hälfte Kunst«, sagt einer, der es wissen muss. Doch für den Schriftsteller Jaroslav Rudiš ist auch viel Neugier, Kommunikation und Weltoffenheit im Spiel. Seine ›Gebrauchsanweisung für Bier‹ lässt sich gleichermaßen als literarisches Reisebuch wie Geschmackverführer genießen, als eine Einladung, europäische Landstriche über die Tradition ihrer Bierbrauerei zu erleben. Von INGEBORG JAISER

»Was machen wir aus unserem Leben? «

Menschen I Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll

Sie sind zwei der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll. Sie waren auch persönlich miteinander befreundet. Über diese Freundschaft ist jedoch nur wenig bekannt. Nun liegt der gemeinsame Briefwechsel vor, der lange unter Verschluss gehalten wurde: ›Was machen wir aus unserem Leben?‹ 122 Briefe sind es, 58 von Bachmann und 64 von Böll. Den ersten davon schrieb Bachmann im Dezember 1952 an den »lieben Heinrich«; er war die Antwort auf einen (verlorenen) Brief Bölls, mit dem dieser den Briefwechsel eröffnete. Vielleicht bedankte er sich darin bei Bachmann für eine Rezension seiner Erzählung ›Der Zug war pünktlich‹ in der österreichischen Kulturzeitschrift ›Wort und Wahrheit‹. Von DIETER KALTWASSER