/

Es soll so bleiben, wie es war!

Gesellschaft | Peter Hahne: Das Maß ist voll

Es sind Kontroversen, die das aktuelle Schaffen des ehemaligen ZDF-Journalisten Peter Hahne begleiten. Er stehe gedanklich der AfD nahe, lautet einer der Vorwürfe, der unter anderem vom Medienjournalisten René Martens vorgetragen wird. Das war BASTIAN BUCHTALECK nicht bekannt, als er Hahnes neuestes Buch ›Das Maß ist voll. In Krisenzeiten hilft keine Volksverdummung‹ las. Und so war er nach der Lektüre ganz unvoreingenommen in seinem Eindruck, das Buch eines rechts-liberalen Autors gelesen zu haben.

Bigotte Politiker…

Ein Porträtfoto, das den Autor, Peter Hahne, zeigtIn dem Buch wettert Hahne gegen ziemlich viele Dinge, insbesondere aber gegen abgehobene Politiker, die Wasser predigen und Wein trinken. »Die Höchstform von Verachtung der Demokratie und Demokratie-Gefährdung ist es, sich selbst nicht an die Maßstäbe zu halten, die man dem Volk oktroyiert.« Diese Position wird zwar von der AfD für sich reklamiert – das allein spricht die Politik jedoch nicht von dem Vorwurf frei.

Wenn Hahne der Politik vorwirft, bigott zu sein, dann denkt er dabei unter anderem an Ursula von der Leyen und Fritz Kuhn, die sich beide Kurzstreckenflüge gönnen, aber dazu raten, den Zug zu nehmen. Er denkt an die vielen CSU-Größen, die Aufrichtigkeit und Nächstenliebe predigen, aber an Maskendeals oder spendablen, aber zweifelhaften fernen Ländern verdienen.

… scheinheiliger Journalist

Gleichzeitig zeigt sich in einer Anekdote, wie leicht man selbst zu scheinheiligem Verhalten verführt wird.

Er berichtet, wie er 2002 im Wahlkampf zwischen Schröder (SPD) und Stoiber (CDU/CSU), als sich Mitte August die Hochwasserkatastrophe ereignete, ein Interview mit dem konservativen Politiker führen sollte. Zunächst lobt Hahne sein eigenes journalistisches Ethos: »Würde ich mich nicht an das journalistische Ethos von Vertraulichkeit halten, ich könnte dieses Buch nahtlos füllen mit Details, wie das damals wirklich abgelaufen ist.«

Bloß um diesen keine fünf Zeilen später einzureißen: »Wir rieten Stoiber dringend, auf uns und nicht jenen Berater zu hören.« Hahne wollte damals mit seinem Team in den Wahlkampf eingreifen, indem er und sein Team Stoiber drängten in die Katastrophenregion zu reisen. So viel zu journalistischem Ethos und unabhängiger Berichterstattung!

Alles soll so bleiben, wie es war

Hahne kritisiert einige Dinge zurecht. Die Politik war im Hinblick auf Corona wenig durchdacht und schon gar nicht stringent. Man muss ihm auch ein gutes Stück weit Recht geben, wenn er den Mainstreammedien in Bezug auf Corona ihre Funktion als vierte Gewalt abspricht. Das war lange Zeit sehr willfährig. Aber Peter Hahne schießt in seinem Buch ›Das Maß ist voll‹ häufig über das Ziel hinaus und zwar meist dort, wo er seine eigenen mentalen Barrieren nicht erkennt.
Hahne kritisiert, dass die Überschwemmung im Sommer 2021 im Ahrtal von der Politik als ein Klimawandel-Ereignis eingeordnet wird (er wettert überhaupt viel gegen den Gedanken des Klimawandels). Dazu führt er frühere Überschwemmungen, etwa im 17. Jahrhundert oder 1910 an, um der Politik Versagen vorzuwerfen. Hahne meint, die Politik hätte die Menschen schützen sollen, etwa indem Dämme gebaut werden. Dass Menschen mehr oder weniger bewusst im Überschwemmungsgebiet leben, blendet er zugunsten seiner Argumentation schlicht aus.

Er motzt gegen die Abschaffung der Currywurst bei VW, weil er darin nur Greenwashing des Konzerns erkennen kann. Hahne sieht nicht, dass weltweit drei Viertel der landwirtschaftlichen Anbaufläche für Tierfutter verwendet wird. Es soll so bleiben, wie es war.

Hahne wettert gegen eine Kirche, die Mitgliederschwund hat und zunehmend bedeutungslos wird. Aus seiner Sicht, weil sie nicht mehr genug Kirche ist. Tatsächlich glauben wohl zunehmend weniger Menschen an Gott oder zumindest zunehmend weniger Menschen glauben daran, dass eine solche Kirche eine würdige Vertretung ist. Es soll so bleiben, wie es war.

Hahne teilt aus gegen Wokeness, gegen Gender-Sternchen, gegen den Islam und gegen zu viele Migrantenkinder in der Grundschule. Teilweise stellt sich die Frage, ob das Geschriebene noch Meinung ist oder schon Satire. Hauptsache alles bleibt, wie es war.

Der blinde Punkt des alten, weißen Mannes

Hahne erkennt nicht oder erkennt nicht an, dass eine sich verändernde Welt auch sich verändernde Verhaltensweisen braucht. Er sieht sich einer Welt verpflichtet, in der es noch keine Ressourcenknappheit gab. Eine Welt, die es so nicht mehr gibt.

Darin liegt Hahnes fundamentaler blinder Punkt. Alles, was geschrieben ist, ist besitzstandswahrend. Die Kirche soll bleiben. Fleisch essen in Mengen soll bleiben. Die Sprache soll bleiben. Flugreisen und das Klima sollen bleiben. Es ist keine Anpassung zu erkennen an eine sich wandelnde Welt.

Zwar gibt sich Hahne selbst wiederholt als weißer, alter Mann zu erkennen. Leider reicht die Erkenntnis des Autoren nicht darüber hinaus. Es ist genau diese Sorte alter, weißer Mann, die als hässliche Fratze wahrgenommen wird: man tut Dinge aus Gewohnheit, weil sie schon immer so waren und nicht, weil sie als gut erkannt werden.

Am Ende, falls man sich von den geschliffenen Worten gefangen nehmen lässt, ist man voller negativer Gefühle, gar Wut. Man sieht Missstände. Aber der Fehler liegt bei den anderen. So muss man nicht anpacken, um etwas besser zu machen.

Fazit

Letztlich ist das Buch ›Das Maß ist voll‹ dieselbe Volksverdummung, die es angreift. Bloß von einer politisch anderen Richtung. Statt links-liberal eben rechts-liberal. Wer derart kompromisslos und mit viel Enthusiasmus schreibt und zugleich nicht offen genug denkt, bewegt sich gefährlich nahe an der Demagogie.

Dieses Gesicht des weißen alten Mannes ist mit ursächlich dafür, dass der Kampfbegriff des weißen alten Mannes überhaupt notwendig ist. Das soll nicht so bleiben. Das muss geändert werden.

| BASTIAN BUCHTALECK

Titelangaben
Peter Hahne: Das Maß ist voll
In Krisenzeiten hilft keine Volksverdummung
Quadriga 2022

Reinschauen
| Leseprobe

6 Comments

  1. Herr Hahne, ich habe mit grossem Interesse das Interview gehört, das R. Zeller mit Ihnen geführt hat. Ich habe Sie bisher nicht gekannt: Dass Sie 10 Mio Bücher verkauft haben, beweist, dass Sie die ein begnadeter Kommunikator sind und die deutsche Sprache wirklich beherrschen. Dass sie aufgrund Ihrer Erfolge so von sich selber überzeugt sind. versteht sich von selbst. Aber ich bin nicht so sehr von Ihrer „Unfehlbarkeit“ überzeugt wie Sie. Ihr Motto „Nur die Wahrheit macht frei.“ tönt sehr gut, überzeugt mich aber keines wegs voll, vor allem wegen zwei „Nebenbemerkungen“, die aber offensichtlich zwei Hauptaussagen versteckt enthalten: 1. Sie haben so ganz nebenbei kurz behauptet, irgendwo in Deutschland seien Sie von einer Flut von Plakaten für die Hamas geradezu ¨überhäuft worden. Für mich versteckte sich darin Ihre Hauptaussage: Die israel. Regierung tut gut daran, diese Hamas-Terroristen auszumerzen und ich (PH) unterstütze Net. Politik: Das ist kein Völkermord, sondern die legitime Selbstvertedigung eines bedrohten Volkes. Habe ich das richtig herausgehört? Wenn ja, wo bleibt „Ihre“ Wahrheit?! 2. Sie haben ebenfalls en passant den Kriegsverbrecher und Massenmörder H. Kissinger in den Himmel erhoben, weil er im Alter so weise geworden sei. Die Tatsachen, dass er für Millionen von Toten hauptverantwortlich ist, wollen Sie – genau gleich wie RKöppel – als blosse Behauptung resp. Bagatelle abtun: Auch heir wieder meine gleiche Frage wie zuvor. Ich habe Ihr neustes Buch dennoch bestellt, weil mich das Massenphänomen P.H. sehr interessiert. Aber noch mehr interessieren mich Ihre Antworten auf mein Mail. Mit sehr kritischen Grüssen aus der Schweiz J.G. Grandson

  2. Schlechteste Kommentierung ever.
    Buchtaleck hat sich mit der Sachlage in D gar nicht auseinandergesetzt, lebt in einer Blase.
    Verstehe nicht wie man so blauäugigen Mist schreiben kann.
    z.B.: mal vorab das Buch der Jahrhundertcoup lesen.

  3. In dem Buch wird alles auf den Punkt gebracht! Leider gibt es so viele Bürger und Politikfreunde, die alles schön reden!
    Die Demokratie ist verloren und damit die gesamte Ordnung! Gute Nacht Deutschland, ich kann hier nicht mehr leben!

    Danke Peter Hahne

    • Die Demokratie ist nicht verloren, Sie steht und so viele haben seit Potsdam für sie demonstriert. Wer so undifferenziert analysiert und auch noch feige die Flucht ergreift: „…ich kann hier nicht mehr leben!“ ist kein Gewinn für die Demokratie.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Max findet einen Schatz: eine neue Freundin

Nächster Artikel

Maritimes Kaleidoskop

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Westlich imperialer Lebensstil

Gesellschaft | Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren Verhängnisvoll dürfte vor allem sein, dass wir uns in einem sich selbst immer wieder neu präsentierenden Prozess befinden, der uns mit funkensprühenden Ideen überschüttet, technische Revolutionen eins bis x, die doch nur stets denselben elenden Prozess fortsetzen, über den wir offensichtlich die Kontrolle verloren haben – was ist zu tun. Von WOLF SENFF

Die Forschung hebt ab

Kulturbuch | Volker Roelcke: Vom Menschen in der Medizin Nein, Schmerzen, das wäre nicht so sehr meins. Wenn ich versuche, einen Nagel in den Tisch zu schlagen, wird mich das nicht zum Fachmann in Sachen Schmerz befördern. Doch das Thema ist aufschlussreich, es wirft die Gewichtungen der medizinischen Forschung über den Haufen, und das ist offensichtlich gut so. Von WOLF SENFF

Einige ziehen blank, andere Bilanz

Gesellschaft | Ulrike Heider: Vögeln ist schön »Sexualität ist gefährlich und schmutzig. Sexualität ist gut und sorgt für Frieden. Sexualität ist weiblich. Sexualität ist Identität. Sexualität ist Macht und kommt vom Verbot. Sexualität ist Verhandlungssache.« Das ist der Sex der letzten fünfzig Jahre. Vieles wurde verworfen, einiges wiederholt. Fasziniert von der Gegensätzlichkeit der Beschreibungen begibt sich Ulrike Heider in ›Vögeln ist schön‹ auf die Suche nach dem Sexualbegriff ihrer eigenen Lebenszeit. Während der Betrachtung der wichtigsten sexualpolitischen Ereignisse und der Analyse philosophischer Klassiker, zeitgenössischer Literatur und Filme, kommt sie nicht umhin ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Mit der Würze

Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten!

Sachbuch | Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns

Ohne die Worte »Wendeverlierer« und »Treuhand« lässt sich die Deutsche Wiedervereinigung laut Petra Köpping nicht beschreiben. Denn für die sächsische Integrationsministerin stehen die beiden Begriffe symptomatisch für die Umwälzungen der Nachwendezeit, insbesondere im Osten der Republik. In ihrem Sachbuch ›Integriert doch erst mal uns!‹ schlägt die SPD-Politikerin einen großen Bogen von der friedlichen Revolution, den folgenden runden Tischen, über die Ernüchterung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung bis in die heutigen Tage zu Pegida und AfD. Auf fast 200 Seiten stellt Köpping dar, aus welchen Gründen im Osten Deutschlands die Wende als Kränkung wahrgenommen wird und welche Auswirkungen dies hat. Von BASTIAN BUCHTALECK

Dicht an der Quelle

Gesellschaft | Glenn Greenwald: Die globale Überwachung Mit ›Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen‹ hat Glenn Greenwald das wohl wichtigste Buch zum NSA-Skandal geschrieben. Von JAN FISCHER