Im Tollhaus

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Im Tollhaus

Wie sinnlos es sei, die Dinge ändern zu wollen, wutentbrannt möchte man alles hinschmeißen. Farb stöhnte auf.

Was sollte Tilman darauf auch antworten. Er schwieg, griff zur Teekanne und schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie besaßen das Service seit einigen Jahren, er hatte es als ein Geschenk mitgebracht, ich erwähnte es mehrfach, das Drachenmotiv verlieh den Tassen einen kraftvollen Zug mitten hinein ins Leben, und Annika war auf Anhieb begeistert gewesen, ein Glücksfall.

Der Mensch sei irre geworden an dieser Welt, er finde sich nicht zurecht, der Alltag sei ein Labyrinth, klagte Farb und warf einen Blick hinüber nach dem Gohliser Schlößchen, nicht ein einziger Weg, sagte er, führe hinaus, keine Chance, und je zorniger jemand gegen die Malaise angehe, desto haltloser werde er sich verstricken.

Da heule sich jemand aus, dachte Tilman verärgert, solle er doch in die Politik gehen.

Dein Rechner grüße dich mit einem aufmunterndem »Willkommen«, dein SUV bewege sich ›autonom‹ über Land, Intelligenz sei gar als ›künstliche‹ im Angebot, ChatGPT ›verfasse‹ Texte – ein Wirrwarr an der Oberfläche, daß es dich aus den Schuhen reiße, doch womöglich, ergänzte Farb, sei das die Absicht und man solle das lustig finden, Spaß muß sein, sich neue Wege bahnen wie der irrlichternde Autokrat in den USA, sein verwegenes Projekt werde ihm auf die Füße fallen.

Annika nahm einen Keks, eins Vanillekipferl, doch der Geschmack hatte nachgelassen, kein Wunder, der Preis für Vanille war auf dem Weltmarkt stark gestiegen.

Nein, nicht lustig, dachte sie, keineswegs, die westlichen zivilisierten Standards seien in Auflösung begriffen, Millionen trieben kreuz und quer über den Planeten, Millionen litten Hunger, eine Wende sei nicht absehbar, was für ein Tollhaus.

Farb schenkte Tee nach, der Drache, Long, war ein bärtiges Wesen mit dem Leib einer mächtigen Schlange, vier Beine mit je nach Rang und Bedeutung bis zu fünf Zehen, wußte Farb, er hatte viele Bücher über Drachen gelesen, sie galten in China als ein Glückssymbol, der Thron des Kaisers hieß Drachenthron, Farb hatte die farbenfrohe Wand der neun Drachen in Datong gesehen, der Drache war einst gemeinsam mit dem Fenghuang-Vogel unter dem Kaiserpaar ein Symbol für Himmel und Erde gewesen, viel gerühmt wurden auch Drachenkönige wie Ao Guang, der mächtige Herrscher des Ostmeeres, Farb hätte eine Menge zu erzählen.

Empörend, sagte Annika und nickte ihm zu, zudem gefährdeten schillernde Gestalten, Oligarchen, Krösusse die Grundlagen des Zusammenlebens, Putins Krieg zerstöre jahrzehntelang gewachsene Infrastruktur: Spitäler, Schulen, Elektrizitätswerke, Verkehrswege, Brücken, er führe einen vernichtenden Feldzug, ein Hasardeur, und, wie es schien, ohne die Absicht, einen Weg nach draußen zu öffnen.

Wette war amüsiert. Es gebe keinen Weg hinaus, sagte er, man müsse sich mit Hausmitteln arrangieren.

Tilman schwieg. Was konnte man tun, die Probleme nahmen überhand, morgen schon mochte sich der Vorhang ein für allemal senken, die Premiere war ausgelaufen, das tat der Stimmung keinen Abbruch, Applaus wurde im Bedarfsfall von einem Tonträger eingespielt, Rezensenten verließen mißmutig ihre vorderen Reihen, und die Lasten waren erdrückend, wohin der Blick auch fiel, allein ein schmales Teilchen Caesium 137, Halbwertzeit dreißig Jahre, während eines Transports verlorengegangen, das war gar nicht lange her, und tagelang verzweifelt gesucht, hatte Überlebensängste hervorgerufen und nicht zum erstenmal das morbide Fundament hochspezialisierter industrieller Abläufe bloßgelegt, einen Highway to hell, großes Theater.

Farb erinnerte sich an die Fabel des Versicherungsangestellten aus Prag, genau, wir erwähnten sie mehrfach, sogar dem großen Ramses brachten wir sie zu Gehör, die Fabel von der Katze und von der Maus.

Er griff nach einem Keks, einem Vanillekipferl, und fand, während er hineinbiß, ebenfalls, daß der Geschmack nachgelassen habe, eine Abzweigung ist nicht möglich, auch hier nicht, sagte er, nein, die Lage sei ausweglos, die Perspektive führe schnurgerade und unerbittlich nach vorn, und niemand könne einwenden, er habe nicht davon gewußt, Weichen würden außer Betrieb gesetzt, Geleise stillgelegt.

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Und gesetzt den Fall, es nähme ein Ende mit dieser Zivilisation, ausweglos, wir säßen mittendrin und sähen zu, wie die Bastionen einbrächen, Risse knirschten im Gefüge, die tragenden Pfeiler stünden unter Wasser, sie wankten, was, Tilman, was wäre zu tun.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman griff zu einem Marmorkeks, er hatte Marmorkekse gekauft anstatt der Kipferl, die ihm im Geschmack zu fade geworden waren, seitdem die Preise für Vanille so schamlos angezogen hatten.

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Kirchen, Kathedralen, Dome seien zu Hotspots des Tourismus geworden, sagte Tilman, kein Aufenthalt in Paris ohne Notre Dame, kein Rom-Aufenthalt ohne den Petersdom, absolviert in einer Reisegruppe nebst sachkundiger Führung.

Farb kam aus der Küche und schenkte Tee nach, Yin Zhen, die ersten Oktobertage brachen an, die Temperaturen waren leicht winterlich, doch die Sonne schien, in einem warmen Pullover hätten sie sich beinahe schon auf die Terrasse setzen können.

Anne nahm einen Keks.

Tilman rückte näher an den Couchtisch.

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Ob sie je darauf geachtet hätten, wann die Dämmerung anbreche.

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Der Karttinger werde es recht sein, sagte Wollmann.

Nichts, sagte Nahstoll und winkte ab, kein Problem.

Farb hatte am Vormittag ein Blech Pflaumenkuchen gebacken und tat sich eine Schnitte auf.

Das Haus in der Vendée sei ihre Zuflucht, sagte Setzweyn, ihr Rückzugsort, und es sei absolut verständlich, daß sie peinlich genau achtgebe, wen sie als Besucher einlade.

Sie meide schon das geringste Licht von Öffentlichkeit, sagte Wollmann.

Schwierig, widersprach Nahstoll, ihr Verhalten sei aller Ehren wert.

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Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.