Amerikanisches Rambazamba

Roman | Ross Thomas: Stimmenfang

Mit Ross Thomas‘ ›Stimmenfang‹ beendet der Alexander Verlag Berlin seine verdienstvolle Neuausgabe des literarischen Werks eines Mannes, der zu den wichtigsten Thrillerautoren des 20. Jahrhunderts zählt. Der im Original 1967 unter dem Titel ›The Seersucker Whipsaw‹ erschienene Roman ist die Nummer 2 von 25 Thrillern, die Thomas in seiner zweiten Karriere als Schriftsteller zwischen 1966 und 1991 schrieb. Dass er davor als politischer Journalist, PR-Manager und Wahlkampfberater unterwegs war, ist diesem sich um die ersten freien Wahlen in einer ehemaligen britischen Kolonie in Afrika drehenden Buch durchgehend anzumerken. Wenn sich seine beiden Helden, der PR-Mann Peter Upshaw und der politische Stratege Clinton Shartelle, aufmachen, um den Wahlkampf eines der drei Bewerber für das Präsidentenamt im fiktiven Albertia mit allen Mitteln zu unterstützen, wirkt das so realitätsgesättigt, als gäbe der Autor tatsächlich eigene Erfahrungen wider. Und es hat auch ein gutes halbes Jahrhundert nach seinem ersten Erscheinen weder etwas von seiner politischen Aktualität noch von seiner literarischen Güte verloren, auch wenn es nicht unter die besten Werke dieses Autors zählen dürfte. Von DIETMAR JACOBSEN

Der erfahrene Politstratege Clinton Shartelle hat schon John F. Kennedy bei dessen Wahlkämpfen unterstützt. Nun, da er sich bereits langsam auf einen eher geruhsamen Lebensabend vorbereitet, ruft ihn eine Londoner Agentur noch einmal in den Ring. 30.000 Pfund sollen ihm die Entscheidung leicht werden lassen, einen der drei Kandidaten bei den ersten freien Wahlen im afrikanischen Albertia, Chief Akomolo, einen »richtigen Häuptling« mit »sechs tiefe[n] Schnittnarben […], Male seines Stammes, die man im Alter von sechs Jahren ins Gesicht geschnitten« bekommt, zu unterstützen. Mit allen Mitteln, erlaubten wie verbotenen, soll dem Mann zur Präsidentschaft verholfen werden. Ein »bisschen amerikanisches Rambazamba« darf dabei als Exportgut nicht fehlen. Und wer wäre zu dessen Umsetzung besser geeignet als jener Mann, dem in seiner Heimat der Ruf vorauseilt, »der beste Manager von Kampagnen zu sein, in denen es um Hauen und Stechen geht.«

Experten im Hauen und Stechen

Also stürzen sich Shartelle und der für »das Schriftliche« zuständige Agentur-Mann Peter Upshaw vor Ort in den Kampf, der den »Führer«, wie Chief Akomolo von seinen Vertrauten genannt  wird, zum Sieg über seine beiden Mitbewerber verhelfen soll. Was alles andere als leicht zu werden verspricht. Denn einer der beiden Mitkonkurrenten hat sich eine andere namhafte europäische Agentur, die es nicht gewohnt ist zu verlieren, an die Seite geholt. Und den Dritten im Bunde unterstützt gar die CIA. Schließlich ist Albertia eines der rohstoffreichsten Länder auf dem Schwarzen Kontinent. Wer den Weg des kleinen Landes zur Demokratie und einem Staatsoberhaupt, das dieses Ziel am besten zu repräsentieren verspricht, unterstützt, dürfte auch für sich selbst und die Mächte, die er hier vertritt, das Meiste herausholen.

Als Leser weiß man ziemlich schnell, dass gegen Clinton Shartelles Methoden letzten Endes kein Kraut gewachsen ist. Dass nicht alle seine neuen Freunde an den Maßnahmen, die er nach seiner Ankunft vor Ort ergreift, ihr helles Vergnügen haben, irritiert den mit allen Wassern – den klaren, trüben sowie den vollständig verschmutzten – gewaschenen Politstrategen dabei wenig. Nur dass ein Wahlkampf in einem Land, das gerade dabei ist, seine Kolonialjahre zu beenden und einen ersten Schritt in die Unabhängigkeit zu tun, durchaus auch Unwägbarkeiten enthalten kann, die sich von außenstehenden Beratern nicht managen lassen, haben Shartelle und Upshaw nicht bedacht. Und so kommt es letzten Endes, wie es kommen muss: Die Kampagne ist erfolgreich. Chief Akomolo und die Seinen aber sind es nicht.

Wahlkampf auf Amerikanisch

Ross Thomas hat seinen zweiten Roman aus der Sicht des Mannes geschrieben, der von seiner Londoner Agentur beauftragt wird, für den afrikanischen Job einen der weltweit besten Experten für politische Kampagnen anzuheuern. Peter Upshaw macht sich mit einem umfangreichen Dossier, in dem seine Dienstherren die Stärken und Schwächen des umworbenen Clinton Shartelle aufgelistet haben, auf über den Großen Teich, um den Meister der politischen Intrige zu überzeugen, für viel gutes Geld der Demokratie auf dem afrikanischen Kontinent zum Durchbruch zu verhelfen. Und der nimmt die Sache auch dann noch ernst, als klar wird, dass er in eine geschickt gestellte Falle getappt ist und Kräften an die Macht verholfen hat, für die Profit wichtiger ist als Demokratie.

»Das Land hat zwanzig Millionen Einwohner […], einen der besten Häfen an der Westküste […] Öl, das noch nicht angetastet wurde, Bodenschätze, eine solide Landwirtschaft und eine eingebaute Zivilverwaltung«, versucht Upshaw Shartelle anfangs den Braten schmackhaft zu machen. Der freilich weiß, wie der Hase bei derlei Geschäften läuft: Sollte er Erfolg haben und mit seiner Kampagne Chief Akomolo zur Macht verhelfen, wird es in der Zukunft vorbei sein mit freien Wahlen in Albertia. Das werden die dann Mächtigen nämlich zu verhindern wissen. Allerdings ahnen weder Upshaw noch Shartelle, dass auch eine funktionierende Kampagne nicht immer der Garant dafür ist, dass die gewählte Partei letzten Endes regieren darf.

Ein literarischer Großmeister in den Startlöchern

›Stimmenfang‹ ist nicht Ross Thomas‘ bester Roman. Als zweiter von alles in allem 25 zwischen 1966 und 1994 entstandenen Thrillern kann er das auch gar nicht sein. Einerseits braucht er ein wenig zu lang, ehe er so richtig ins Rollen kommt. Andererseits erahnt man an den Dialogen und den teilweise wunderbar treffenden Beschreibungen der einzelnen Akteure – plastisch, kurz und auf den Punkt –, denen Shartelle und Upshow auf ihrer afrikanischen Odyssee begegnen, aber auch bereits den kommenden literarischen Großmeister.

Dass Thomas die Dinge, über welche er schreibt, aus dem Effeff versteht, ist dabei keine Frage – der erst in seiner zweiten Lebenshälfte sich ganz dem Schreiben Widmende hatte in den 1960er Jahren von einer Londoner Agentur den Auftrag erhalten, die Präsidentschaftskandidatur des Stammesführers Chief Obafemi im unabhängig gewordenen Nigeria zu organisieren. Die in diesem Job gewonnenen Erfahrungen flossen direkt in die erfundene Welt seiner Protagonisten Peter Upshaw und Clinton Shartelle ein. Nur hat sich Thomas letzten Endes aus dem schmutzigen politischen Geschäft an den Schreibtisch zurückgezogen, während er Upshaw wie Shartelle einem Idealismus überlässt, den aufzubringen er selbst irgendwann nicht mehr in der Lage war.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Ross Thomas: Stimmenfang. Ein afrikanischer Wahlkampf
Aus dem amerikanischen Englisch von Gisbert Haefs
Berlin: Alexander Verlag 2025
411 Seiten. 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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