Ich liebe ihn, aber nicht das Leben mit ihm

Roman | Martin Suter: Wut und Liebe

Immer wieder gelingt es dem Schweizer Erfolgsautor Marin Suter, die erprobten Themen – Kunst und Kulinarik, Suspense und Scharlatanerie, Liebesglück und Liebesleid – neu aufzumischen und zu arrangieren. Die Schauplätze seines aktuellen Romans Wut und Liebe wechseln vom karg möblierten Maleratelier zur noblen Zürcher Villengegend. Auf Überraschungen sollte man dabei stets gefasst sein. Von INGEBORG JAISER

Für bekennende Martin-Suter-Fans dürfte es langsam eng werden in den Bücherregalen. Über zwei Dutzend Romane, Krimis und Kolumnenbände hat der verlässlich produktive Zürcher Bestseller-Autor bereits publiziert – viele davon mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, zudem erfolgreich verfilmt oder als Hörbuch eingelesen. Doch worin liegt nur Suters Erfolgsrezept? Ist es das thematisch gelungene Setting aus gehobenem Savoir-Vivre und Kulinarik, windigen Geschäften und Liebeswirren, gewürzt mit einer gut dosierten Prise Spannung und künstlerischer Expertise?

Ein unmoralisches Angebot

Auch Wut und Liebe (wer würde bei dieser Doppelung nicht sofort an Jane Austens Stolz und Vorurteil, Verstand und Gefühl denken?) folgt dem bewährten literarischen Konzept. Mit Anfang Dreißig hat es die Buchhalterin Camilla da Silva endgültig satt, ihren finanziell eher erfolglosen Künstler-Freund Noah Bach mit durchzufüttern – »mit einer Arbeit, die ich hasse, um jemanden zu ermöglichen, einer Arbeit nachzugehen, die der liebt.« Eine Trennung ist die nüchterne Konsequenz dieser Erkenntnis. Auch wenn Noah noch ein monetäres Wunder bei seiner nächsten Vernissage erhofft. Stattdessen führt ihn ein Zufall – den nur ein Autor wie Martin Suter so elegant und stimmig in Szene zu setzen weiß – bei einem abendlichen Kneipenbesuch mit der doppelt so alten, schwer herzkranken Betty Hasler zusammen, die ihm in moribunder Champagnerlaune ein zweifelhaftes Angebot macht. Doch eine Million (man spricht hier von Schweizer Franken) ist nicht von Pappe.

Es geht natürlich um Mord. Der mit einem finnischen Scharfschützengewehr verübt werden könnte (das Suter genauso stilvoll zu beschreiben weiß wie das Interieur eines Appartements oder die Zubereitung eines Coq au Vin) – oder mit anderen perfiden Mitteln. Ein paar Mal wähnt man sich knapp davor. Doch dann driftet im letzten Moment die Handlung ab. So wie die Geschichte mit jedem Kapitel einen Schauplatz weiter springt, wie auf einer Drehbühne im Theater, mal mit Camilla, mal mit Noah als Hauptdarsteller. Zudem mit einigen sorgsam eingestreuten Nebenakteuren, die an ungeahnter, aber strategisch wichtiger Stelle wieder auftauchen. Nebst einigen falschen Fährten und Ablenkungsmanövern, wie sie in jedem Suter´schen Beinahekrimi selbstverständlich mit dazugehören.

Mojitos und Champagner

Bei all den unerwarteten Wendungen und spannungsreichen Thrills nimmt man manche Ungereimtheit und zweifelhafte Szenerie nur allzu gern in Kauf, um den temporeichen Verlauf der Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren. Zum Ausgleich bietet einem der Autor Einblicke in vielleicht noch unerschlossene Welten: in die Mechanismen des Kunstgeschäfts, das Rezept einer gelungenen Gremolata oder den Trick, einen lauwarmen Champagner fachgerecht abzukühlen. (»Sie nahm ihm die Zange aus der Hand und tauchte das Eis langsam ein. Der Champagner schäumt auf, und erst als sich die Bläschen beruhigt hatten, ließ sie die Würfel frei. „So macht man das, sonst schäumt er über.«) Martin Suter gelingt es ohne Mühe, mit vermeintlich einfachen Mitteln Spannung und Atmosphäre aufzubauen, schnörkellos, unprätentiös, doch kultiviert. Das ist feine Unterhaltung.

Und eh man sich versieht, springt die Thematik vom anfänglichen Beziehungsdrama über investigative Recherchen, Whistleblower und Wirtschaftsdelikte zurück zum finalen Liebesglück – zwei Todesfälle inklusive, wenngleich auch ohne Mord. Selbst wenn man als Leser Suters geschickte Kunstgriffe zu durchschauen glaubt, fällt man immer wieder gerne darauf herein. Denn die Gentleman-Gauner seiner Romane tragen viele Namen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Martin Suter: Wut und Liebe
Zürich: Diogenes 2025
304 Seiten. 26 Euro
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