/

New Orleans im Ausnahmezustand

Krimi | James Lee Burke: Sturm über New Orleans

New Orleans im Ausnahmezustand. Nach Hurrikan »Katrina« herrscht das Chaos in der zu drei Vierteln überfluteten Stadt. Fast 2.000 Tote, unzählige Obdachlose und eine US-Regierung, die mit der Katastrophe nicht zurechtkommt, ganze Stadtteile tagelang sich selbst überlässt. In dieser Atmosphäre lässt James Lee Burke (*1936 in Houston/Texas) seinen 16. Dave-Robicheaux-Roman spielen. Es ist sein zornigster und einer, der sich ohne Wenn und Aber auf die Seite jener stellt, die, wie der Autor schreibt, sich mit Recht als die Opfer eines unerhörten Verrats der Regierenden an der eigenen Bevölkerung sehen dürfen. Mit diesem Buch erscheint nach Regengötter (Heyne 2014, Platz 1 Deutscher Krimi Preis international 2015) bereits der zweite Roman von James Lee Burke innerhalb kürzester Zeit. Eine Abstinenz von mehr als einem Dutzend Jahren scheint damit zu Ende zu gehen. Weitere Bücher aus der Robicheaux-Reihe kündigt Pendragon für die nächsten Jahre bereits an – eine mehr als eine gute Nachricht für die Leser hierzulande. Von DIETMAR JACOBSEN

Burke Sturm OrleansWenn James Lee Burke die Atmosphäre jener Tage im Spätsommer 2005, in denen der Hurrikan »Katrina« den Südwesten der USA und besonders New Orleans, die »Wiege des Jazz«, heimsuchte, beschreibt, glaubt man, Augen- und Ohrenzeuge jener Katastrophe zu sein: »Es waren nicht die zahllosen abgedeckten Häuser mit den eingedrückten Fenstern, die sich kilometerweit erstreckten, nicht die Straßen, in denen der Müll schwappte, oder die immergrünen Eichen, die sich durch die Dächer gebohrt hatten. Die völlige Wehrlosigkeit der Stadt war es, die uns überwältigte […] Die ganze Stadt war binnen einer Nacht auf den technologischen Stand des Mittelalters zurückgeworfen worden.«

Präzise und sinnlich kommen diese Sätze daher. Nichts wird verschwiegen, Bild für Bild entsteht vor den Augen des Lesers eine apokalyptische Landschaft, ein Ort der schlimmsten Schrecken mit all seinen entsetzlichen Einzelheiten, Geräusche und Gerüche eingeschlossen.

Dass in einer solchen Welt, in der nichts mehr funktioniert, das Wasser in manchen Stadtteilen an die acht Meter hoch steht, aufgedunsene Leichen in den Straßen, die zu Kanälen geworden sind, treiben, in Kirchen sich die toten Körper von Menschen stapeln, die in der Nähe ihres Gottes Zuflucht gesucht haben, lässt die Hoffnung, dass hier noch eine Macht sei, die sich für Recht und Ordnung einsetzt, kaum aufkommen. Und so fahren sie am Anfang des Romans auch nahezu unbehelligt mit Booten durch die Straßen und brechen in verlassene Häuser ein: Plünderer, die die Gunst der Stunde und die Abwesenheit der Bewohner nutzen, um sich am Eigentum anderer zu bereichern.

Apokalypse im August

Mit vier Kleinkriminellen, die genau das tun und mit einem gekaperten Motorboot auf Raubzug gehen, haben es in Sturm über New Orleans auch Dave Robicheaux und sein schwergewichtiger Freund Clete Purcel zu tun. Allerdings vergreifen sich die vier Farbigen aus Unkenntnis der Gegebenheiten auch am Eigentum des einflussreichen Gangsters Sidney Kovick. Und weil die Beute nicht nur aus einer Menge Falschgeld besteht, sondern auch einige so genannte Blutdiamanten darunter sind, fährt der Mann, der seine krummen Geschäfte hinter der honorigen Maske eines Blumenhändlers verbirgt, gleich die ganz große Artillerie auf, indem er den Dieben zwei vor nichts zurückschreckende Killer hinterherhetzt.

Geschickt und immer wieder die Perspektive wechselnd, verbindet der Roman diesen Handlungsstrang mit der Suche Robicheaux‘ nach einem in der Nacht des Sturms samt seinem Boot verschwundenen Priester und der Aufklärung eines Vergewaltigungsdelikts. Indem den Plünderern just vor dem Haus von Otis Baylor der Sprit ausgeht und zwei von ihnen von Baylors Tochter Thelma als die brutalen Männer erkannt werden, denen sie Tage zuvor ohne die Chance, sich wehren zu können, in die Hände fiel, macht alle Mitglieder der Familie zu Mordverdächtigen. Denn plötzlich fallen Schüsse, die einen der Bootsinsassen töten und einen zweiten schwer verletzen.

Ein Roman mit moralischer Botschaft

Das Gesetz aufrechterhalten auch in Zeiten, wo es drunter und drüber geht – das ist die Mission, der sich James Lee Burkes Cop Robicheaux verpflichtet fühlt. Und so ermittelt er in dem Chaos um sich herum, als hätte der Hurrikan nicht die Grenze zwischen einer Zeit davor und einer danach markiert. Recht und Gerechtigkeit, Loyalität und Empathie – für James Lee Burkes Helden gelten sie, solange es Menschen gibt. Und so stemmt er sich, auch wenn er und seine Familie im Verlaufe der Ermittlungen immer mehr ins Visier der von dem Gangster Kovick beauftragten Killer geraten, mit allem, was er hat, gegen den Einbruch des Gesetzlosen in seine Welt.

Am Ende entlässt Burke seine Leser nicht ohne eine moralische Botschaft. Die ist allerdings ganz individualisiert, auf die Helden seiner Geschichte zugeschnitten. Der Staat, der geschehen ließ, was Sturm über New Orleans auf fast 600 Seiten beschreibt, bleibt ausdrücklich davon ausgenommen. Ihm wird von James Lee Burke der Prozess gemacht mit Sätzen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen. »New Orleans wurde systematisch zerstört«, heißt es da etwa.

Und dass daran nicht allein der Hurrikan Katrina schuld war, unterstreichen der folgende Absatz: »[…] dieses Zerstörungswerk begann Anfang der 1980er Jahre, als die Bundesmittel für die Stadt um die Hälfte gekürzt wurden und gleichzeitig zu Crack verbackenes Kokain Einzug in die Wohlfahrtssiedlungen hielt. Dass man es versäumt hat, vor Katrina die Deiche zu reparieren und hinterher zehntausende von Menschen ihrem Schicksal überließ, hat Ursachen, die ich andere ergründen lassen will. Aber meiner Ansicht nach steht unwiderruflich fest, dass wir mitangesehen haben, wie eine amerikanische Stadt an der Südküste der Vereinigten Staaten zu einem zweiten Bagdad wurde.«

| Dietmar Jacobsen

Titelangaben:
James Lee Burke: Sturm über New Orleans
Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt
Mit einem Nachwort von Oliver Huzly
Bielefeld: Pendragon Verlag 2015
576 Seiten. 17,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Öffentlicher Nahverkehr

Nächster Artikel

Reduzierte Sezierung

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Relikte aus dem Kalten Krieg

Krimi | Oliver Harris: London Underground Nach London Killing (Blessing 2012), dem hochgelobten Debüt des britischen Autors Oliver Harris (Jahrgang 1978), liegt jetzt mit London Underground der zweite Fall für Detective Nick Belsey auf Deutsch vor. Diesmal bekommt es der Mann mit der dunklen Seite seiner Heimatstadt zu tun, muss hinunter in Schächte, geheime Atombunker und vergessene Bahnstationen, um eine Rachegeschichte aufzudecken, die zurückreicht bis in die Hochzeiten des Kalten Kriegs. Spannend, wendungsreich und aktueller, als man denkt. Von DIETMAR JACOBSEN

Weder Sozialkunde noch sonst welche Brille

Film | Im TV: ›TATORT‹ – Deckname Kidon (ORF), 4. Januar 2015 Herr Dr. Bansari fällt auf einen Mercedes, neunziger Jahre, neunhunderttausend Kilometer gelaufen, und löst massive Verwicklungen aus. Wer steckt dahinter? Ist’s eine Spezialeinheit des Mossad? Wir schätzen den ›TATORT‹ aus Wien, der uns die bedrohlich weite Welt aufblättert. Von WOLF SENFF

Oh Mannomann

Film | Im TV: Tatort – Freddy tanzt (01. Feb. 2015) Hikikomori, ja, Menschen, die sich völlig zurückziehen, den Kontakt außerhalb der Wohnung auf absolutes Minimum oder auf Null reduzieren, dann wird ihnen morgens Milch, auch Brötchen und Scheibe Käse von Restfreund oder Familie vor die Tür gestellt. Japan. Das ist schon ein merkwürdiges Haus, auf das Ballauf und Schenk schließlich ihre Ermittlungen konzentrieren. Katja Petersen im obersten Geschoss ist so ein Typ à la Hikikomori, hat aber für ihren Rückzug auch andere Gründe. Von WOLF SENFF

»Horst! Kennst du mich nicht mehr?«

Film | Im TV: Polizeiruf – Hexenjagd, 14. Dezember 2015 So geht’s auch, »sie war die Stärkste und hat alle Jungs verprügelt«, und außer dieser Sekretärin beeindruckt uns eine verhärmt und abgespannt auftretende Schuldirektorin. Über Schule zu reden oder gar einen Sonntagabendkrimi über Schule zu drehen, ist nicht zwangsläufig der Renner, im Gegenteil. Von WOLF SENFF

Utopische Unschuld

Roman | Gunnar Danckert: Mokka Noir Die junge, hübsche Frau betrat ein Büro, in welchem sie sich über vieles wundern sollte. Da war zum Beispiel die Unbekümmertheit des Privatdetektiven, der ein allzu intimes Verhältnis zu seinem Flachmann pflegte, oder dessen Angewohnheit, seine Gehaltsforderungen aus Chandler-Romanen zu rezitieren, oder auch der befremdliche Umstand, dass eine Kochplatte in seinen Tisch eingebaut war. Über eines aber wunderte sich die junge, hübsche Frau nicht: dass der Privatdetektiv Jimmy Risiko ein Hase zu sein beliebte. Von JULIAN KÖCK