Großmacht

in Lite Ratur

Liter Ratur | Wolf Senff: Großmacht

Da ist jemand bemüht, sein Leben anzuhalten, Krähe, verstehst du. Als ob es einen Schalter gäbe, auf den drückst du drauf, stopp, und nun bleibt alles, wie es ist. Nein, verstehst du nicht, Krähe. Also anhalten und endlos in dieser Schleife verweilen, darum geht’s, der Rausch des Erfolgs findet kein Ende, er betäubt so lange, bis der Sensenmann die Bühne betritt.

Mick Jagger, 2008 Abb:  Siebbi / CC BY 3.0
Mick Jagger, 2008
Abb: Siebbi / CC BY 3.0
Der Albatros, Krähe, der wochenlang über dem Ozean fliegt, ohne einen Flügelschlag, allein sich den Stürmen überantwortend, den verschieden warmen Schichten der Lüfte – der mag sich so fühlen, als gäbe es keinen Anfang kein Ende, wenn er um den Planeten fliegt; wir wissen das nicht, Krähe, nein auch du weißt das nicht, sei still, bist du je um den Planeten geflogen, und für den Menschen ist das allemal ein Irrweg.

Im Netz kannst du die Stationen des Abstiegs genau verfolgen, Krähe, das ist positiv am Netz. Grandios spielten sie ›Ruby Tuesday‹ 1967 in Paris und in der Ed Sullivan Show im Januar 67, als ›Between the Buttons‹ erschien. Oder hör Solonummern aus Jaggers ›Primitive Cool‹, auch noch großartig, im Laufe der Jahre gesammelt und 87 herausgegeben.

Aber dann sieh dir seinen Auftritt im Tokio Dome im Februar 90 an, da fehlt schon der metallische Grund, das charakteristische Timbre, die Stimme bricht ein-, zweimal in schmelzenden Bariton. Weshalb tut er sich das an – nein das schiebst du nicht auf die verminderte Qualität der Wiedergabe oder auf die Live-Performance.

Rolling Stones - Konzert im Hide Park, 2013. Abb: Gorupdebesanez / CC BY 3.0
Rolling Stones – Konzert im Hide Park, 2013.
Abb: Gorupdebesanez / CC BY 3.0
Oder ruf den Auftritt aus dem Juli 2013 im Hyde Park auf, da hast du wieder ›Ruby Tuesday‹, Krähe, und du fragst dich, weshalb jemand sich und dem Publikum das zumutet, weshalb tritt einer nicht rechtzeitig ab, weshalb sagte ihm nie jemand, wie peinlich er ist, das Rampenlicht hat ihn um den Verstand gebracht.

Kommt vor, dass einmal ein Auftritt danebengerät, sicher. Aber nach 1990 siehst du nichts als Ausfälle, da zehrt einer, wie sagt man, von seinem Ruf. Er sucht anzuknüpfen, wo er meint, aufgehört zu haben, und muss lernen, dass das nicht möglich ist, die Zeit ist gefräßig, doch er lernt das nicht, er führt uns das Elend des Niedergangs vor.

Hintergrundsänger füllen die brüchigen Phasen, dass du den Eindruck hast, Krähe, seine Kräfte seien überfordert, weshalb tut er sich das an. Auch wenn du ihn einst bewundert hast, seine Stimme, die so kompromisslos war, so jung, so entschieden, mit fast brutalem Ausdruck – wie kann das sein, er erweist sich keinen Gefallen.

Gut, du kannst einwenden, Krähe, ›Sticky Fingers‹ zeige die Stimme in ihrer ausgereiften Qualität, in ›Wild Horses‹ zum Beispiel, oder in ›Sister Morphine‹. Geb‘ ich dir recht, doch denk dran, das war 1971, und, Krähe, weshalb, weshalb immer wieder diese Auftritte, so unerträglich endlos die Auftritte, strahlt denn der Dollar so verführerisch.

Leonard Cohen, 2009. Abb: Stefan Karpiniec / CC-BY-2.0
Leonard Cohen, 2009
Abb: Stefan Karpiniec / CC-BY-2.0
Unüberhörbar sind in den 90ern die Krächzer, die Versuche, die Ausfälle zu überbrücken – was einer mit den Händen aufbaut, reißt er mit dem Hinterteil ein, so geht’s zu. Wenn du mit nüchternem Verstand hinsiehst, steht da ein alter Mann, Krähe, exakt so wie Leonard Cohen, der ebenfalls vor großem Publikum singt, Cohen mit schwächelnd dünner Stimme und geschmeidig überbrückenden Hintergrundchören.

Haut und Knochen einer wie der andere, ausgemergelt, dürr, doch die Medien reden sie schön als fitnessgestählt, als buddhismusgeläutert. Das Haltbarkeitsdatum ihres singenden Personals halten die Veranstalter nicht für überschritten, solange das am Nasenring herbeigeführte Publikum zahlt. Sie stellen uns ausgebrannte Wiedergänger der Erfolge von einst auf die Bühne, sie beschwören graue Vorzeit herauf, nein, die mediale Vermarktung setzt sich keine Schamgrenze, sie präsentiert ein bejammernswertes Schauspiel.

Die zwei betagten Herren sind um die Siebzig, sie sind weiß Gott nicht die einzigen ihr Art, zerbrechliche, klapprige Greise, da hampeln sie auf der Bühne herum, Schatten ihrer selbst, Krähe, im hohen Alter genießt man sonst den Abend im Kreis von Familie und Freunden, verstehst du, den Lebensabend, nur was treibt diese Gestalten so irrlichternd um, so rastlos, so unstet. Sie haben nichts kapiert, Krähe, sie präsentieren sich mit Glanz und Gloria, sie inszenieren eine Großmachtattitude, gnadenlos gegen sich selbst, das tut uns in der Seele weh.

| WOLF SENFF