Freiraum

in Kinderbuch

Kinderbuch | Michaela Holzinger, Andrea Dölling: Beste Brüder

Jeder Mensch braucht einen Freiraum. Dabei ist es egal, ob es sich um einen ganz jungen oder einen älteren Menschen handelt. Wenn man den Freiraum aber zu abrupt beansprucht, kann das problematisch werden. Warum das so ist? Michaela Holzinger erzählt es mit einem kleinen Augenzwinkern, Andrea Dölling hat es kunterbunt ausgemalt. Von MAGALI HEISSLER

Beste-Brueder-BuchcoverBen hat nichts gegen seinen kleinen Bruder. Im Gegenteil stecken die beiden immer zusammen. Die hemmungslose Bewunderung, die der kleine Basti für den Älteren hegt, ist sogar angenehm. Eines Tages, unvermutet und von einem Moment auf den anderen, macht es Ben keinen Spaß mehr. Bastis Art, ihm alles nachzumachen und sich an ihn zu hängen wie eine Klette, reizt ihn und macht ihn am Ende böse. Ben will seine Ruhe, umgehend. Schon hat er das Kinderzimmer besetzt und die Tür zugemacht.

Das Kinderzimmer ist seltsam still. Was immer Ben macht, findet keinen Widerhall. Dann lieber mit dem Fußball in den Garten, allein, versteht sich. Bruderfrei ist ein Genuss!
Spielen im Garten aber hat seine Tücken, wenn man allein ist. Auch das Piratenleben im Baumhaus ist anders, und sogar wenn ein Schulfreund auftaucht zum Spielen, ist das Spiel zu zweit nicht ganz rund. Kann es sein, dass da einer fehlt?
Ben gerät ins Grübeln.

Quirlig

Holzinger erzählt geradlinig, Episode an Episode gereiht, von Bens Erlebnissen im selbst gewählten Freiraum. Formuliert ist die Geschichte einfach, aber keineswegs schlicht. Geschickt gesetzte Pausen steigern die Spannung, sie wirken beim Selberlesen, vor allem aber beim Vorlesen ausgezeichnet. Man kann regelrecht dramatisch werden. Verwendet wird Alltagssprache ohne störende Saloppheiten oder Anbiederei an Kindersprache. Es gibt ein bisschen Sprachspielerei und Ben hat sogar ein lustiges Wort für sich erfunden, das er gern sagt, wenn etwas wirklich gut ist. Basti gefällt das Wort.
Die Figuren sind lebhaft, ihre Quirligkeit teilt sich unmittelbar mit. Es wird gerufen, geschrien, gerannt, getobt, geschimpft und gelacht. Die wenigen stillen Momente dienen der Erkenntnis, bei Ben wie beim Publikum. Erklärt wird nichts, die Veränderung im Denken und Handeln ist der einzige Beleg dafür. Hier ist das junge Publikum gefordert, wie es der kleine Held ist.

Bunte Welt

Die klaren Konturen und die klare Farbgebung, die Andrea Dölling für ihre Illustrationen gewählt hat, strahlen von Anfang an Harmonie aus. Es ist eine bunte, bunte Welt, die durch Schönheit und sanften Witz lockt. Räumlich wird Weite suggeriert, Platz zum Betrachten, Entdecken und eben Nachdenken. Gleich, ob man das Kinderzimmer oder den Garten vor sich hat, gibt es etwas zu entdecken, das Bens und Bastis Welt näher charakterisiert. Kein Spielzeug ist wahllos platziert, das Mienenspiel von Plüschtieren wird geschickt zur Verstärkung der herrschenden Stimmung genutzt, die Hauptfiguren mal ferner, mal ganz nah heran gerückt, um unmittelbare Identifikation zu ermöglichen. Die Kirschen, die auch ihre Rolle spielen, sind ganz hinreißend eingesetzt, es lohnt sich, auf sie zu achten.
Weitere Figuren agieren stumm, nur über Körperhaltung und Mimik, werden aber gleich zu wichtigen Teilnehmern in der Geschichte.

Eindeutigkeit ist angestrebt und wird auch erreicht, Bild und Text kommen zu einer einzigen Aussage zusammen. Es ist eine bewusst schöne Geschichte.

Ein wenig zu viel Eintracht

Das ist letztlich auch das Problem bei diesem Bilderbuch. Es herrscht zu viel Eintracht. Der eigentliche Konflikt wird vermieden. Bens Anspruch aufs Alleinsein scheint letztlich eine vorübergehende Laune, ein nachmittäglicher Trotzanfall zu sein. Das tut ihm Unrecht, denn er ist etwas älter als Basti. Sich Freiräume schaffen gehört zum reifer werden. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich Ben noch recht unselbstständig, er braucht den Kleinen vor allem für Aufgaben, die ihm unangenehm sind.

Basti dagegen ist viel zu lieb und hilfsbereit, ihm würde es nicht schaden, sich gelegentlich auf die Hinterbeine zu stellen und sich nicht immer ausnützen lassen. Die Mutter der beiden beschränkt sich vor allem auf die Rolle der Beobachterin, letztlich aber Friedenshüterin. Eine Veränderung tritt in dieser Geschichte also nicht ein, bestätigt werden nur die guten Beziehungen untereinander.

Witzige, attraktiv illustrierte, konfliktfreie Geschichte von zwei kleinen Brüdern und ihrer tiefen gegenseitigen Zuneigung, die gelegentlich mal aufpoliert werden muss.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Michaela Holzinger, Andrea Dölling: Beste Brüder oder der bruderfreie Nachmittag
Wien: G&G Verlagsgesellschaft 2016
32 Seiten. 12,99 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
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