/

Eine »Pastorenzicke« ermittelt

Roman | Helena von Zweigbergk: Was Gott nicht sah

Mit einer Gefängnispastorin als Ermittlerin legt Helena von Zweigbergk ein bemerkenswertes Krimi-Debüt vor. Von BARBARA WEGMANN

»Was geschah an jenem Abend, an dem zwei junge Menschen so grausam und sinnlos ermordet wurden?« Gun, knapp 40 Jahre alt, sitzt seit drei Jahren im Gefängnis, mit der Bratpfanne soll sie angeblich ihre beiden Nachbarn brutal erschlagen haben. Menschen, mit denen sie eng befreundet war. Immer wieder beteuert sie ihre Unschuld, niemand kommt an sie heran, der ganze Fall hat etwas unerklärbar Nebulöses.

Intimes Tagebuch

Was Gott nicht sahDas ist schon ganz schön raffiniert, was Helena von Zweigbergk da anstellt: nicht genug damit, dass sie einen ausgefallenen und spannenden Kriminalfall analysiert und wieder aufrollt. Eine Gefängnispfarrerin ist es, die recherchiert und auf eigene Faust ermittelt. Und die dabei oft als »Neunmalkluge Pfaffenfrau« oder »Pastorenzicke« verschriene Ingrid, sie lässt nicht locker.

Letztlich ist es auch die Erzähl-Perspektive, die das Buch so reizvoll macht: wie eine Beichte, ein intimes Tagebuch, so schreibt Ingrid, formuliert in der Ich-Form an Gott. Sie betet, fleht, bittet und schüttet Herz und Seele aus. Ganz allmählich öffnet sich Gun und vertraut ihr und dabei kommt Erschütterndes zutage.

Verknüpfte Schicksale

Der Roman der Stockholmer Autorin, ihr erster Krimi mit der Gefängnispfarrerin Ingrid, ist genial angelegt: Thriller auf Psycho-Ebene, gleichzeitiges Aufarbeiten eigener Persönlichkeits-Defizite, dazu noch der eigene, ins Wanken geratende Glaube angesichts unbeschreiblicher Verbrechen und brutaler Gewalt. Ingrid ist Pastorin geworden, weil »ich so schreckliche Angst vor Menschen habe«, wie sie gesteht.

Scheu und zurückgezogen lebt sie, sehnt sich nach Nest und Liebe, lässt sie aber nicht zu. In der inhaftierten Gun sieht sie Züge ihrer eigenen Persönlichkeit: »Es ist, als hätte ihr Schicksal etwas mit meinem zu tun … Irgendetwas Merkwürdiges passierte mit mir. Noch verstand ich nicht, was.«

Geradezu berufen fühlt sich Ingrid, der misshandelten und aufgrund ihres alles andere als hübschen Aussehens gehänselten Frau zu helfen. Nicht locker lässt sie, deren Familiengeschichte Stück für Stück freizulegen. Bis in Guns Kindheit reichen Konflikte, verdrängte Geschehnisse zurück. »Für mich gibt es keinen Gott, Falls doch, wollte er mich nur bestrafen. Immer wieder hat er mich bestraft. Dabei habe ich nichts getan.« beteuert sie immer wieder.

Horrorbild eines Familienschicksals

»Für das hier gibt es eine Ursache … das hier ist der Knoten, aus dem heraus tausend krampfhafte Fäden diesen Menschen gefangen halten.« Diesen Knoten zu zerschlagen, das ist Ingrids Ziel. Der Weg der Annäherung an die verurteilte Gun überzeugt nicht immer und überall. Auch die Glaubwürdigkeit der hin- und hergerissenen Gefängnispfarrerin ist nicht immer gegeben. Das kann beim nächsten Fall, der in Planung ist, schon ganz anders, gereifter sein. Gelungen ist dafür das Horrorbild eines Familienschicksals, samt der dazugehörigen Akteure.

Insgesamt ist das Buch absolut lesenswert, stellenweise sehr anrührend, zeitweilig spannend, gelegentlich psychologisch hochinteressant. Außerdem liest es sich ausgesprochen flüssig weg, auch das sicherlich ein dicker Pluspunkt.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Helena von Zweigbergk: Was Gott nicht sah
Krüger Verlag
300 Seiten, 19,90
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Lebensgeräusche – Todesklänge

Nächster Artikel

Kino der Poesie

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Reiko Himekawa ermittelt

Roman | Tetsuya Honda: Blutroter Tod In Japan hatte sie bereits acht Auftritte. Weitere sind geplant. Die deutschen Leser lernen Reiko Himekawa jetzt mit zehnjähriger Verspätung in Tetsuya Hondas (Jahrgang 1969) Roman Blutroter Tod kennen. In ihrem ersten Fall bekommt es die blitzgescheite Ermittlerin der Tokioter Mordkommission gleich mit elf Leichen zu tun. Alle scheinen sie Opfer eines perversen Rituals zu sein – einer Todesshow, die so lange einmal pro Monat weitergehen wird, bis man ihren Organisatoren das Handwerk gelegt hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Brunettissimo – come sempre

Roman | Donna Leon: Geheime Quellen
Der neunundzwanzigste Fall ist es bereits und irgendwie lässt sich die Jahreszeit am Erscheinen jedes neuen Brunetti-Krimis verlässlich ablesen. Schon wieder ist es Sommer, Zeit für eine Geschichte aus der Lagunenstadt: ein bisschen Verbrechen, ein bisschen Familiengeschichte, Büroklatsch, gewürzt mit unüberhörbarer Kritik an Strukturen der Stadt, dem Massentourismus, der Mafia und dem überall nützlichen Mittel der Beziehungen. Die Welt von Commissario Brunetti, seiner Familie, Vize-Questore Patta und Signorina Elletra. Eine Welt, in der man sich als Leser so richtig zu Hause fühlt, meint BARBARA WEGMANN

Ein seltsames Paar

Roman | Friedrich Ani: Bullauge

Der 54-jährige Münchener Polizeihauptmeister Kay Oleander, vom Dienst freigestellt, weil er bei einem Einsatz gegen Demonstranten durch einen Flaschenwurf sein linkes Auge eingebüßt hat, glaubt, die Täterin auf einem Überwachungsvideo erkannt zu haben. Doch Silvia Glaser, 61 Jahre alt und seit einem Fahrradunfall, für die sie eine Polizeistreife verantwortlich macht, ebenfalls gehandicapt, bestreitet die Schuld. Stattdessen weiht die allein lebende Frau den Polizisten in ein von militanten Kreisen einer rechten Partei geplantes Attentat ein und bittet ihn, ihr zu helfen, den Anschlag zu verhindern. Zwei versehrte, einsame Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern, sind die Helden in Friedrich Anis neuem Roman. Von DIETMAR JACOBSEN

Eine Halbtags- Kriminalistin und ihre falschen Freunde

Roman | Monika Geier: Alles so hell da vorn In ihrem siebten Fall bekommt es die Ludwigshafener Kriminalkommissarin Bettina Boll mit Kinderprostitution zu tun. Und sie muss erkennen, dass sie sich in mehr als nur einem Freund bitter getäuscht hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Die beste Geschichte gewinnt

Roman | Steve Cavanagh: Fifty-Fifty

Eine bekannte New Yorker Persönlichkeit ist ermordet worden. Frank Avellino war einmal der Bürgermeister der Millionenmetropole. Nun hat ihn eine seiner beiden Töchter getötet, unheimlich brutal, mit 53 Messerstichen. Das Problem nur: Zum Zeitpunkt seines Todes waren beide Frauen im weitläufigen Haus des Vaters. Und jede von ihnen bezichtigt die andere der Tat. Ein Fall also, in dem die Chancen eines Anwalts tatsächlich Fifty-Fifty stehen. Und damit genau die richtige Herausforderung für Eddie Flynn. Aber hat sich der renommierte New Yorker Strafverteidiger mit Sofia Avellino wirklich jene Schwester ausgesucht, die unschuldig ist? Oder verteidigt er guten Glaubens eine gefährliche Psychopathin, die noch während der Vorbereitungen auf den Geschworenenprozess unliebsame Zeugen beseitigt? Von DIETMAR JACOBSEN